28.10.08

Broken Social Scenario Pt.II (Amoklauf im Wald / sometimes you fight for the world sometimes you fight for yourself)


















BROKEN SOCIAL SCENARIO PT.II

(Amoklauf im Wald /
sometimes you fight for the world sometimes you fight for yourself)














Aufführungsort / Kontext:

Diese Performance fand auf Einladung der Künstlerin Marte Kiessling in der POW Galerie in Hamburg-Altona anlässlich der Finissage ihrer Ausstellung mit dem Titel ‘Waldschwester in der Eremitage’ statt.
(www.myspace.com/powiswow)

Dauer:
30min
Materialen:

- Kostüm Itty: rote Nokia Gummistiefel, rosa Wollschal
- Kostüm Legasto: roter Mantel, Pilzmaske
- Videoprojektor verbunden mit Videokamera
- Scheinwerfer (grün)
- 3 Schalen Champignons
- 3 hängende Champignons
- Tisch, Stuhl, 2 Kerzen

Performance Ablauf:

Legasto steht regungslos auf seinem Platz
Itty legt jedem Gast zwei Pilze in die Hand, setzt sich an Tisch
Ihr Gesicht erscheint innerhalb von Legastos Wandschatten
Itty beginnt zu lesen.
Auf das Stichwort ‘Schlacht’ hin beginnt Legasto eine ThaiChi-artige Meditationsübung mit den an der Decke befestigten Pilzen.
Am Ende des Textes singt Itty das Volkslied ‘Ein Männlein steht im Walde’, steht dabei auf, geht ab
Legasto übt noch ca. fünf Minuten weiter die Schlacht mit sich selbst, geht dann ab




















BROKEN SOCIAL SCENARIO PT.II
(Amoklauf im Wald /
sometimes you fight for the world sometimes you fight for yourself)

(Text)

Zuallererst möchte ich Ihnen meine Freude darüber mitteilen, daß Sie noch unter den Lebenden weilen- ich hatte gelesen, wie schwer Sie erkrankt waren und habe mich über die Nachricht gefreut, daß Sie dies überlebt und nun zumindest nicht mehr akut derartig schwer krank sind. Ich interessiere mich schon ziemlich lange für Ihre Arbeit- von einer Aktion ist mir besonders im Gedächtnis geblieben, daß mir die Entscheidung, tatsächlich teilzunehmen, mich in Bewegung setzen zu lassen, mich zu entschließen, voll reinzugehen in diese reale Inszenierung des Realen und mich bewußt vereinnahmen zu lassen, damals sehr schwer gefallen ist. Aber dann habe ich wahrgenommen, wie Sie sich selbst auch nicht rausnehmen und daß Sie etwas wagen. Brüche, Fehler, Leidenschaft, Leben zuließen.
Sie geben sich sehr viel Mühe und Sie schonen sich nicht. Sie haben ziemlich lange durchgehalten in dieser Rolle, der Gesellschaft was abzunehmen und in ihrem Versuch, diese Rolle nicht zu akzeptieren, bzw. sie zu durchlöchern und die Verantwortung zurückzugeben. Ich hatte den Eindruck, Sie konnten das tatsächlich machen, ohne zu zerbrechen, aber nun sind Sie krank und es gibt eine Kirche der Angst.
(Gestern habe ich geträumt. Ich bin durch den Wald gelaufen in dem betäubend warmen Wind, der von allen Seiten zu wehen schien und die Bäume wie Schlangen bewegte. Ich hatte das deutliche Gefühl, daß meine Füße schwerer wurden. Ich zählte die Möglichkeiten, 1) meine Füße wurden schwerer und der Boden saugte meine Füße an. 2) ich fühlte meine Füße schwerer werden, weil der Boden sie ansaugte. 3) ich hatte den Eindruck, daß der Boden meine Füße ansaugte, weil sie schwerer wurden. Die Fragen beschäftigten mich eine Zeit lang. Ich fand die Antwort in dem zunehmenden Schwindelgefühl, das der konzentrisch wehende Wind mir verursachte: meine Füße wurden nicht schwerer, der Boden saugte meine Füße nicht an. Das eine wie das andere war eine Sinnestäuschung, durch meinen fallenden Blutdruck bedingt. Das beruhigte mich und ich ging schneller. Oder glaubte ich nur schneller zu gehn. Als der Wind zunahm, wurde ich häufiger an Gesicht Hals Händen von Bäumen und Ästen gestreift. Die Berührung war zunächst eher angenehm, ein Streicheln oder als prüften sie, wenn auch oberflächlich und ohne besonderes Interesse, die Beschaffenheit meiner Haut. Dann schien der Wald dichter zu wachsen, die Art der Berührung änderte sich, aus dem Streicheln wurde ein Abmessen. Wie beim Schneider, dachte ich, als die Äste meinen Kopf umspannten, dann den Hals, die Brust, die Taille usw., bis sie mich von Kopf bis Fuß Maß genommen hatten. Das Automatische des Ablaufs irritierte mich. Wer oder was lenkte die Bewegungen dieser Bäume, Äste oder was immer da an meiner Kleidergröße Kragenweite Schuhgröße interessiert war. Konnte dieser Wald überhaupt noch ein Wald genannt werden. Vielleicht machte nur noch die Benennung einen Wald aus und alle andern Merkmale waren schon lange zufällig und auswechselbar geworden. Ich dachte noch darüber nach, als der Wald mich wieder in den Griff nahm. Er studierte mein Skelett, Zahl, Stärke, Anordnung, Funktion der Knochen, die Verbindung der Gelenke. Die Operation war schmerzhaft. Ich hatte Mühe, nicht zu schreien. Ich warf mich nach vorn in einen schnellen Spurt aus der Umklammerung. Ich wußte, nie war ich schneller gelaufen. Ich kam keinen Schritt weit, der Wald hielt das Tempo, ich blieb in der Klammer, die sich jetzt um mich zusammenzog und meine Eingeweide aufeinanderpreßte meine Knochen aneinanderrieb, wie lange konnte ich den Druck aushalten. Ich hörte mich lachen, als der Schmerz die Kontrolle meiner Körperfunktionen übernahm. Es klang wie Erleichterung: kein Gedanke mehr, das war die Schlacht. Sich den Bewegungen des Feindes anpassen. Ihnen ausweichen. Ihnen zuvorkommen. Ihnen begegnen. Sich anpassen und nicht anpassen. Sich durch Nichtanpassen anpassen. Angreifend ausweichen. Ausweichend angreifen. Die Reihenfolge ändern und nicht ändern. Ich summte diese Sätze vor mich hin, schneller und schneller und dann langsamer und langsamer, zerlegte sie in Silben, schnitt diese in einzelne Buchstaben, die ich abgehackt und langgezogen als Laute, die ich nicht mehr verstand, skandierte, bis daraus wieder ein Rhythmus wurde, schneller und schneller. Mir wurde schwindelig. Ich dachte nicht mehr, ich machte aber auch nichts und wurde euphorisch davon, ein Hochgefühl.
An dem Punkt hörte ich auf zu summen und griff in die Tasche meines Mantels, nach meinem kleinen roten Notizbuch, um meine Erkenntnisse aufzuschreiben, damit ich was draus machen konnte. Ich griff in die Tasche. Ich fühlte mich plötzlich ausgelaugt, leer und traurig. Der Moment war vorbei. Ich fing an zu weinen. Davon bin ich dann aufgewacht, mit schalem Geschmack im Mund.)
Man ist sich selbst sein eigener Feind.
Ich habe in den letzten zwei Jahren zwei Freundinnen durch die Krankheit Krebs verloren und meine Mutter ist ebenfalls daran erkrankt - mehr und mehr merke ich, was sich in mir verändert hat dadurch. Man kommt anders drauf. Freundlicher, weniger hart, versöhnlicher sogar vielleicht. An anderen Stellen aber ist mein Druck größer geworden- straighter zu sein, die wenige, oder -besser gesagt- 'bemessene' Zeit genauer zu nutzen, unnachgiebiger zu werden und mich ernster zu nehmen in bestimmten Bedürfnissen und auch Wünschen. Und deswegen sitze ich nun hier und verfasse diesen Text. Ich will ja was.
Dies ist meine Bewerbung für das Solitude-Stipendium.
Tatsächlich hatte ich schon lange vor, Ihnen einen Brief zu schreiben und es wäre schön gewesen, wenn ich dieses alte Dokument heute einfach hätte öffnen und an Sie versenden können- in dem Wissen, den Zeitpunkt des Schreibens damals selbst bestimmt zu haben. Die Notwendigkeit des Schreibens wäre eine andere gewesen, der Text wäre ein anderer. Er wäre weniger der Tatsache verhaftet, tatsächlich in erster Linie ein Bewerbungschreiben zu sein und nicht ein Text, der den eigentlichen Wunsch nach Austausch mit Ihnen zur Veranlassung hat. Auch wäre er wohl schon längst aufgeführt, vielleicht Teil einer Performance gewesen - Sie jedoch hätten ihn wohl nicht zu lesen bekommen. Nun kann ich zumindest ersteinmal davon ausgehen, daß der Text sie erreicht.
Ich werde versuchen, mich an den Text, den es schon hätte geben sollen, bzw. an den Zustand, in dem ich mich dann befunden hätte, gewissermassen zu erinnern. Ich möchte nicht vergessen, daß die andere Notwendigkeit des Schreibens an Sie auch eine Möglichkeit gewesen wäre und auch noch zukünftig ist. Aber es gibt nunmehr nur den jetzigen Zeitpunkt, und das ist dann eben der richtige.
Und tatsächlich spüre ich nun sogar eine gewisse Freude an dieser Arbeit- Grund sie zu verrichten. Ich schreibe selten Bewerbungsschreiben und ich schreibe sie seltener noch mit Freuden. Ich habe dabei immer das Gefühl, mich verstellen zu müssen. Beweggründe verschleiern zu müssen. Zum Beispiel will ich Geld. Geld umfasst ja sehr viel. Eigentlich will ich also Zeit, will ich Liebe, Anerkennung, mich künstlerisch verwirklichen und darauf bestehen, das alles als Geld zu bezeichnen. Geld, das mir Zeit ermöglicht, um in Ruhe meine Sachen, meine Arbeit machen zu können. Geld, das mir ein Gefühl von Unabhängigkeit vermittelt. Für Geld mache ich meist diese Jobs, die konkret ersteinmal nichts mit meiner Arbeit zu tun haben. Ich finde diese Trennung auch gut- denn um einen Job zu haben, der etwas mit meiner Arbeit zu tun hat, müsste ich erstmal andere Arbeit machen- zumindest war das bis jetzt meine Erfahrungsspanne. Ich bin z.B. bei 'Rockcity' eingetragen, das ist ein Verein, der sich um die Rechte von Musikern und Künstlern kümmert, Proberäume vermietet und Bandbusse auch und versucht, die vereinseingetragen Künstler als Events zu nutzen und nutzbar zu machen, was oft gelingt, weil alle sind willig und der Verein hat überallhin Kontakte. Ich bin also in diesen Verein eingetreten, zugegebenermaßen zu diesem Zeitpunkt ökonomisch etwas verzweifelt, und jetzt also eingetragen. Mir wurde beratend geraten, ich solle anstelle des sperrigen Zeugs, was ich so mache, dieser ganzen Kritik und so, die aber auch nicht etwa unmittelbar verwertbar auf den Tisch scheißt und also lesbar ist, also jedenfalls ginge das so alles nicht. Ich könne ja nicht dieselben Leute abschaffen wollen, die mich bezahlen sollen. Ich solle stattdessen etwas für diese Leute machen, eine unterhaltsame Show, mit Sex, eine Auktion, ein Toupet, was weiß ich, aber immer dasselbe, ein halbes Jahr lang einmal im Monat. Das wäre gut für mich.
Ich bin da anderer Meinung. Was gut für mich ist, ist hier zu sitzen und diesen Brief zu schreiben als Bewerbungsgespräch und ihn dann am Sonntag aufzuführen als Performance während der Finissage einer Bekannten, die mich einlädt als Stimme der Kritik in diese ihre Ausstellung- was die Ausstellung aufwertet, optisch vielleicht, inhaltlich vielleicht sogar auch und wenn nicht, dann war da wenigstens Etwas, das stattgefunden hat, das haben sich Leute angeschaut. Haben sich angeschaut, wie ich spreche, kostümiert, und mein Kollege auf dem Boden rumkriecht und mit der Videokamerera simuliert, daß die Beine der Leute Baumstämme sind. Jedenfalls werde ich am Sonntag etwas getan haben, wie ich es will; fünfzig Prozent aus reinem Eigeninteresse, weil ich nicht einverstanden bin, fünfundzwanzig Prozent, weil ich mich für Leute und Situationen interessiere und fünfundzwanzig Prozent, weil ich seit neuestem klargekriegt habe, daß ich an die Kunst glaube. (Kunst reagiert nicht. Sie handelt. Sie handelt im Verhältnis zum Wirklichen, zur Wirklichkeit des Sozialen, des Politischen, der Ideologien der Zeit. Wenn sie irgendeinen Sinn hat, dann als diese schwebende Selbstbehauptung über dem Abgrund der eigenen Ohnmacht. Die Künstlerin, der Künstler sind ohnmächtig. Aber ihre Ohnmacht macht sie erst frei! Frei zu sein, bedeutet nicht, alle Möglichkeiten zu haben. Es bedeutet, den Möglichkeitsraum zu durchqueren, um bereit für das Unmögliche zu sein, das Unmögliche zu bejahen. Die Anstrengung liegt darin, das Unmögliche möglich werden zu lassen.)
Die Stimme der Kritik lädt man ja ein, weil man vermutet, daß die Stimme kokettiert. Daß sie mittlerweile nur spricht, weil das ihr Job geworden ist, aus Ermangelung anderer Aussagen. Eigener zum Beispiel. Kritiker machen ja keine Kunst. Künstlern, die sich als Kritiker betätigen, fehlt also Eigenständigkeit, da sie sich in permanenter Reaktion befinden und es sich leichter machen als richtige Künstler, die was produzieren, einfach so. Jetzt bin ich wieder beim Briefschreiben angelangt. Der Brief an Sie, geschrieben ohne Bewerbungsdeadline, wäre vielleicht ein eigenständiger künstlerischer Akt gewesen, leider aber habe ich die Deadline verpasst. Die Deadline zur Bewerbungsabgabe für Schloss Solitude ist mir dazwischengekommen. Was so kommen musste, denn ich habe keine genaue Vorstellung von eigenständiger künstlerischer Arbeit. Also was soll das sein, wo soll die herkommen. Man träumt ja manchmal, daß man ein Stück komponiert, manchmal schreib ich auch was, im Schlaf, ich seh dann die ganzen Noten, den ganzen Text, summen tue ich auch und der Sprachrhythmus ist da, alles, ich brauche nur aufwachen und das fertige Ding raushauen. Aber immer wenn ich aufwache, kann ich mich an nichts erinnern. Vielleicht wären das richtig umwerfende Stücke. Nichts, was ich schon erlebt hab', wär' da drin, nichts gesamplet, nichts verwendet, einfach ein Ei gelegt. Traummaterie. Aber vielleicht wär's auch ein Stück von Abba oder von Eminem oder Bach und in ihrem Fall vielleicht sogar Wagner. Und da wäre man dann wahrscheinlich enttäuscht. Nein, ich glaube da einfach nicht dran, an diese Selbstreproduktion. Ich will auch gar nicht weiter darüber schreiben, das ist doch ziemlich uninteressant. Mich nervt sowieso schon, daß ich Interesse an Ihnen behaupte, hier aber dauernd von mir spreche. Was ich will, wie ich was mache usw. Ich will mich ja eigentlich nur als Beispiel benutzen, als jemanden, durch den diese ganzen Vorgänge, von denen ich spreche, durchlaufen. Als Teil von etwas. Ich sprech dann eben lieber von mir, weil mich kenn ich ja so halb. Ich verbringe ja schließlich die meiste Zeit mit mir selber. Und wenn ich sage, daß mich diese ganzen Vorgänge durchlaufen, dann geh ich davon aus, daß sie mich auch nicht besonders durchlaufen und nicht ungewöhnlichere Dinge bei mir auslösen als bei Anderen auch. Nur so einen normalen menschlichen Erlebnishorizont und in meinem Fall eben gerade den Erlebnishorizont eines durchschnittlichen Bewohners der westlich europäischen Welt. Ich habe nie Tagebuch geschrieben, ich finde das langweilig. Aber von mir sprechen zu anderen Leuten, das nehme ich mir heraus. Und ich will lieber öffentlich mit denen sprechen als privat. Das Private ist öffentlich. Und das Öffentliche ist privat. Und alles Beides ist unpolitisch. Das macht das Handeln auch so schwierig und so vermeintlich leicht zugleich.
Ich bin daher in letzter Zeit lieber so eine künstliche Mauer. Selbst gemauert, um Widerstand und selbstgewählte Schwierigkeiten zu erzeugen, in Räumen, die keine mehr sind. Ich will nämlich lieber Räume, das ist mir klargeworden, als keine. Ich will auch Grenzen. Die kann man ja wieder wegmachen, wenn man sie nicht mehr benötigt. Zum Sprechen. Zum Handeln. Für die Kunst. Ich versuche, mit der Schaufel in der Hand zu sprechen:
Heute geht es darum, ein Baum, eine Stadt, ein Bauer, ein Heiliger, ein Kaninchen, ein Löwe, Blut, Schnee und Nebel zu sein. Es geht darum, Fallübungen zu machen, im schwerelosen Raum das Gleichgewicht zu behalten, dabei zu telefonieren und Walkman zu hören, die Augen offen zu halten, entspannt zu lachen und das Mikrofon nah genug an den Mund zu halten, deutlich zu sprechen, befreundet zu sein, darauf zu achten, daß man gut aussieht und nicht krank wird, und guckt, welche Kamera gerade aufnimmt.
Dann fällt mir die Schaufel runter und in den Fuß rein, den nehm' ich dann ganz schnell hoch, weil's so weh tut, und hüpfe rum auf einem Bein und winke ins Publikum. Das klatscht. Das tut es immer.
Ich bin dann böse, weil ich mir zuviel zugemutet habe und dem Publikum auch, Weil ich erwartet habe, daß es mal nicht klatscht, sondern, weil es genauso verwirrt ist wie ich selbst, auf die Bühne kommt und mit mir ins Krankenhaus fährt, dahin, wo wir alle hingehören.
Im Krankenhaus wach' ich dann auf.
Das Zimmer ist leer. Nur ich bin drin. Mein Kopfkissen ist ganz nass, mir fällt ein, daß ich im Traum ganz schrecklich geweint habe und laut geschrieen und so furchtbar furchtbar unglücklich war mit Schmerzen in der Brust, ganz tief Innen drin, das war kaum zum aushalten, es war ganz real, so ein Schmerz, wenn man weiß, daß was weg ist und nicht wiederkommt. Vor dem lauf ich immer weg. Trennung. Die Person aus dem Nebenbett ist gerade zur Untersuchung, sagt die Schwester. Ich fange an zu weinen. Ein paar Stunden, bevor meine Freundin gestorben ist, da ging es ihr so schlecht. Sie war echt fix und fertig. Sie war zu schwach schon, zum Schreien, die Tage vorher, hat nur gestöhnt, leise, tagelang, aber da hat sie dann sich an mir festgehalten und immer geschrieen, daß ich was machen soll und ihr helfen. Das war furchtbar. Ich konnte nichts machen. Ich hab ihre Hand versucht zu halten, aber das ging nicht richtig, weil ihr jede Berührung weh getan hat, ich wär am liebsten in sie mitreingekrochen, um ihr was abzunehmen und auch dazusein, aber das ging alles nicht. Da war so ein wahnsinniger Abstand und sie hat immer versucht, den kleiner zu machen, und wollte nicht weggehen. Ich hätte ihr gern gesagt, sie soll doch bloß gehen, damit sie nicht mehr so leidet, aber das konnte ich auch nicht, weil ich wollte sie ja auch dahaben und dann hat sie immer schlimmer gelitten. Dabei war sie eigentlich ein ganz starker und fröhlicher Mensch. Das war furchtbar.
Und trotzdem hab ich soviele Tage, da bin ich miesepetrig. Ich will dann auch die Menschen liebhaben und schön finden, stattdessen aber geh' ich raus aus der Tür und rein zu Real.
Zum Beispiel an dem Punkt kommt dann die Akademie und sagt, daß sie besonderen Wert darauf legt, ihren Gästen eine andere Zeit, eine Zeit von besserer Qualität anzubieten, als die, die Künstler in ihrem Alltag sonst erleben. Aber das ist doch dann wirkliche Scheiße. Ich brauche keine bessere Zeit, sondern Kraft und Liebe, so nenn ich das jetzt mal, um in so eine Scheiße besser reingehen zu können. Damit mein ich auch so was wie ein Schloß. Mit der Scheiße und auch mit der Liebe. Ich suche ja Auseinandersetzung. Immer rein und was rausfinden, damit ich mich bewegen kann und auch wach bleibe. Ich sehe ja, daß das nett gemeint ist, mit der besseren Zeit und irgendwie ist die Annahme auch schön, daß da Leute sind, die machen sich Gedanken, wie die Künstler von heute, die in ihre Zukunft investieren wollen und das sicher dann auch machen, da auf dem Schloß, wie diese Künstler also eine bessere Zeit verbringen können. Trotzdem will ich das Schloss und die Zeit auf dem Schloss.
Was ich mir nämlich vorstellen kann, ist zu versuchen und mir Mühe zu geben, auf dem Schloss eine dem Schloss angemessene Zeit zu verbringen. Das Schloss sieht ja auf den ersten Blick aus wie das Gegenteil von einem Kellerloch, in dem man sitzt und pöbelt und widerborstig, bockig und auch sonst ein 'Hater' ist, von sich selbst und Anderen. Was aber nie aufgeht. Man kann sich nicht richtig streiten, u.a. weil man nicht gehört wird da unten. Man wird übersehen. Dieser ganze Streit findet nur im Kopf statt, man denkt sich was aus. Allerdings hat man heutzutage nicht mehr angemessen Zeit dazu. Man muss zum Arbeitsamt gehen oder für Euro irgendwo arbeiten und die ganze Zeit umsonst Netzwerken, für die Kellerlochmiete. Das schlaucht. Man ist so geschlaucht davon, daß man dann nicht mehr aus Freiwilligkeit vielleicht zu der Erkenntnis gelangt, daß man Fehler begangen hat mit diesem ganzen Zynismus- mit dem auf jeden Fall und vielleicht sogar mit den Experimenten im Mauerbau, die man voll Freude mal angefangen hat- und daß man jetzt mal unbedingt und dringend mal schauen muss, wie's wohin veränderlich weitergeht. Nein, man ist so geschlaucht, daß man einfach müde wird und halb einschläft. Man läuft rum mit so einem plüschigen und weichen Iro auf dem Kopf und geht zu tollen Events, wo man die ganze Zeit angerempelt wird und auch rempelt, weil das ist Remmidemmi und gehört dazu. Das ärgert auch nicht, sondern macht Freude. Ich habe Angst. Ich will nicht bequem im Kellerloch sitzen und ich will das Schloss nicht als Rückzugsort. Ich will es gerade am ehesten, weil mir bis jetzt eigentlich auch unvorstellbar war, es überhaupt zu wollen. Deswegen konnte ich auch immer gut Verweigerungsentscheidungen bringen und auch Verweigerungskunst machen. Verweigerungskunst, die ich jetzt demnächst so gut drauf habe, daß sie anfängt, mich zu langweilen. Ich will mich also dem Schritt verweigern, daß ich dann bald genügend Fans zusammen hab, sodaß ich zumindest halb davon leben kann, ohne große Ansprüche und ohne Ziele und mit Narrenkappe auf. Man kann im Wald Pilze suchen und das Schloss suchen auch und versuchen, Verweigerung zu entleeren oder so etwas in der Art, und unfunktional zu werden. Das Schloss ist eine Herausforderung. Es ist mir zu leicht, was nicht bedeutet, daß es mir leicht fällt, mühelos ist, immer weiter aus der prekarisierten Brutplatzkunstecke heraus zu sprechen. Zudem ich die auch nicht verteidigen will. Die Tendenz ist ja gerade sehr stark, diese Off-Kunst-Orte zu kuratieren und zu umhegen und ihnen zu schmeicheln, weil sie nämlich voll sind mit so Leuten wie mir, die keine Off-Kunst machen wollen, sondern relevante Kunst. Ob die Relevanz ihren Geldbeutel betrifft oder ihren Kopf, das muss man genauer untersuchen. An dieser Stelle im Text warte ich darauf, daß jetzt was kommt. Streit.
(Man erwartet von Kunst eine Unterbrechung, einen Schnitt oder Einschnitt in das Gewebe der ökonomischen, sozialen und politischen Verhältnisse. Die Arbeit, die sich der Verantwortung angesichts und innerhalb dieses Gewebes nicht entzieht, muss eine Intervention darstellen. Sie ist zur Gewaltanwendung gegenüber dieser selbst gewaltsamen Textur aufgerufen, die heute über Bedeutung und Bedeutungslosigkeit entscheidet, zur Unterbrechung des herrschenden Systems, des hegemonialen Archivs und der dominanten Gedächtnisnorm, die es verwaltet, indem es sie gegen alle Widerstände in Schutz nimmt und in allen ökonomischen Registern stabilisiert. Man könnte, indem man die erforderlichen Vorsichtsmaßnahmen vernachlässigt, indem man also ungeduldig ist, diese Gewaltanwendung als einen Akt der Überstürzung und Ungeduld gegenüber der Geduld und sich selbst generierenden Stabilität dieser umfassenden Struktur und Matrix interpretieren. Diese Ungeduld ist unerlässlich. Dennoch ist es notwendig, diese Intervention als Produkt der Matrix selbst anzuerkennen. Die Intervention präzisiert die Matrix, indem sie sie gewissermaßen 'von Innen' (es gibt kein Außen der Immanenz) justiert, neu einstellt oder reprogrammiert. Die Präzisierung der Matrix bedeutet eine Art doppelter Beschleunigung des Systems. Doppelt deshalb, weil sie das System zwingt, sich über sich selbst hinaus zu beschleunigen, und weil es diesen Exzess mit einer weiteren Übertreibung verbindet, die man den Exzess des Stillstandes oder der absoluten Verlangsamung nennen kann.)
Das Schloss ist eine Herausforderung. Es bedeutet Erfolg, im Sinne von Mama und der Beilage der Süddeutschen Zeitung, und es bedeutet Anerkennung. Ich kann mir ausmalen, daß man sich auch in einem Schloss nicht besser bewegen kann als im Keller oder in dem Altersheim, in dem ich jetzt lebe und das mich besorgt, weil ich fürchte, vor lauter Schwäche nicht rechtzeitig mehr ausziehen zu können. Die meisten Schlösser sind ja bevölkert von Zombies. Schlafende Schönheiten, die tot und lebendig sind, in deren Kiste aber immer früher oder später jemand reinguckt und ihnen bestätigt, daß sie noch leben. Sie husten dann, spucken Wasser, Blut und Äpfel und machen weiter wie vorher, heiraten in die Gesellschaft hinein, die sich freut- es ist gut, so jemand stinkenden in ihrer Mitte zu haben. Zack, schon ist er wieder da, auch hier im Text, mein beleidigter bockiger Zombie aus dem Keller!
Er ist schwer loszuwerden. Ich will ihn aber loswerden.
Beim Schreiben habe ich mich gerade so versteift, daß mein Bein eingeschlafen ist. Das habe ich an dem tauben Gefühl im Fuß gemerkt. Ich dachte, ich muss mich kurz bewegen, sowieso war ich an einer Stelle im Text angekommen, an der ich nicht weiter wusste und anfing mich zu wiederholen, blöde Wiederholung, keine Wiederholung, geeignet, um ins Summen zu kommen. Ich wollte also aufstehen, kurz ein Brot essen. ich konnte aber nicht. Mein Kopf sagte deutlich zum Bein: Aufstehen!, aber da war keine Kontrolle. Das Bein hat sich nicht geregt, so fest war es eingeschlafen. Ich habe dann mit der Hand, meiner linken, den toten rechten Fuß gepackt, das tote rechte Bein angewinkelt, unter dem Schreibtisch hervorgeholt und woanders abgestellt. Dann bin ich einfach aufgestanden. Aufgestanden und sofort umgefallen. Ich lag auf dem Boden und habe geschrieen, weil plötzlich hat der Fuß sehr extrem wehgetan. Er war nicht mehr tot, sondern ein Schmerz. Ich lag hilflos und verzweifelt am Boden. Lachen musste ich aber auch. Die Mitbewohner des Altersheimes sind gekommen und haben geschaut, was los ist mit mir. Das fand ich auch toll. Die haben sich Sorgen gemacht, weil jemand schreit. Und da war ich dann plötzlich irgendwie zuversichtlich. Man kann ja mit Leuten zusammenarbeiten, nicht mit Vielen, aber manchmal gibt es Bereitschaft und Interesse, sogar ohne daß man sich sonderlich mögen muss. Das gibt mir Kraft. Die brauche ich. Ich habe nämlich Wünsche. Ich will summend im Wald rumlaufen können, so daß das ein Zustand ist, der präzise und gleichzeitig total ungerichtet, heiter, erwartungslos ist, ohne dabei harmlos zu sein oder akzeptierend. Das wäre vielleicht eine Handlung. Und wenn ich das mal schaffen sollte, will ich nicht gleich das Notizbuch rausholen müssen deswegen. Am besten wäre, es zu merken und nicht zu merken. Ich habe so Wünsche, aber ich habe hier gerade nichts anzubieten.
Ich müsste lügen.
Anstatt 'seinen eigenen Kopf' zu haben oder schlicht keinen, behauptet der Kandidat die Kopflosigkeit selbst als Kopf.
Ich hab ja jetzt viel gesagt, was ich zu sagen habe oder jedenfalls, soweit ich es formulieren und schreiben kann. Den Rest muss ich üben. Ich werde weiter üben, mit oder ohne Schloss. Ich werde es zumindest versuchen. Soweit ich es kann und auch aushalte. Ich gebe mir Mühe, zu zerreissen und ganz zu bleiben. Was anderes kommt nicht in Frage. Noch nicht. Dein Afrika ist mir das Surfen, im übrigen. Aber soweit bin ich noch nicht, ich weigere mich, mich rauszuziehen, vermeintlich.
Dieser Brief ist eine Übung und ein Versuch und eine doppelte und miteinander vermengte Notwendigkeit. Uptown top rankin'.
Dieser Brief ist eine Meditationsübung und Geisterbeschwörung.
Gleich gehe ich raus, zum Jazzkonzert in die 'Fabrik', ich stehe auf der Gästeliste von einer Band, die was versucht hat. Ich werde spät dran sein und nur noch das letzte Lied sehen können. Ein Stück- offen, mit Räumen für die Musik und die Musiker und gleichzeitig wird es auch sehr brachial, fast brutal, sein- was mir guttun wird, nach dem Performen dieses Textes. Das Stück wird zuende sein und das Publikum wird klatschen. Dann wird so ein fahriger, so ein kaum greifbarer Typ, offenbar der Veranstalter, die Bühne betreten und händereibend sagen: 'Kultur ist schön, weil sie einem viel geben kann, wenn man sich darauf einlässt.'
Er kündigt dann die 'Nighthawks' mit dem Trompeter der NDR Bigband an.
Das Licht geht aus, nur auf der Bühne wird es blau und grün und nebelig und dieser achtziger Jahre Beat setzt ein.
(Die Nacht ist dein Freund. Lichter überall. Licht bricht das Dunkel. Sattes Rot, knalliges Grün, fahles Gelb. Farben in Bewegung. Ruhig ist nur der Kegel deiner Scheinwerfer. Dein Weg ist lang. Deine Gedanken haben Flügel, werden getragen von diesem warm wummernden Bass, von dieser wohlig blubbernden Orgel, von diesen rührenden Drums. Und vom Sound dieser angenehm gedämpften Trompete. Sie erklingt vor dir, hinter dir, überall. Sie leitet dich. Du folgst ihr. Durch die Nacht. Die Nacht ist dein Freund.)
Die Nighthawks finden sich und ihre Musik gut, grooven sich unzerstörbar ein und sind damit beschäftigt, das Publikum in individuelle Kokons aus Eis und Nebel einzuspinnen, was sehr gut funktioniert. Alle sitzen wie paralysiert. Alle Kräfte werden abgesaugt. Alles ist sehr real. Auch ich werde nicht wegkönnen und zugehören bis zum Ende.
Ich interessiere mich für Alltagsgewalt. Ich wünsche mir eine bessere Zeit.
'Du sollst zu deinen täglichen Verrichtungen hin denken'.

Kommentare:

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