30.05.08

The kids don't stand a chance

THE KIDS DON’T STAND A CHANCE
(Im Garten liegt ein Hund und stinkt
Im Baum da sitzt ein Horn und winkt)

Aufgeführt am 28.05.2008


Aufführungsort / Kontext:

Das Künstlerhaus Vorwerkstift ist ein ehemals besetztes Haus (Altersheim) und wird seit 1994 von der ‘Stiftung Freiraum’, einer Tochterstiftung der ‘Patriotischen Gesellschaft von 1765’, verwaltet. Für drei bis fünf Jahre stellt diese mittellosen KünstlerInnen Wohn-und Arbeitsräume gegen Miete, die dem Erhalt der Bausubstanz dienen soll, zur Verfügung.
Die Bewohner des Hauses und die Stiftung befinden sich seit ca. einem Jahr aufgrund politischer Differenzen im Streit.
Die Performance fand im Rahmen der diesjährigen Hausausstellung statt.
http://www.vorwerkstift.de/

Dauer:

2 Std.

Materialen:

- Kostüm Itty: braunes T-Shirt: "Shit and Shine"
- Videoprojektor
- Video: "Art School Confidential" (Film von Terry Zwigoff, 2006)

Performance Ablauf:
Die Gäste plazieren sich stehend und hockend so zwischen den Kunstwerken, daß sie die Projektion sehen können.
Der Film "ART SCHOOL CONFIDENTIAL" wird gezeigt und an der Stelle unterbrochen und pausiert, in der im Film ein Interview mit einem erfolgreichen Künstler und Ex-Studenten der Kunstschule im großen Hörsaal beginnt. Es ist ein Standbild der Zuhörenden zu sehen. Itty tritt ins Bild und beginnt ihren Vortrag.
Nach Ende des Textes tritt sie zur Seite und lässt den Film weiterlaufen.
Im Film klatscht das Publikum.



















THE KIDS DON’T STAND A CHANCE

(Im Garten liegt ein Hund und stinkt
Im Baum da sitzt ein Horn und winkt)

(Text)

Rückschau
Film 1 und 2:
Szenario
Es regnet
Dämmerstimmung
Ein Amphitheater
Die aufsteigenden Stufen sind mit groben Holzplanken abgedeckt. Auf den Holzplanken ein gelbes, selbstbemaltes Schild mit der Aufschrift 'Gefahr im Verzuge'.
Das Theater ist kein Theater mehr, sondern die Terasse zum Garten eines Altersheimes.
Vor dem Seiteneingang des Heimes sitzen bärtige Menschen mit Gitarren um ein Lagerfeuer herum und nagen an Hühnerknochen vom Grill.
Atonaler Gesang und Geheule:
society is a hole it makes me lie to my friends
Ein Bandkollektiv aus New York, das gerade im Keller des Hauses aufgetreten ist.
Die Bühne im Keller, schnell aus Holz zusammengebaut, brennt leicht und ist zu klein. Die fünfzehn Schlagzeugerinnen der New Yorker Band haben nicht daraufgepasst, in den Keller hineingepasst, zum spielen. Sie waren aber zufrieden damit und tanzen jetzt um das Feuer herum, im Kreis. Das ergibt schließlich auch einen Rhythmus. Warum sich auch in einen Raum hineinquetschen, wenn der zu klein ist. Wenn dann alles so zusammenklebt, die Menschen aneinander, die Bilder aneinander und schwitzen und stinken, der Schweiß läuft mir vom Nacken den Rücken herunter bis auf den Po.
Ich leiste mir, hier nichts auszustellen
sagt Wild Man Fischer. Ich muss mit der Gitarre in der Stadt herumlaufen, ständig in Bewegung sein und schnell genug sein auch, damit ich noch was mitkriege. Darüber kann ich dann singen. Ja, ich mache Musik. Ich sitz da so auf der Straße rum, Hollywood Boulevard und singe, alles was ich so sehe. Und weh tut es auch, was ich so fühle. Ich hab einen Hut auf, nein, eine Baseballkappe, der Hut steht vor mir auf dem Asphalt. Am liebsten sitz' ich vor dem Stern von River Phoenix. James Dean find ich auch in Ordnung, Typen, die noch nicht so kaputt waren, irgendwie. Zerbrochen sind sie aber, muss man ihnen lassen, man kann ja nicht alles aushalten, irgendwann ist auch mal Schluss. Goldener Schuß kostet eben was. Mich kosten diese Medikamente schließlich auch was. Seitdem ich die nehme, mach ich keine Musik mehr. Will schon, kann aber nicht mehr. Also nicht singen, nicht Sprechen, Sehen tu' ich auch nichts mehr. Kann jetzt aber einkaufen gehen und ins Kino und sowas. Telefonieren. Ja, hallo? Das Telefon. Andere Verbindungen sind abgerissen. Kann man nichts machen. Die Drogen sind mächtig. Mein Gehirn ist aufgeweicht wie ein Schwamm, ich kann nur noch lallen und mache nachts ins Bett, deswegen schlaf ich dann den ganzen Tag. Und jetzt sagen die Leute, was ist mit dem Wild Man Fischer, der hat's doch voll drauf gehabt, was geht. Ich mein', ich hab richtig Fans. So normale Leute und Kunststudenten, die sich die Freaknummer reinziehen wollen, sag' ich mal.
Die wären nämlich gerne auch Freaks, kreativ nennen die das, aber da kommt nichts raus bei denen, weil die sind so normal. Ich erweitere sozusagen den Horizont. Ein Buchstabe mehr im Alphabet, eine Alternative; gut, daß es die gibt. Daher jetzt diese Empörung von den Fans, wie, Fischer ist am Ende, wieso das denn, der ist doch so ein geiler Typ. Der Zappa hat den doch entdeckt, der hat was übrig gehabt für Ausnahme-Erscheinungen, der Zappa. War auch tatsächlich kein schlechter Kerl, der Zappa, aber immer schön funktionieren, das sollt' ich doch. Drei Platten machen, berühmt werden, ins Studio rein und mit Goldener Platte wieder raus. Aber Studio war echt schwierig. Weil mein Gehör ist so-, ich lauf durch die Stadt und dann hör' ich.
Alles.
Musik.
Rhythmen und Melodien.
Ich bin wie ein Tape.
Aufnehmen gleichzeitig und abspielen.
Das ist eigentlich bloß eine Technik aus den Achtzigern, aber der Zappa hat das nicht hingekriegt für sich selber, einfach nicht hingekriegt, diese Technik anzuwenden, zu benutzen. Da war er irgendwie beschränkt. Für den war ich immer der super geniale Typ. Kreativ, wie gesagt. Der ist durchgedreht, war ganz aufgeregt: auf dem Hollywood Boulevard sitzt einer und schreit und singt für Groschen den Passanten ein Lied. 'Like a rolling stone'. Ich mein faszinierend ist das schon, ich kann auch verstehen, daß man sich dafür interessiert, so 'Outsider Kunst'.
Und warum interessier' ich mich eigentlich dafür? Einer singt schief und brüllt rum, ist echt 'ne gute Performance und dann ab in die Klapse. Da hat dann der Manager gefehlt, so ein ein Zappa-Kurator, der Führungen durch die Ausstellung macht und das Ganze als Kunst lesbar macht. Aber Zappa hatte den Rand voll, nachdem der Wild Man 'ne Flasche nach ihm geworfen hat, die beinahe das Zappa-Baby, den Mini-Zappa getroffen hat, das war dann die Grenze, so nicht. Das geht ja schnell. Falscher Rahmen, das kann sein, oder deine Kunst ist nicht lesbar, oder was auch immer du da machst, weil Kunst kann ja eben alles sein, kommt auf den Rahmen an, ausschließlich eigentlich. Der Rahmen ist das Wichtigste. Rahmen heißt Lesbarkeit. Von der oder der Seite aus was betrachten. Im Kunstrahmen darf man eigentlich alles machen. Das mag da drin dann gut oder schlecht sein, was wiederum vom jeweiligen Zeitgeist und den herrschenden Ökonomien abhängt, aber solange man den Rahmen nicht verlässt, kann man eigentlich alles machen- das frustriert natürlich. Weil es gibt ja das Wissen, daß das, was man da versucht, dadurch vielleicht echt belanglos ist. Das Wirkungsfeld ist ja ziemlich gering. Manche haben Hoffnung, daß was abstrahlt, daß von allen Prozessen, allen Diskursen, die auf so Konstrukte wie Gesellschaft, Staat, Familie, Hausgemeinschaft einwirken, der, den ich jetzt mal als 'Feld der Kunst' bezeichnen möchte, am schnellsten und deutlichsten Konsequenzen hervorruft. Also die coolen, die guten Leute, die sich weit aus dem Fenster, dem gesellschaftlichen oder dem Kunstrahmen hängen, quasi als Versuchskaninchen, die haben 'nen strahlenden Heiligenschein oder Märtyrerschein auf, der wirklich mächtig strahlt und gleich dreißig neue Sozialprojekte gedeihen lässt oder Ausdruckstanz und das Design vom neuen Airbus auch. An diesen Punkten ist man dann plötzlich verantwortlich, was will man, wo steht man- bei sich selbst, im Machtclub, als Meese beim Lead Award oder ebenfalls mit Narrenkappe auf im CCH- so als Schlingensief, Jelinek, Singtulpe oder Helge Schneider, bei denen immer alle immerzu ohne Unterbrechung lachen. Das schmerzt auch. Da muss man schon ziemlich stark sein, so als Helge Maria Jelinek. Das Publikum ist auch stark, brutal ist es. Mit Geld ließe sich die Brutalität und Gewalt vielleicht aushalten. Feudalkunst muss man dann machen. Top billin'. Naja und man kann man auch verweigern, abkacken und zwischen den Rahmen rumdümpeln, das kann auch ok sein, so ohne Zugang zur Macht. Milk is chillin, It is chillin'. '
Am Lagerfeuer sitzen und Basilkum züchten, aber richtig konzentriert und gut. So daß die Leute dann fragen, mensch, dein Basilikum, der ist aber richtig gut und saftig, wie kriegst du das hin. Diesen Ausnahmeerscheinungsbasilkum. Und du sagst dann, wenn du überhaupt darüber sprechen kannst, weil für das Sprechen gibt es ja auch Bedingungen, das geht ja nicht immer und überall- also wenn du überhaupt darüber sprechen kannst, sagst du dann: ich glaube das kommt daher, daß der Basilikum eigentlich kein Basilikum ist, sondern Malerei. Oder Dokumentarfilm. Oder ein Musikstück. Ist ja auch so. Aber da muss man dann schon wieder aufpassen, wegen der Klapse. Das man das nicht den falschen Leuten sagt, daß Basilikum eigentlich Malerei ist oder Schumacherei. Und wenn man dauernd Angst hat, lebt man in einem Zustand von Terror. Innere Überwachung, äußere Überwachung. Zweifel. Mißtrauen. All so ein Zeug. Spionage. Beamtentum. Eigentlich spreche ich dauernd über Gewalt, hab ich dir neulich geschrieben, und du hast geantwortet: was für ein Pamphlet Du mir da geschrieben hast, in Beichtform will man meinen, Ittylein. Ich aber denke eher ans Gebet. Die Ausnahmeerscheinungen beten und reinigen uns. Katharsis. Ich habe zwar dagegen gesprochen, gegen die Kirche und auch gegen die Freiheit der Kunst, aber nun denke ich, vielleicht sollte ich den Basilkum 'Freiheitsbasilikum' nennen. Der Basilikum an sich ist frei, ist ja auch logisch, so ohne Wurzeln, ohne Geschichte, ohne Unkraut, ohne Preisschild und nicht im Topf, nicht in der Erde und Musik macht er auch nicht, die sich auf Schallplatten pressen, ritzen und falzen lässt und die man dann nach Hause mitnimmt, wo man sitzt und trinkt und unruhig ist. Oder schläfrig. Wenn man schläfrig ist, war man vorher so unruhig und aufgeregt, daß man losgegangen ist und sich derbe viel reingezogen hat, so daß man jetzt erschöpft ist, ausgesaugt, ausgelaugt und eben schläfrig. Oder man hat nachts gearbeitet. Dann kann man Tags auch nicht mehr am Basilikum dran rummachen.
Der Bruder vom Comiczeichner ist ein richtig guter Comiczeichner, aber ein Schläfer. Die Medikamente. Er zeichnet nicht, er isst und schläft. Er sieht dick aus und ist es auch, wie die Hintern von den Mädchen in den Comics vom Bruder, der Zeichner geworden ist und nicht Schläfer, weil er irgendwie geschafft hat, Zeichner zu bleiben. Kultzeichner von Hintern, Nerdmädchen, Blues, Zöpfen, Zähnen und Tennisspielerinnen. Und nicht wie sein Bruder eine Zeitbombe, die rumläuft und sich beschwert und über sich selbst hinaus weist, auf Probleme, die keiner haben will und sehen will auch nicht. Nee, das zumindest ist er nicht, er ist keine Problembombe, der Robert. Seine Comics sind vielleicht schlechter, aber er kann sich besser bewegen in der Welt. Besser als der Schlafbruder. Der hat als Kind derbe gebrannt mit Talent und Humor, ohne kaputt zu sein davon, aber das ist lange her. Es war, bevor er mehr wollte als Zeichnen- zuerst nicht nur Figuren, die handeln und sich bewegen, sondern auch deren leere Sprechblasen. Leere Rahmen. Später dann den Text in den Sprechblasen ohne Sprechblasen drumherum- bis da nur noch Text war bis da nur noch Zeichen war bis da nur schwarze Streifen waren auf den Zeichenblättern so klein so viel so genau war die Schrift und all das was zu sagen ist. Ohne Rahmen.
Es gab da noch andere Brüder und Schwestern. Aber die beiden waren sich speziell nahe. Robert dürr und mit Hasenzähnen und Karos an und Charles sieht super aus und hat diese Störungen- jedenfalls läuft das nicht rund bei ihm, obwohl es könnte. The looks the brain. Also super Comics zeichnen die ganze Zeit jeden Tag und nachts auch und in Geschichten leben. Brüder. Keine Mädchen, immer in den Schulpausen mit dem Kopf ins Klo, da muss man sich was überlegen. Wie Musik oder Comics oder Charme, Witz, Wut und immer ein Notzizbuch dabei. In der Regel wird man dann später, spätestens in der Oberstufe, auch saucool wie die Ramones. Aber eine Familie mit vieren solcher Leute, das ist einfach zuviel, da können nicht alle überleben und gut bei aussehen. Es gibt Konkurrenz und Macht und Kampf- um Liebe, Anerkennung, Erfolg, gutes Essen, gutes Leben, Ruhe, Unruhe, Mut und daran kann man einfach kaputtgehen- wie Charles eben und Daniel, wie Fischer, Mickeymausfrau und Antonin, wie Dieter 'Otze' Ehrlich, wie Alice, Eiffe, Enid, Oscar, Brad und Joey .
Wisst ihr, wie oft ich schon verendet bin?
Viel zu oft......ich glaube ich kann bald nicht mehr.
Hier also öde Fotos...sorry.
Andere Position:
Sehr spät, aber immerhin und zur Entschuldigung ist eure Webseite
auch nicht auf dem neusten Stand, kommen die Bilder aus Potsdam. Falls ihr die größer braucht, dann sagt einfach Bescheid.
Vielen Dank.
Kurzer Perspektivwechsel:
Ein Sprung mit dem Skateboard von der Sonnentreppe.
(des Altersheimes)
'Zivilisation statt Messiekultur':
Werbung von Eastpack
Im Vordergrund steht eine Reise, in der Graffiti als Motiv der Bewegung und nicht wie sonst betont als Ziel der Bewegung gezeigt wird, denn heute gibt es kein Innen oder Außen mehr, sondern nur noch ein Dabeisein.
Teilhaben, was aber nicht ungedingt gleichzeitig Teilnehmen bedeutet.
Teilnehmen, was aber nicht unbedingt gleichzeitig Teilhaben bedeutet.
Bärtige Musiker sitzen hinter einem Zaun im Kreis um eine Feuerstelle herum und heulen. Das ist moderne Musik. Die Zuschauer klatschen und nagen an mitgebrachten Maiskolben.
Wir gehen jetzt also davon aus, daß durch Ihr Handeln nicht mehr Gefahr im Verzuge ist und wir dadurch keine Sanktionen verhängen müssen.
Es sei bei dieser Gelegenheit aber nochmals in aller Deutlichkeit gesagt, daß wir anderenfalls gezwungen sein würden, von unserem Hausrecht Gebrauch zu machen. Einen so schwerwiegenden Verstoß, wie es die grob fahrlässige Gefährdung von Leib und Leben von NutzerInnen und Gästen darstellt, würden wir zur Anzeige bringen; eine fristlose Kündigung des Nutzungsverhältnisses würde ebenfalls umgehend erfolgen.
Selbstverständlich bezieht sich das geschilderte Szenario nicht allein auf die morgige Aktion, sondern auf alle, solange die bauliche Situation so weiter besteht. – Wie jetzt ebenfalls klar sein sollte, daß selbstverständlich auch unangekündigte Veranstaltungen oder solche, von denen wir erst nachträglich erfahren sollten, unweigerlich die Kündigung nach sich ziehen werden.
Film 3 und 4:
Bärtige sitzen um ein Lagerfeuer herum und schweigen. Sie sitzen da jeden Abend und soviel hat man sich nun auch nicht zu sagen. Von vorneherein sind sie ja eine Zweckgemeinschaft gewesen und nicht aus Freundschaft, gemeinsamen Interessen oder ähnlichen Haltungen zusammengekommen. Diese Situation überfordert sie.
Draußen ist es kalt und das wird auch erstmal so bleiben. Hinein können sie jetzt nicht mehr. Also sitzen sie hinter dem Zaun, stumm und das ist kein Protest, sondern Schweigen, weil man sich nichts zu sagen hat.
Es ist gar nicht so schwer, sich so durchzuschlagen. Essen findet man immer und einen windgeschützten Ort wie dieses Amphitheater auch. Es stimmt also wohl, daß es kein Innen und kein Außen mehr gibt. Essen findet man immer und einen windgeschützten Ort wie dieses Amphitheater auch. Ab und zu kommen Leute aus der hübschen Schmiedeeisernen Flügeltür des Gebäudes in den Garten. Sie rauchen und trinken Sekt, lachen zurückhaltend und gehen dann wieder. Hinein. Draußen. Kaltes blaues Licht flackert durch die Fenster. Ein Triptychon, ein Mann am Kreuz, ein Video, ein Nam June Paik in einer Kellerbar auf dem Kiez, hauptsächlich von Pinnebergern und Segebergern mit Bierbäuchen frequentiert. Rechts und links vom Christus am Kreuz die Damen 'Terror 1' und 'Terror 2', die Peitschen schwingen und spitze Hochhackschuhe tragen. In ihrer Mitte ein Mann mit Kapitänsmütze, der mit einem Schweißgerät dem Gekreuzigten Funken ins Gesicht schlägt. Das ganze medialisiert in Video, Video in mehreren Würfeln- ein Nam June Paik.
Aber nicht doch, es handelt sich um eine geschmacklose gegenständliche Version eines Nam June Paik, eine Paik Oberfläche, zum billigen Effekt verkommen, mißbraucht, geschmacklos, abstoßend, brutal und das im Metropolitan Museum of Art, New York, 1982. Der Künstler hängt an seinen Hoden von der Decke, was bestimmt schmerzt, die Zuschauer zumindest auf jeden Fall. Der Künstler genießt die Aufmerksamkeit. Seine Freundin ist rothaarig und steht daneben, in der Nacht 'Terror 1', am Tag Verkäuferin an Kasse vier, Budnikowski, Hein-Hoyer-Str. Hier aber in diesem Laden wie auch im weiteren Leben ist sie die Kontrolle und hat Macht über den Künstler, vertraglich abgesichert. Der Künstler könnte auch beruhigt die Kunst aufgeben und im Keller wohnen, in ihrem Keller, Keller eins, wo sie ihn schlägt und an der Hundeleine lässt, geil findet er das, weil er ist krank, er hustet und ertrinkt von innen heraus und der Sex ist seine Rettung. Der Kunstsex. Die Sexkunst. Ich finde das rührend und süß. Selten sind Menschen in Beziehungen so respektvoll und offen. Wenn das Kunst sein soll ist mir das recht.
Und was für ein Pamphlet Du mir da geschrieben hast!
Ansonsten:
I'm living in this movie
but it doesn't move me
Menschen laufen auf langen, leeren, weißen Fluren geschäftig hin und her. Sie tragen keine Rollschuhe.
Sie verkeilen Wäscheständer ineinander und stapeln alte Möbel aufeinander und Klamotten und Backsteine, die sie mal irgendwo mitgenommen haben, weil man kann das ja vielleicht noch benutzen für irgendwas und nicht einfach wegschmeißen. Jetzt, in Zeiten neoliberaler Autokratie, haben sie allerdings ein Problem: der ganze Müll soll weg. Der Flur, der Kopf und die Feuerstelle, der Garten, die Musiksamplemaschine und das Telepathische Objekt, die Schreibmaschine, der Regenschirm, der weiße Laptop und das Telefon daneben, der Schweiß, die Bücher, der Sex und der Stapel Einladungskarten soll ordentlich sein und effektiv und vielversprechend und nicht rumgammeln. Deswegen laufen sie bei dem schönen Wetter auf den Fluren der Kunsthochschule herum, gefolgt von einem ambitonierten Kamerateam mit Eastpackrucksäcken und Nike Air und einer Rolle 16mm Film, denn der alte Professor ist gutmütig und voller Hoffnung und kann nicht mehr Unterschiede machen zwischen den Studenten- die wollen ja alle nichts mehr- und schenkt daher resigniert Film aus. Mit dem Film in der Kamera laufen sie dann im Kreis umher und landen immer wieder am Lagerfeuer, wo sie schnell einen Wodka runterkippen und eine Line Koks. Dann eilen sie beschleunigt umso schneller wieder hinein und verkeilen die Wäscheständer, die Klamotten, die Bücher, Pflanzen, Hundehaare, Grußkarten, Zeitungen, Kricketspiele, auch das Monopoly, die Turnschuhe, Tennisschläger, Ghettoblaster und was man sonst nicht zum Leben braucht, zu Kunst. Der Flur ist Tag und Nacht mit Ökostrom beleuchtet, damit man auch immer die Kunst anschauen kann von den Jungkünstlern, damit man auch weiß und versteht, was so einen Standort ausmacht und wie dankbar man sein darf, darin zu leben und Wäscheständer zu Kunst zu verarbeiten. Was im übrigen Schwerstarbeit ist. Man schwitzt dabei so, das Gemäuer wird feucht davon und geht langsam kaputt. Die Rote Flora wird da noch länger durchhalten, trotz der fetten Bässe jeden Abend. Muss man echt aufpassen mit dem ganzen Schweiß. Daß man nicht Fett ansetzt im ohnehin schon waberigen Gehirn. Man muss da dringend was dagegensetzten: Eine Amy, die mit fusseligem Mund einen Pete küsst. Ein Wadenbeisserpärchen im Beschwerdechor. Mehrere Österreicher. (Schriftsteller). Musik in der Garage machen wie auch in der Musikhalle. In den Keller gehen, wenn der Krieg zu doll wird, aber auch wieder rauskommen können, wenn's nötig ist, keinen Meter weit zurückweichen, Dubcore, die Psychose als Auftraggeber erkennen, Städte bauen und nicht die Intelligenz runterschrauben, das musste ich früher bei den ganzen Gymnasiastenprolls auch schon immer. Ist sehr unbereichernd.
Ich bin ganz außer Atem jetzt. Das war ja ein richtiges Kreativfeuer jetzt, wie im Buchladen rappen schon fast.
Pass mal auf, der hier ist noch viel besser:
Cindy hat eine Ausstellung in Köln und dann noch diese Preisverleihung in Wien
Louise ist arbeiten (Hundesitterin) und dann muss sie Tresen machen in einer Kneipe
Wo Robert auflegt, der macht das auch als Job
Daniel ist im Krankenhaus, es geht ihm echt nicht gut
Kim hat einen Auftritt, und gesagt, sie kommt danach auf jeden Fal.
Johann ist noch in seiner Galerie, kann später werden, meinte er
Da ist heute die Eröffnung von Falk, deshalb ist auch der nicht da
Und ich, entschuldigung, ich war auf dem Dachboden und hab' rumgedaddelt und voll verpeilt, daß es schon so spät ist.
Läuft echt gut bei dir, was?
Eigentlich schon: ich singe bei Kotflügel, alle Finger meiner rechten Hand sind noch dran, der Container mit den Affenherzen ist endlich angekommen und meine Eltern haben mir den schönen polnischen Namen Jezebel gegeben, der echt gut hier ins Viertel passt. Nur mein I-Pod ist kaputt, das ist auch gut, weil so ein bißchen Schwierigkeiten, die muß man sich ja selber konstruieren, von außen kommt ja nichts. Alles ist Butter, es gibt keinen Krieg, keinen Feind, oder nur Feinde oder Feindnebel, also wirft man ab und zu ein bißchen mit Trockeneis um sich, um das Gefühl von Klarsicht zu bekommen.
Und dann geht man ins Kino.
Und welchen Ratschlag würden sie einem jungen Künstler geben, der...
Seien Sie ruhig, sehen Sie mal, es gibt nur diese eine Frage, die Sie interessiert und die lautet: was muß ich machen, um Sie zu werden?
Ich werde Ihnen die Antwort geben: Kunst machen ist ein Beruf sozialer Fantasie, in dem Herstellende und Konsumierende darin zusammenarbeiten, ein Glaubenssytem aufrechtzuerhalten, das den Wert ihrer Kompetenzen und Dispositionen unterstützt. Also: um ein großartiger Künstler zu werden muß man einfach ein großartiger Künstler sein, da gibt es nichts zu lernen.
Also, Sie verschwenden alle ihre Zeit, gehen Sie nach Hause!
Film 5 und 6 (Start)
Art School Confidential
(Terry Zwigoff, 2006)
Nach dem Kino:
Musik: Top Billin' (Audio Two vs Air / Dangermouse )
If your soul loves the sun, money, shit and shine on!

22.12.07

Gute Kunst Interview

Titel:
GUTE KUNST INTERVIEW

Aufgeführt am 19.12.2007

Aufführungsort / Kontext:
Diese Performance fand auf Einladung des Kurators der Galerie der Hochschule für Bildende Künste statt, im Rahmen einer Veranstaltungsreihe, die den Studiengebührenboykott zum Thema hatte.
Zur gleichen Zeit präsentierten sich die zwanzig Bewerber, die es in die zweite Runde für das Hamburg Stipendium 2008 geschafft hatten, im Kunsthaus Hamburg. Auch das Projekt 'unlimited liability' und die drei Kuratoren des Künstlerhauses Frise e.V. waren dort mit ihren Konzepten vertreten- die Frise mit dem 'Fake'- Konzept in einem Teilnachbau ihres Ausstellungsraumes.
Ausgangspunkt der Performance der ATC war die Behauptung, die Galerie der HfBK befände sich nun in den Räumen des Kunsthauses und zwar in dem dort nachgeahmten Galerieraum des Künstlerhauses Frise



Dauer:
30min

Materialen:
- Kostüm Itty: legére Schulmädchenuniform
- Kostüm Legasto: Waldmann verkleidet als Bart Simpson (modifizierte Maske der Frise Performance)
- 2 x 1,5m weisse Papierbahn, mit Malerkrepp an weisse Galeriewand geklebt
- schwarzer Edding
- Skateboard
- Handy mit eingesteller Weckerfunktion auf 18h, Weckton: "The Simpsons" Theme
- Tisch, Stuhl, Leselampe

Performance Ablauf:

17.30 Uhr
Itty sitzt an einem Schulpult
Legasto schreibt auf die Papierbahn immer wieder fortlaufend von oben links nach unten rechts: "Ich werde mir die Hände nie wieder schmutzig machen."
Itty liest den Text einmal, beginnt dann wieder von vorn, Legasto schreibt, bis um18.00 Uhr der Alarm ertönt.
Itty nimmt ihre Tasche, Text etc, verlässt das Kunsthaus
Legasto nimmt Skateboard, fährt hinaus



















GUTE KUNST INTERVIEW

(Text)
Ich freue mich wirklich, daß Sie kommen konnten, hatten Sie denn einen guten Flug?
Nun, der dickste Mann im ganzen Flugzeug wurde neben mich gesetzt, so daß ich sehr eingeklemmt war, in der Mitte einer Fünferreihe. Ich bin dann aber irgendwann eingeschlafen und als ich aufwachte, war mir sehr heiß. Und dann habe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Panikanfall bekommen. Ich hatte Atemnot und dachte, keine Sekunde länger halte ich es aus in diesem Flugzeug. Alle schliefen, es war Mitten in der Nacht und draußen war Sturm. Auf dem Fernseher lief eine Disneyproduktion, ein Schiff in Seenot, wahrscheinlich 'Die kleine Seejungfrau'.
Ich bin aufgestanden, habe mich rausgezwängt, an dem dicken Mann vorbei, habe ich mich in den Gang gelegt und wurde ruhiger. Aber schon nach ganz kurzer Zeit kam eine Stewardess und bat mich, den Platz zu räumen. Den Notausgang.
Apropos räumen...Sie haben doch dieses neu gebaute Hotel hier am Hafen, da bin ich vorbeigekommen auf dem Weg zu meinem Hotel, bin kurz stehengeblieben und habe reingeschaut...die Fenster sind so groß, die Leute sitzen da drinnen wie in einem Aquarium und man kann ihnen beim Essen zuschauen. Das hat mich interessiert. Aber gleich sind zwei Sicherheitskräfte aus dem Hotel gekommen, die wollten, daß ich weitergehe. Ich habe gesagt, ich würde gerne noch ein bißchen schauen, Menschen interessierten mich, da haben sie die Polizei gerufen und ich habe einen Platzverweis bekommmen bis zum nächstenMorgen um acht. Das war um 23 Uhr.
Aber ich bin ja hier, trotzdem. Ich bin hier heute aus Eitelkeit, aus Notwendigkeit unökonomischer Art und weil ich das Geld brauche.
Wovon lebt man als genreprägender Musiker ohne wirtschaftlichen Erfolg?
Gut. Warum auch nicht. Solange man als Musiker seine Integrität bewahrt, ist alles in Ordnung. Wenn ich, um meine Integrität als Musiker bewahren zu können, nebenher arbeiten muss, und sei es bei McDonald's oder Walmart, ist immer noch alles in Ordnung. Ich habe zwischenzeitlich eine Kunstgalerie in Los Angeles geleitet, ich habe Anfang der achtziger Jahre für die erste Independent-Plattenfirma gearbeitet- heute bin ich Gastdozent am Art College in Pasadena, Kalifornien. Den Job habe ich nur deshalb bekommen, weil ich ich bin. Weil die sich mit einem Avantgardisten wie mir schmücken wollten, um ihre hohen Semestergebühren zu rechtfertigen. So gesehen habe ich dann doch Karriere gemacht.
Und welchen Ratschlag würden Sie einem jungen Künstler geben, der...
Ach, seien Sie ruhig, sehen Sie mal, es gibt nur diese eine Frage, die Sie interessiert und sie lautet: was muß ich machen, um Sie zu werden?
Ich werde Ihnen die Antwort geben: um ein großartiger Künstler zu werden, muß man einfach ein großartiger Künstler sein. Da gibt es nichts zu lernen. Also, Sie verschwenden alle ihre Zeit, gehen Sie nach Hause.
Und warum sind Sie so ein Arschloch?
Das ist eine super Frage! Wirklich! Wir alle sind Arschlöcher, aber ich habe die Freiheit erlangt, eines zu sein.
Kunst zu machen ist ein Beruf sozialer Fantasie, in dem Herstellende und Konsumierende darin zusammenarbeiten, ein Glaubenssytem aufrechtzuerhalten, das den Wert ihrer Kompetenzen und Dispositionen unterstützt. Und dieses Glaubenssystem gründet sich auf eine größtensteils ideologische Autonomie, die ein Leugnen des spezifischen Materials und der beruflichen Interessen der Produzierenden vorraussetzt.
Kunstakademien haben die sich widersprechende Funktion, Berufstraining in einem Beruf zu geben, dessen Charakter als Beruf verschleiert oder geleugnet werden muß, damit er überhaupt weiter reproduziert werden kann. So eine Lehre kann nur als eine Form reiner Induktion existieren. Was übertragen wird, ist weniger eine spezifische Zusammenstellung von Kompetenzen, sondern mehr ein Glauben an den Wert (und das Existieren) von künstlerischer Kompetenz als solcher.
Die Kunsthochschule ist eine Schule mit mystischem Charakter.
Ich bin dann acht Mal um das Gebäude herumgelaufen. Potenzierung nennt man das. Ich dachte, wenn ich oft genug um das Gebäude herumlaufe, passiert vielleicht etwas. Mit der Nacht des Wissens, mit der Berufsschule, mit dem Kunsthaus und der nervösen Destroyline, die jemand auf die weiße Wand getaggt hat. Ich hoffe auf die elektronische Revolution.
Sie haben aber mystisch gesagt und nicht mythisch, oder?
Das ist richtig. Ich habe auch hoffen gesagt und nicht glauben.
Ich hoffe auf die elektronische Revolution.
(Elektronische) Revolution. Rebellion reicht ja auch. Für den Anfang. Eigentlich muss man das auch gar nicht betiteln. Unzufriedenheit, Unruhe, Politik, Bauchgefühl, Schwierigkeiten, Depression und Widerstand.
Aber das letzte Wort der Macht lautet ebenfalls, daß der Widerstand primär ist....
Deswegen bin ich auch heute hier. Ich dachte, ich muss nochmal wiederkommen und dann schauen, was in der Verschiebung passiert. Wie ein Forscher. Forschen hat ja ersteinmal etwas mit Interesse zu tun. Ich versuche Dinge zu entdecken und mich selbst auch. Also was mach ich hier, und was für eine Figur. Und was machen Sie überhaupt damit. Ich glaube nicht, daß Sie mich rausschmeißen werden- wenn Sie gut sind, dann klatschen Sie und trennen in gute Kunst und in nicht so gute Kunst. Das ist die Aufgabe von Managern. Der Manager bleibt in turbulenten Situationen nicht ruhig und gelassen, sondern produziert schon jetzt die Störungen, die für morgen zu erwarten sind, damit die Organisation rechtzeitig lernt, darauf zu reagieren.
Naja, und dann bin ich ungezählte Male in das Gebäude reingegangen. Ich hab' da auch gar nicht so drüber nachgedacht. Macht man halt so. Ich meine, mitmachen. Und dann an Punkten hab' ich nicht mitgemacht, weil ich dachte, so, jetzt ist aber mal Schluß. Das Problem ist, soetwas kann man eigentlich nicht machen, solange man keine Macht hat. Also nicht mitmachen, sich verweigern, nennt man das glaub' ich auch. Weil wenn du keine Macht hast, dann merkt das keine Sau. Machen kann man das natürlich trotzdem, die Frage ist nur, wie effektiv ist das? Dreitausend Leute demonstrieren, und das ist für'n Arsch, und die Künstler ziehen sich die Narrenkappe auf, wenn sie nicht ganz dumm sind, also smart. Mit Narrenkappe auf wird man auch eingeladen, in die Zentren der Macht, die heute dezentral sind und darf da Sprechen. Am Ende klatschen alle und man selbst hatte im besten Fall seinen Spaß, weil man liebt, was man macht, sofern man überhaupt noch lieben kann, was man macht, was man eventuell kann, wenn man den ganzen Restscheiß ausblenden kann. Dann kann man was genießen und ansonsten hat man vielleicht Kohle oder Koks oder Saufen. Ficken geht auch noch. Ich muss ja auch gar nichts außer essen, saufen und schlafen, eigentlich.
Wie können wir weitermachen ohne aufzuhören, oder wie kann man aufgeben ohne aufzugeben? Es geht um die Erforschung des Aufenthalts oder des sich Aufhaltens in diesem Zustand, in dem wir alle uns befinden. Schon die Definition dessen, mit dem man weitermachen könnte oder des Aufzugebenden ist ja schwierig. Bei einer Ausstellungseröffnung neulich sprach die Ausstellende mit Betrachtern ihrer Installation über ihre Installation, die sie als ihre Kunst bezeichnete, sie als Künstlerin. Ich fragte nach, warum sie sich als Künstlerin bezeichne, worauf sie meinte, daß sie eben Kunst mache. Sie fragte mich dann, was ich denn täte, worauf ich antwortete, ich habe an der Kunsthochschule studiert, würde mich aber nicht als Künstlerin bezeichen. Das Nicht-Bezeichnen jedoch könne ich wohl auch nicht mehr lange ausüben, denn die Bezeichnungsfrage sei für mich vor allem ökonomischer Natur. Es gebe den Zwang, sich als Künstlerin bezeichnen zu müssen, wenn man denn seine Sachen weiter machen wolle. Sie fragte mich dann, ob ich meine Arbeit also nicht für künstlerisch halte? Ich mache Musik, habe ich darauf gesagt.
Ich bin hier heute aus Eitelkeit, aus Notwendigkeit unökonomischer Art und weil ich das Geld brauche.
Dr. Legasto malt Parameter an die Wand: einen Kunstrahmen. Glaubenssysteme stecken wie bei einer russischen Puppe Eines im Anderen, die größte Puppe wird als Kapitalismus bezeichnet. Man kann sich also die Hände nur schmutzig machen. Deswegen stapeln wir einen Raum in den anderen, der ein anderer Raum ist und ein gefälschter Echter und in der Verwirrung kann man sich vielleicht was anschauen.
....Oder zumindest fragen, wer jetzt das Hausrecht hat.
Die richtige Seite ist keine richtige Seite. Es gibt sie in der Form nicht mehr. Meine Malerei beschäftigt sich ja mit der Politizität von Bildern, aber sie ist nicht politisch in dem Sinne, daß sie eine Position bezieht, die auf etwas Anderes verweist als eben auf die Problematik oder die Schönheit der Uneindeutigkeit.
Im herrschenden Diskurs meiner Kindheit galt 'Schwierigkeiten machen' als etwas, das man auf keinen Fall tun durfte, und zwar gerade, weil es einen 'in Schwierigkeiten bringen' konnte. Die Rebellion und ihre Unterdrückung schien also in denselben Begriffen verfangen, ein Phänomen, das zu meiner ersten kritischen Einsicht in die subtile List der Macht führte: das herrschende Gesetz drohte, einem 'Arger zu machen', ja einen 'in Schwierigkeiten zu bringen', nur damit man 'keine Schwierigkeiten machte', 'keine Unruhe stiftete'. Daraus schloß ich, daß Schwierigkeiten unvermeidlich sind und daß die Aufgabe ist, herauszufinden, wie man am Besten mit ihnen umgeht, welches der beste Weg ist, in Schwierigkeiten zu sein.
Dabei macht man natürlich dauernd Fehler, oder man scheitert. (Organisation besteht darin, die eigenen Entscheidungen, die man in ihren Prämissen und Absichten für selbstverständlich hält, in Frage und mit Alternativen konfrontieren zu lassen. Das ist der Grund, warum Unternehmer, Organisationsentwickler und Personalberater heute so gerne 'Querdenker' einzustellen behaupten. 'Querdenker' sind Leute, die die Vorurteile derer, die geradeaus denken, nicht teilen, sondern andere Vorurteile mitbringen.
Daher auch der Ausspruch 'Es gibt keine Alternative'?
Ja, denn es gibt natürlich immer Alternativen. Was wir hier heute machen, ist ja auch eine Alternative. Alternative bringt natürlich immer weiter, ist also innovativ. Aber eigentlich will man das ja nicht sein. Man will ja den Leuten, die man nicht mag, eigentlich tatsächlich den Hahn zudrehen und ihnen nicht noch einen neuen verchromten oder neonfarbenen völlig unentgeltlich vorsetzen.
Und welche Leute ich nicht mag, das hat nichts mit Sympathie zu tun, sondern mit Ökonomie. Geld. Macht. Geld. Essen. Geld essen. Aber die Forderung, 'es gibt keine Alternative', die kann man ja im Kopf haben, so als Motor. Wenn man das schaffen sollte, keine Alternative zu sein, dann hat man sich ja leider auch selbst abgeschafft oder überwunden, das ist dann eine andere Frage. Ob man das überhaupt will und ob das nur destruktiv sein kann oder ob man dann jetzt eher über Zen oder Buddhismus, über Glauben, sprechen müsste.
Also scheitern tut man, so oder so und produziert dabei am laufenden Band Alternativen. Aber ich denke, einfach so aufhören geht auch nicht. Also kampflos aufhören. Ohne weiterzumachen. Das ist vielleicht letztendlich nur sehr persönlich, aber es ist mir wichtig. unzufrieden zu sein, in Schwierigkeiten. Das ist auch gar kein Problem eigentlich, das eigentliche Problem ist doch:
wie kann man freudig in Schwierigkeiten sein? Also das muss doch Spaß bringen.. Man darf doch nicht verbittert werden darüber sondern eher schalkhaft und laut lachen. Den Spaß sich an den Schwierigkeiten erhalten. Sagen, wie toll, daß ich jetzt hier stehe und rede. Das Reden, das macht ja auch Spaß, also tatsächlich dieser Akt des Sprechens. Ich mache den Mund auf und Ton kommt raus, oder ich merke wie sich Ton formt. Das könnte ich ewig machen. Lieber würde ich allerdings singen und tanzen. Aber das wäre, glaube ich, eine falsche Entscheidung gewesen. Ein bißchen pisacken muß man sein Publikum ja doch. Und das macht auch Spaß. also daran hab ich auch Freude. Leute ein bißchen quälen, vielleicht ein bißchen Schwierigkeiten machen, so nett.
Ich wünschte ich wäre wirklich dick, nicht auf diese Weise
nicht auf die Weise, die die Leute meinen; ich wünschte, ich
wäre wirklich dick, würde 366 Pfund wiegen und an einem
Tisch in Paris sitzen, 6 Romane hinter mir, schon bereit zu
sterben und warten; irgendetwas aus einem Topf essen,
ein 1/2 lebendes Kaninchen, die Frauen als Dreck ansehen
die Welt als Dreck ansehen, wissen, daß der Boden Kartoffeln
wachsen lassen wird, Kohlen, alte Gräber, Diamanten
einen Witz über die Sonne wissen und etwas über das
was Gott im Sinn hat.
der Schreck ist im Sehen und Fühlen und nie im
Wissen. Es ist das Wissen das dich dick
macht. Es gibt nichts zu wissen. Das zu wissen
macht dich wahrscheinlich dick.
Vielleicht schaffe ich Paris noch.
& ich werde dir einen langen versiegelten Brief schicken
mit einem schwarzen Schnörkel am Ende, fett und
wahnsinnig. Ich werde den Berühmten spielen und du
wirst lächeln. Jetzt sehe ich einige orangefarbene Rosen. Das ist
gut. Das ist gut. Orangefarbene Rosen haben nichts
Erschreckendes für mich. Heute nicht.
Ob sie jemals aus meinem Unterhemd
rausragen werden oder aus einem
Pokal. Es wird das selbe sein.
Ich sehe jetzt Rauch aus meinem
Fenster. Zeit zu gehens. Es
könnte Feuer
sein.
Ich bin hier heute aus Eitelkeit, aus Notwendigkeit unökonomischer und ökonomischer Art und weil ich das Geld brauche. Um Erniedrigung zu geniessen.
Aber wenn man schon politisch denkt und so ein Medium zur Verfügung hat, reizt dann nicht die direkte Botschaft? Früher hätten manche eine Verpflichtung zur politischen Wirksamkeit abgeleitet.
Ich glaube nicht, daß das geht. Ich glaube, daß Kunst, ganz stumpf, in erster Linie gute Kunst sein sollte. Das ist schon schwierig genug. Die muss weder von guten Menschen noch für gute Menschen sein. Das Einzige, was mich immer interessiert hat, ist, eine Begrifflichkeit von den herrschenden Verhältnissen zu haben, von den Bildern, die sie produzieren.
Sie sehnen sich nach einem Ideal, nach Tugenden...je tugendhaffter eine Sache ist, desto größer ist der Egoismus.
Mir wirft man ja auch vor, ich würde soviel machen, um noch mehr und noch mehr Geld zu verdienen, vielleicht, weil Geld im Zentrum meiner Auseinandersetzung steht, und das finde ich auch wichtig. Ich denke darüber nach. Die Anderen verdienen es hinter ihrem Rücken, wie das bei Künstlern eben sein muss. Oder verlieren es hinter ihrem Rücken- wie das bei Künstlern eben sein muss. Also da bewirbt man sich auf ein Stipendium, dafür muss man dann eine Ausstellung machen, alles selbst finanzieren, die ganzen Materialkosten, diese Materialschlacht, alles, und am Ende kommen dann Leute, Kunstinteressierte oder Kollegen oder Konkurrenten, die Jury nicht, die kommt ja umsonst rein oder bezahlt wieder anderweitig hinter dem Rücken, jedenfalls wird Eintritt bezahlt für diese Ausstellung und man selbst schaut in die Röhre. Ich finde das absurd. Das ist auch Erniedrigung, aber ohne Genuß.
Dann versucht man strategisch zu werden, aber die meisten Strategien sind dämlich und führen zu nichts, weil man kann ja immer nur die Fehler machen.
Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

24.09.07

Containerkaputt

Performed 22.09.07 at Hafenklang, Hamburg

CONTAINERKAPUTT
(Sex,Drugs and Rock'n'Roll)

Itty Nerdiva and Captain Legasto
feat. Sailorboy Grimm




disco ist scheiße!
ich war in dieser teenie kaputt stimmung, schon seit wochen. ich hatte ordentlich vorgeglüht, bier und schnaps zum halben preis in der kneipe, in der ich manchmal arbeite und gin- tonic bei den punker-assis gegenüber, der dort so richtig billig ist, weil man anderweitig draufzahlen muss, mit lebensenergie nämlich. voll die zombie party ist da immer im gange. man kann nichtmal nostalgisch werden dabei. in der tür saß einer auf einem barhocker und hatte nen rotzeanfall, zog immer die rotze hoch und hustete dann, dann wieder rotze, das ging fünf minuten, dann kotzte er und fiel vom stuhl, mitten in den raum rein, lag da wie tot. also hat ihm sofort einer voll in die eier getreten, bot sich ja an. auf der eckbank neben zwei fummelnden kiddiepunks saß einer zusammengesunken und pennte. war ganz friedlich, ratte auf der schulter und so, aber jedesmal, wenn die tür quietschte und wer reinkam, wachte er auf, haute mit der faust auf den tisch und brüllte 'bambule! bambuuuuhhle'. die tür ging dauernd, weil das ist ein durchgangsladen. alle sitzen draußen und genießen den blick auf die containerschiffe im dock.
ich war jedenfalls schon ziemlich betrunken und musste den pegel halten, ich brauchte dringend bier oder irgendeinen schnaps, aber hier am arsch der welt gab es einfach keine verdammte tanke. eine scheiß party war das bestimmt. andere elbseite, hochglanzplakate, brückenschlag, stadtteilaufwertung, megahippness, daß ich nicht lache. meine hoffnung auf schnaps war auf null, aber endlich tauchte ein kiosk auf, erlösung. 24 stunden lang durchgehend konnte man dort schnaps und belegte brötchen kaufen, genau richtig also, aber meine beiden begleitpaare, die eben noch alle fünf minuten zwischenstopp eingelegt hatten, um rumzuknutschen, war ja alles so romantisch, rost, stahl, gammel und kräne, wollten plötzlich nicht mehr anhalten. auf einmal könnte die party schon vorbei sein, beeilung, außerdem wären wir sowieso gleich da.
also hab ich wütend mein fahrrad hingehauen, bin in das kiosk reingestapft und hab mir drei kleine jägermeister und einen küstennebel gekauft, aus frust, ich trink so zeug normal nicht. als ich wieder rauskam, waren die vier anderen weg, mein fahrrad sah aus wie ein toter elch und die kette war gerissen. ich musste also weiterschieben, alleine. die straße ging ewig geradeaus, freihafen eben, total einsam, komische industriegeräusche, tote tauben auf dem asphalt, diffuses gelbes licht und der mond war auch ganz orange und weil ich nicht wirklich wusste, wonach ich suchen sollte, vielleicht war diese blöde party in einem ehemaligen bunker und von außen daher nichts zu hören, war ich die ganze zeit ein bisschen angespannt. aber endlich sah ich mein ziel: ein holzverschlag mit bunten lichterketten dran auf einer feuchten wiese. es wummerte bass.
ich kletterte über einen stacheldrahtzaun, um meinen weg zu verkürzen und riss mir ein loch in meine giftgrünen leggings. scheiße, scheiße!
die weiße rüschensocke ist über die ferse nach vorne in den schuh gerutscht. unter dem fußballen bildet sie einen schmerzhaften wulst aus feuchtem stoff. ich kann die socke nicht hochziehen, ich müsste den schuh ausziehen, alles liegt sowieso nur an diesen blöden schuhen. wie konnte ich bloß auf die idee kommen, sie ausgerechnet heute anzuziehen. verdammt spitze schwarze stiefeletten mit pfennigabsatz. zum rocking rave. ich hatte durch die nassen füße allerdings jegliche legitimation, später barfuß durch scherben zu tanzen, um eine feuertonne herum- aber noch war ich nichteinmal angekommen, bei derselbstbau boombox. weil ich mit den high-heels dauernd im schlamm steckenblieb, humpelte ich schwerfällig über die wiese und stellte fest, daß diese an einem kanal endete. der holzverschlag war gleich am anderen ufer, aber ich konnte nicht hin. das kanalufer war mit weiden bewachsen, die ins wasser hineinhingen und überhaupt war das gestrüpp ziemlich dicht. plastik hatte sich darin verfangen und leere dosen und ich hatte überhaupt keine lust, mich zu entkleiden und durch den kanal zu schwimmen. das wasser sah sehr braun aus. vielleicht waren krokodile drin. ich hätte mich ans ufer gesetzt und huckleberry finn gespielt, oder robinson, aber der fehlende schnaps, der blaue lidschatten auf meinen augen und auch mein kiss t-shirt hinderten mich daran. ich war kein kind mehr. meine füße waren naß, meine hose im arsch, es fing an zu regnen und ich hatte nichts mehr zu trinken. es machte mir keinen spaß. ich stapfte den kanal entlang, zur straße zurück, die ich mich endlose weitere windungen im kreis führte, bis ich endlich die blockbaucontainerhütte erreichte. alaska.
es ist neblig vor rauch hier drinnen, die tanzfläche aus festgestampftem lehm ist leer bis auf zwei langhaarige, die sich auf dünnen beinchen mit kautschukschuhen unten dran zu vierviertel applesound mit obertonpanflöten wiegen, köpfe in den nacken gelegt, die augen geschlossen und die arme weit ausgestreckt. die restlichen sechs leute stehen an einem tresen, der aus schrott geschweißt ist und reden über musik. oder über leute, die musik machen. oder über instrumente und verstärker. also über sich. über sich über sich über sich und ihre zwischenmenschlichen beziehungen und wie sich neulich d. wieder lächerlich gemacht hat, als er auf der party von m. m's fernseher aus dem fenster geworfen hat aus frust über die fehlende musik oder den fehlenden rock oder das fehlende geld oder aus eifersucht. d.ist ein stinker. d. steht für double trouble. dann geht die hüttentür auf und d. kommt rein. d. geht zum tresen und bestellt ein bier. alle sagen hallo, d. und ignorieren ihn dann. reden weiter über rock und sich, sagen sachen wie: 'leute gehen auf rockkonzerte, um leuten zuzuschauen, die an sich selbst glauben.' ich ziehe gelangweilt an der tüte, die mir in abständen von zehn minuten von einem der beiden langhaarigen tänzer gereicht wird. ich hab ewig nicht gekifft. eine von den tussies, die am arm von ihrem typen hängt sagt: 'du hast ein hübsches stimmchen, aber was du machst, ist einfach gemein. so ordinär. ich z.b. habe vielleicht eine spitze zunge, aber destruktiv bin ich nicht .' 'mensch, liz ist 22 und hat schon alles erreicht, was man in einem leben erreichen kann, jetzt kann sie sich nur noch umbringen, um ihre karierre zu retten, schau sie dir mal an, die fette sau! die ist nicht mal in der lage, ihr eigenes playback zu singen. oh gottchen!' ' 'ich glaub du hast recht.'
plötzlich schreit d.: ALLES GEHT KAPUTT! ! CONTAINERKAPUTT! CONTAMINIERT! ihr seid schweine! ich verachte euch! wir sind schweine!
ich verachte euch zutiefst! WIR SIND ZOMBIES! eure fressen gefallen mir nicht! von wegen hamburg rockt,alles pop! popperschweine! punk! punk! punk! für immer! soul! mind! fist! for ever ever, for ever ever ever! don't ever fuck with me! itty!
und dann haucht d. dem barkeeper und veranstalter, dem mac, dem don also, seinen stinkenden atem ins gesicht und macht: buh! ich muss lachen. das kommt gar nicht gut. alle drehen die köpfe zu mir und starren mich an, auch d. ein moment der stille. ich mache den fehler und sage leise: buh. d. ist mit drei schritten bei mir, sein gesicht ganz nah und schreit mich an:
hey, das ist meine show hier! i'm miss world! fucking loser! asshole!
der blockdon steht plötzlich auch daneben und sagt durch zusammengepresste dünne lippen mit bärtchen unten dran:
du spinnst wohl. ich hab mir das hier selbst aufgebaut, in der langweiligsten landschaft der welt, du pottsau. und du bist bloß ein durchgedrehtes lockengelöt, klöterst durch die gegend, schon seit wochen bedröhnt, hängst ab mit besoffenen. ich hab die schnauze voll. torten-gedöhns!
ich kriege einen lachkrampf. das kenn ich schon, das mit dem lachen, mein ich. passt nie, kommt in falschen hals, außer mit richtigen freunden, in der u-bahn, nachts nach st.pauli. die gesichter von diesen leuten...kann passieren, daß man dann aufs maul kriegt. ich lache nicht freundlich genug, so als würd ich auch sonst immer kichern, so mädchenhaft. alle wollen streß haben, sich prügeln, ich auch. ist wirklich wahr. ich steh drauf. jetzt gerade allerdings bin ich zu bekifft. hab ich ewig nicht gemacht, das kiffen. daher der lachkrampf vielleicht, war ja nicht witzig, der don nicht, d. nicht, die allgemeine situation nicht und die party langweilig. und jetzt stress. ich versuche mich zusammenzureißen, weil ich merke, daß ich gleich wieder lachen muss, das kommt vom streß. der stress macht, daß ich noch mehr lachen muss. das will ich dem don sagen, aber ich kann vor lachen nicht reden. sitze da auf einer holzkiste und hab schmerzen im unterleib vor lachen. gleich piss ich mir in die hose. der don sieht immer wütender aus, was hat der bloß, denke ich und muss weiter lachen, fängt an, spaß zu machen. vielleicht sollt ich mir in die hose pinkeln vor lauter rock. so g.g. allin. sollt ich dem don vielleicht vorschlagen, leg dich vor mich hin, don, auf den lehmboden und ich pisse dir in den mund, voll freakig wär das. vielleicht lieber nicht fragen, einfach machen. spontan sein. richtige fehler im richtigen moment. scheitern, ch stehe auf, ein bißchen unsicher auf den beinen, schwankend. wie soll ich den don bloß umhauen, daß er vor mir auf dem boden liegt und ich ihm in den mund pinkeln kann. denke, daß das aber eine gute idee wäre, ihn anzupinkeln. denke dann, daß ich das doch eben schon gedacht hab, das mit der guten idee. denke, diese schlaufen, daß ich immer alles wiederhole im kopf, das kommt vom kiffen. ich denke immer voraus, also schneller als ich kann, dadurch bin ich dann zu langsam im denken. vom kiffen kommt das, auch die beinchen so wackelig.
der don zieht eine fiese grimasse und fällt um, auf den lehmboden, direkt vor meine füße mit den nassen lack high heels. komisch. wieso liegt der jetzt da, ich hab doch gar nichts gemacht, aber umso besser, kann ich ihm jetzt easy in den mund pinkeln, muss ihn nicht erst umhauen. ich mache einen schritt zur seite und positioniere mich breitbeinig über dem kopf vom liegenden don. der hat die augen weit offen und schaum am mundwinkel. vielleicht ist er krank, denke ich und daß ich ihm vielleicht helfen müsste, aber heute hab ich da überhaupt keinen bock drauf, kann mir gar nicht vorstellen, was das für ein gefühl ist, jemandem helfen zu wollen. kann mir nur vorstellen, wie es ist, ihn anzupinkeln. voll freakig und wohlig, wie g.g.allin, warmes rock'n'roll gefühl, wie dead boys, wie iggy, wie acdc, wie ramones und motorhead, turbonegro, social distortion, misfits, spermbirds und slime. ganz euphorisch werde ich davon. wie früher, mit sechszehn, eierlikör im hobbykeller von den nachbarn. dann metaldisco mit laserlight und alle im kreis mit den haaren am schwingen. sehr schön kann das sein. ich hab nur immer zugeschaut. wie beim sportunterricht. beim sport hat sich auch einmal eine angepinkelt, vor lauter angst. war ich aber nicht, ich war zwar unten in der hackordnung, aber auch bockig. war punk irgendwann, das war auch besser, hab ich immer nur zigaretten vorgedreht auf der bank und nicht mehr gewartet, daß ich aufgefordert werde zum volleyball. ich steh also hier und will den don anpissen, da packt mich plötzlich wer hart am arm, dreht den um, auf meinem rücken, daß ich schreien muss vor schmerz. krümme mich. aua. schreie. merke dadurch, daß der techno weg ist, musik aus. nichts mehr zu hören, außer einer stimme die schreit: alle an die wand! sofort! an die wand! mafia oder bullenschweine. muss schon wieder kichern. ihr habt so hübsche uniformen, da kommen eure hintern richtig gut zur geltung. hab ich nur gedacht. aber sind tatsächlich bullen, ganz viele, ne richtige truppe, mit helmen und schildern, rufen dauernd: alle an die wand! und hände an die wand! aber ganz ruhig! ich steh plötzlich auch an der wand. wie im film. vielleicht ist das ganze ein partygag, eine inszenierung, ich hatte schon von sowas gehört, fetish parties, sm und so und dann krieg ich mit diesen weißen kabelbindern die hände hinterm rücken vertäut. steh da rum, kann den kopf nicht weit drehen und nicht viel erkennen. eh auch blöd im kopf. dicht an meinem ohr sagt dann einer: los jetzt! bewegung! komm schon, baby, beweg deinen arsch!
im gänsemarsch werden wir zur blocktür rausgeführt und stehen da rum im aufgeschütteten sand vor einer ghettotonne, bis wir in eine olivgrünne wanne einsteigen müssen. das schweigen dick und kalt und zäh wie frostschutzmittel und trennungsgespräche und joy division, nur mir steigt immer noch kichern im hals hoch. ich glaube, wir saßen nicht ewig in diesem bus, es kam mir nur so vor. ich musste dringend pissen wie auf einer reise durch die sibirische steppe im sommer, 18 leute in dem kleinen bus mit gepäck für vierzig leute und ich hasse sie ich hasse sie ich hasse es es ist eng es stinkt es ist stickig heiß und fürchterlich ich muss auch nicht mehr lachen ich kann die beine nicht ausstrecken meine zehen nicht spüren mein rücken schmerzt und die kopfhaut auch aber ich kann nicht aussteigen weil ich sonst verdurste in der sibirischenen steppe im sommer im winter erfriere in der sibirischenen steppe ich hasse hasse die frau mir gegenüber mit der dicken tasche auf den dicken knien und ich hasse hasse den mann neben mir mit dem knoblauch und ich hasse mich daß, ich eine blöde weltreise machen wollte und dieses klischee, aber als der graue osten sich zu röten begann und der geheimnisvolle ernst und das feierliche schweigen der morgendämmerung allmählich in den jubelgesängen der vögel untergingen, nahm das schweigen einen fröhlicherern ton an und unsere stimmung stieg stetig, bis wir alle sangen, alle 18 mann im bus auf des totes mannes kiste, alte sklavenlieder, shantychöre und trancehymmnen, ich war so gerührt, daß ich weinte und das ganze leben und das reisen war plötzlich zum aushalten, aber dann gab es einen fürchterlichen knall, der bus wurde bis in seine eingeweide erschüttert und ich war überzeugt, sterben zu müssen, in einem befreiungsschlag einer raf-folge-und splittergruppe oder durch militante gentrifizierungsgegner oder so etwas in der art. draußen war rauch und schreie. die anderen saßen wieder schweigend starr auf den bänken, da war nichts zu erwarten, also öffnete ich ganz langsam und vorsichtig einen spalt weit die tür und lugte hinaus. rauch und niemand zu sehen. ich stand auf, schob die tür mit der schulter weiter auf, denn meine hande waren ja immer noch auf dem rücken zusammengebunden, hopste hinaus, stolperte, plumpste wie ein mehlsack auf den sand und landete schwer auf meiner rechten schulter, die heute noch schmerzt, wenn es feucht und kalt ist. ich robbte ein wenig durch den sand, vom auto weg, ich hatte immer noch angst, es könne gleich explodieren. ich hatte angst, in den rücken geschossen zu bekommen. eine urangst in bezug auf bullen. hinterrücks erschießen sie dich, das geht ganz schnell. was kann mir schlimmeres geschehen, asl das, was mir geschehen wird? außer körperlichen schmerzen fürchte ich nichts. die moral hängt nur mit einem faden an mir. trotzdem, ich habe angst. ich kroch zitternd unter einen busch. die bullen standen im kreis um ein polizeimotorrad herum, dessen kühltank explodiert war, milchige flüssigkeit tropfte von ihren helmen und uniformen langsam auf ihre blankpolierten schaftstiefel. aufgeregt steckten sie die köpe zusammen, fluchten und dachten sich geschichten aus- sie beachteten mich nicht und sonst auch nichts. ein guter moment für flucht. ich nutzte ihn.
eine straße mit straßengraben, die an schienen entlang führte, alle paar hundert meter betonpoller und komische schildern, zoll- grenzschutz und winterwars, links und rechts von einem hohen maschendrahtzaun gesäumt, damit man sich nicht auf die schienen legen konnte. ich konnte keinesfalls rüberklettern. also rannte ich die ersten meter immer weiter einfach geradeaus, verfiel dann in ein schnelles traben und achtete darauf, in der nähe des straßengrabens zu bleiben, um reinspringen zu können, falls der feind mich verfolgen sollte. nach zeit, die mir ewig vorkam, bekam der zaun immer mehr und größere lücken und lag schließlich niedergetreten am boden, so daß ich rüberklettern konnte. ich stand auf einer rissigen betonfläche, weitaus größer und langgezogener als das heiligengeistfeld, groß wie eine landebahn. am horizont konnte ich die umrisse eines gebäudes erkennen und beschloß, darauf zuzulaufen. überall auf dem beton lagen rostige metallteile, selsam geformt und in riesigen brackigen wasserlachen spiegelte sich der schwefelgelbe vollmond. irgendwo schrie eine möwe. ich wurde vollkommen ruhig.
wenn der himmel brennt
wenn der himmel brennt dann wach ich auf
wenn der himmel brennt dann hau ich drauf
wenn der himmel brennt dann bin ich da
wenn der himmel brennt dann ist alles klar
das wiederholte ich, bis ich fast das gebäude erreicht hatte. zwischendurch hatte ich befürchtet, es sei nur eine fata morgana, denn ich schien kaum näher heranzukommen. aber der weg war wohl einfach weit und zusehends von toten tieren gesäumt. gebleichte kaninchenknochen, abgenagte krähenflügel und die eingeweide von dachsen oder füchsen oder so. unheimlich fast. aber endlich ragte das gebäude wie ein hochhaus vor mir auf. es war ganz aus stahl, ein gigantischer klotz, brutal und majästetisch und mit dem klobigen rumpf unverkennbar ein riesiges schiff. ein containerschiff.
ich lief an seiner seite entlang, um einen eingang zu finden, fand aber nur ein langes tau, das herabhing. unmöglich, mit meinen auf dem rücken geknebelten händen heraufzuklettern. ich setzte mich auf eine europlalette und merkte plötzlich, daß ich immer noch dringend pinkeln musste, also stand ich auf und versuchte, meine leggings herunterzuziehen, ohne meine hände , es war zum verzweifeln. ich wand mich hin und her und fluchte, hopste auf und ab und schließlich stolperte ich über meine eigenen blöden beine und fiel kopfüber in den kanal. ich sank und sank, und eine ziemliche panik erfasste mich. ich würde sicher wieder auftauchen, aber wie sollte ich die kaimauer wieder hinaufkommen, ohne die hände? ich kam ja im schwimmbad nichtmal den beckenrand hoch, clumsy.
aber es kam noch schlimmer. statt wieder hochgespült zu werden, hörte ich ein dumpfes wummern und wurde von einem wahnsinnigen sog erfasst, es sprudelte und brüllte und braunes wasser spülte durch mich durch, ich hatte kaum noch luft und konnte überhaupt nichts machen. das gewummer wurde immer lauter und lauter und endlich ging mir voller entsetzen ein licht auf. ich wurde direkt auf die rotierende schiffsschraube zugezogen! wie altes spülwasser in einer amerikanischen küche mit eingebautem hächsler im abfluß. immer schneller wurde ich mitgerissen und dann war nur noch brüllen in meinen schmerzenden ohren und schmerz in allen meinen knochen ich fiel fast in ohnmacht zerstückelt zerfressen von haien und liebe und alkohol und und zigaretten und hass und musik und gewalt und roher energie, danke, wipers! und kniff vor soviel emotion ergeben einfach die augen zu. plötzlich war eine totenstille. tot. ich bin tot, dachte ich, ziemlich unspektakulär. hatte ich eigentlich auch nicht anders erwartet.
also exakt neutral. keine liebe kein hass. exakt neutral.
ich ließ die augen geschlossen, ich spürte immer noch wasser um mich herum, aber es war warm und ganz ruhig mit kleinen blubberbläschen und das licht vor meinen augen färbte sich langsam rosa, ganz wunderschön. piiiiiiiiiiiip machte es. die flatline, ganz klar. piiiiiiiiiiiip. ewig ging das, voll nervig. und dann plötzlich mischte sich das piep mit geräuschen wie von wilden rolligen katzen nachts um fünf, man ist aufgewacht davon und denkt, die mitbewohner feiern eine orgie. in meinen ohren machte es laut plopp und grelles licht blendete mich trotz geschlossener augen. irgendetwas sog und zog und zerrte und mampfte und mahlte meinem armen körper und dann fiel ich erneut auf meine kaputte schulter. verdammt, ich dachte, der tod wäre nichts und man bräuchte sich nicht mit solchem quatsch wie schmerzen beschäftigen. ich stöhnte leise und wollte mit mit meiner linken hand nach dem schmerzpunk der schulter tasten, aber das ging ja nicht, die scheiß fesseln. also versuchte ich, einen fuß zu bewegen und die beine, konnte ich die beine bewegen? ich hob ein bein und einen fuß an, in die luft - jaaaaaaaaa!jaaaaaaaaaa!jaaaaaaaaaa! wieder dieses geräusch. es erinnerte mich an ein rockkonzert, ja, das jubeln und kreischen und klatschen und trampeln mit den füssen. stadtpark, life-aid oder nirvana, rammstein, die rollling stones, the who soetwas in der art. jaaaaaaaaa!jaaaaaaaaaa!jaaaaaaaaaa!
es ist an der zeit, die augen zu öffnen, außerdem muss ich husten. ich drehe mich auf den bauch und kotze mühsam ein menge kanalwasser aus, unter ständigem jaaaaaaaaa!jaaaaaaaaaa!jaaaaaaaaaa! ich setze mich mühsam auf und öffne vorsichtig die augen. das licht ist grell und bunt und blendet mich. ich sehe nichts. ich muss aufstehen, ich muss aufstehen, ich muss aufstehen, ich muss aufstehen. langsam rappele ich mich auf, falle ein paarmal wieder hin, robbe schließlich verdreht auf dem bauch liegend aus dem licht, schreie vor schmerz, auf dem boden überall glas, ich schneide mir den oberkörper und die arme auf, lange schnitte, geile narben. dann packt mich etwas plötzlich von hinten, fasst mich unter die achseln, rettungsschwimmergriff, zieht mich hoch und richtet mich auf. ich bin doch ertrunken! blut und wasser läuft in dünnen rinnsalen an meinem körper herunter, ich ziehe rotz hoch, huste und spucke auf den boden. versuche was zu erkennen, drehe den kopf. neben mir steht ein älterer, dicklicher mann in einem rosa anzug mit großen gelben punkten, topffrisur und riesiger sonnenbrille. der anzug ist wirklich psychedelisch. er sagt: I love you!!! dann fällt er mir um den hals. ich denke, ich spinne! voll der alptraum! es ist aber tatsächlich elton john. elton john fällt mir um den hals, nimmt dann meine hand in seine, verschränkt seine wurstigen finger um meine, verschlingt also sozusagen meine hand und reißt dann plötzlich roh unsere hände in die höhe. das geht gar nicht, die sind zusammengebunden. mit der anderen hand macht er ein victoryzeichen. 50.000 leute im stadion trampeln mit den füßen, machen eine laolawelle und rufen: danke eminem! danke elton! ihr seid schwul! ihr seid super!
ich blinzel noch immer geblendet von licht verstohlen zur seite, links, rechts, sehe aber keinen eminem. dann ist eltons brille plötzlich ganz nah, er gibt mir einen bruderkuss und flüstert in mein ohr, kleine spuckeflöckchen treffen mich: komm, wir müssen anfangen! ich kann nur irrtiert rotze hochziehen. hä?
plötzlich ertönt laute klaviermusik und es wird megahell. 80.000watt scheinwerfer werden auf mich gerichtet. ich höre nur noch ein wort: eminem! eminem! anfangen! und dann stößt mich elton john von sich weg, so daß ich in die mitte der bühne stolpere. er selbst begibt sich hinter einen gläsernen flügel und beginnt zu spielen. eminem! eminem! die leute lassen nicht locker. los em, fang jetzt an. mein kopf juckt, schweißt läuft mein gesicht herunter, das licht quält mich, mir wird übel und ich kotze wasser wie bier in einem langen strahl. 50.000 jubeln und rufen:
pete! pete! fang endlich an. punk rock! punk rock! heroin! england! tu's für kate! fang endlich an! fang endlich an! sie heizen mir richtig ein, ich fühle mich, als hätt ich k.o.tropfen im drink gehabt, ich bin ganz schwach und müde mir ist so übel ich will nur in ruhe gelassen werden und schlafen aufgeben. müde. müde hebe ich ein bein und lasse mich fallen. ich liege auf der bühne ich will schlafen. schlafen. immer nur schlafen. so müde. ruhe haben. schlafen. müde.
sid sid bitte wach auf was du sagst ist so verdammt unintelligent, man kann nichts verstehen, das ist zeitverschwendung, du kannst später schlafen, wonach suchst du nach dem feuer sid oh mein gott sid bitte versuch aufzuwachen, bitte verfickt verdammt wach auf und nimm die sonnenbrille ab wach verdammt nochmal auf willst du jetzt aufwachen bitte scheiße sid verdammt wach auf wach einfach auf
krank drei monatelang beim touren die ganze zeit du hast die zigarette aufs bett fallen lassen
was machst du verdammt du bringst es einfach nicht mehr schau dich mal an wie du aussiehst was du anhast schlimmer als johnny aber du bist toll willst du jetzt bitte aufwachen verdammt scheiße halt jetzt endlich die schnauze
halt die fresse anfangen! fang einfach an! laber nicht rum! fangt jetzt einfach an! spielen! spielen! los jetzt jetzt gehts los ihr sollt nicht so dumm rumlabern studikacke das ist rock punk rock anfangen jetzt!


(Itty schreit und wälzt sich scherbenfroh auf der Bühne.
Sailorboy Grimm steigert den Noise.
Nebel.
Strobo.
Captain Legasto inmitten toter Möwen.)


ENDE