12.06.10

Neonwasserhähne erfinden

Ein Interview mit der AtomicTitCorporation

Veröffentlicht in 'testcard#19' zum Thema 'Blühende Nischen'

Zeichnungen von Paul Dose

 Einleitung von Dorothee Krings

Da geht man abends zum Konzert einer Band, die Brustkrebs heißt und hat am nächsten Morgen eine Mammographie. Man muss sich nicht immer wohlfühlen, es muss nicht immer alles angenehm sein – das war ein Aspekt ihrer Show, der mir gefiel, als ich vor fast zehn Jahren das erste Mal der ATC begegnete.
Unter dem Überbegriff AtomicTitCorporation agieren die ständigen Mitglieder Miss Itty Minchesta und Dr. Legasto seit 1999 in verschiedenen Unterprojekten und unter wechselnden Namen in unterschiedlichen Formen und Genres wie z.B. Musik, Ausstellungen, Performances sowie mit Musik-, Comic- und Buchveröffentlichungen.
Auf ihrer Internetseite atombusentransporte.de kann man zusätzlich zu der Dokumentation ihrer Arbeiten folgendes lesen:
(...) The AtomicTitCorporation is an interdisciplinary research project and exists due to interest.
We, the constant members Itty Minchesta and Dr. Legasto, have so far focused on a variety of themes including eg.:
- how to create space for a very short time
- how to research
- poetological ethnology
- zombiism and self-management
- labour and failure
- sickness/disease and its relation to popculture
- the phenomenon of romanticising containerization/how to fall out of frames - the (abusive) use of headphones in so-called public spheres
- the (im)possibility of subversion
- the sexual history of the atomic bomb
All research projects have been performed live or have been exhibited.
We always have and still try to choose the appropriate media for each research project. This has brought us in the process - especially in the last two years - to mainly using the form of lecture-performances including electronic cutup music. (...)


ATC scheint mir wie ein Stoff, der seine Aggregatzustände den äußeren Umständen entsprechend wechselt. Oder sind es vielmehr die inneren Umstände? Auf jeden Fall ist das Kunstprojekt ATC deshalb schwer greifbar und noch schwerer in seiner Ganzheit beschreibbar. 

Schon 2001, also ein Jahr nach meiner ersten Begegnung mit dem Projekt, traf ich mich in Hamburg mit Itty Minchesta, um ein Interview mit der ATC zu machen, welches zwar stattfand, allerdings nie veröffentlicht wurde.
Ich besuchte Itty in ihrer winzigen Wohnung in einem Künstlerhaus mit großem Garten, einem ehemaligen Altenheim auf St.Pauli.
Paul Dose, aka Dr.Legasto, war aus Zeitmangel leider nicht anwesend, ließ aber grüßen und hatte als seinen künstlerischen Beitrag vorgeschlagen, die Rahmenbedingungen des Interviews wie folgend festzulegen:
Unser Interview solle unter denselben Vorraussetzungen stattfinden wie das legendäre Interview, welches 1963 Ulrike Meinhof mit Janis Joplin in der 'Palette' in Hamburg führte. Janis, noch als Geheimtip gehandelt, verbrachte damals mit Grace Slick von Jefferson Airplane ein paar Tage in Hamburg.
Ulrike und Janis saßen also zusammen in der Kneipe. Ulrike war stark erkältet und von einer großen Menge Schmerzmittel bedröhnt, rauchte aber weiterhin Kette, und Janis war von Speed und Rum aufgeputscht und desorientiert zugleich. In verschiedenen Quellen berichten beide unabhängig voneinander, sie hätten sich wunderbar verstanden und einen grandiosen, inspirierten Abend miteinander verbracht, das Material sei jedoch als ‘zu spezifisch’ von der Restredaktion der ‘Konkret’ befunden worden und somit sei es nie zur Veröffentlichung gekommen.
Paul Doses Versuchsaufbau verlangte nun von Itty und mir eine exakte Nachahmung des Zustands der beiden.













(„1963“)

Wir waren von Pauls Vorschlag begeistert - schließlich war auch ich stark erkältet, hatte schon während der Zugfahrt ein paar Aspirin geschluckt und fühlte mich echt beschissen, was mich dennoch nicht vom Rauchen abhielt, und Itty war Alkohol und Drogen noch nie abgeneigt gewesen und dementsprechend freudig bereit, ihren Teil der Vorgabe zu erfüllen.
Wir machten uns also jeweils mit einem Bier und meinen Schmerztabetten ausgestattet im Nieselregen auf den Weg zu dem laut Itty ‘perfekten Ort’ für unser Vorhaben. An einem Kiosk erstanden wir mehrere Schachteln Zigaretten und eine Flasche Whiskey, die wir unterwegs restlos austranken. Wir waren beide vom Regen schon völlig durchweicht, als Itty endlich verkündete: “Wir sind da! Die Kneipe ist ein Geheimtipp - und außerdem ist die ‘Palette’ tatsächlich ganz hier der Nähe gewesen. Das wird super, komm schnell!”. Dann krochen wir durch das Loch in einer schimmeligen Wand, das als Eingangstür für die namenlose Spelunke in einem Hinterhof fungierte.
Im völlig verqualmten Inneren begrüßten uns freundlich zwei junge, langhaarige Männer und wir begaben uns zu einem improvisierten Kneipentisch aus alten Europaletten.
Schon sehr bald danach ist dann das Letzte, das ich vom Abend erinnere, eine dreibeinige, schwarzweiße Katze, die sich fordernd an mein Bein schmiegt, während ich auf den halbvollen Aschenbecher starre, der mit mehreren schon leeren Gläsern Gin Tonic, Whiskey und Bier ein streng riechendes Stilleben auf dem Tisch bildet.
Ich erwachte am nächsten Morgen auf Ittys Sofa - zwar mit starken Schmerzen, ansonsten jedoch mit einer völligen Leere im Kopf. Totales Blackout.
Ich griff zu meinem Minidiscrecorder – aber auch die in der letzten Nacht gemachte Aufnahme konnte meine Gedächtnislücken nicht ausfüllen: auf der Minidisc fehlte jede Spur des Interviews. Ich hatte wohl den klassischen Fehler begangen, nur die Lücken in unserem Gespräch aufzunehmen, indem ich die Pause/Play-Taste zu Beginn der Aufnahme genau einmal zuviel gedrückt hatte. Alles, was mir geblieben war, war ein interessantes Audio-Cutup-Stück mit zunehmend wilderen Kneipen-Atmo-Sounds, inklusive eines sehr langen Endteiles mit Schritt- und Kotzgeräuschen im Regen - unser Nach-Hause-Weg.
Itty war in nicht viel besserem Zustand als ich, entdeckte jedoch während unseres Katerfrühstücks nahezu unlesbare Notizen und andere bei dem nächtlichen Gelage mit Kugelschreiber entstandene Krickeleien, die sich, ausgehend von Armen und Beinen, über ihren ganzen Körper ausbreiteten. Diese kryptischen Überreste des Interviews schienen Itty enorm anzuspornen, denn sie machte sich trotz ihres Schädels sogleich eifrig daran, ihren Körper mit einer Polaroidkamera zu fotografieren. Vielleicht war sie auch noch drauf.
Mir dagegen ging es einfach nur dreckig. So übergab ich Itty die Minidisc als Andenken und fuhr dann direkt nach Hause, wo ich zwei Wochen lang mit hohem Fieber das Bett hüten mußte. Ich habe nie etwas zur ATC geschrieben.
Danach haben sich nur ab und zu unsere Wege gekreuzt. Nun jedoch habe ich aus gegebenem Anlass Itty wieder kontaktiert und sie gefragt, ob sie nicht versuchen könnte, unser damaliges Gespräch anhand der Mindisc-Aufnahme, der Polaroidfotos und ihrer Erinnerung an die generelle Situation der ATC im Jahre 2003 zu rekonstruieren.
Folgendes ist dabei herausgekommen:

D: Itty, ich hatte den Eindruck, daß ihr euch in der letzten Zeit noch stärker als sonst zurückgezogen habt - wenn ja, wohin und was war los?
I: Naja, wir haben uns das letzte halbe Jahr einfach nicht in Deutschland aufgehalten. Ich bin im Frühjahr nach San Francisco geflogen, um dieses dreimonatige Stipendium in einem Frauenzentrum in Topanga anzutreten, für das ich mich beworben hatte. Paul Dose war schon ein paar Wochen vorher in die Staaten gereist. Er bewohnte mit einer mit uns befreundeten Band ein Lagerhaus in Oakland, malte brennende Schiffe in Acryl und versuchte, die damalig große Nachfrage der Westamerikaner nach deutsch klingender Musik zu befriedigen, indem er nüchterne Beats auf dem Computer aneinanderreihte. Wir wollten uns dort treffen und eine Show ausarbeiten, die sich mit Arbeit und Selbstausbeutung beschäftigen sollte und für die wir diese ganze komische Musik benötigten, so AcidPHouse und ItaloCBreaks, Zeug, das auf alten kommunistischen Liedern und amerikanischen Folksongs aufgebaut ist und das man eigentlich nur in den Staaten bekommen kann. Wir hatten vor, uns viel auf Flohmärkten und in Ramschläden rumzutreiben...
D: Was war das für ein Zentrum und was hast du da gemacht?
I: Ich war am 'WEPMS', das 1974 von drei Frauen aus feministischen Bewegründen ins Leben gerufen wurde. Ursprünglich um eine Siebdruckwerkstatt herum aufgebaut, hat es sich im Laufe der Jahre auf den Druck und die Herausgabe von Kunstdruckbüchern spezialisiert und ist in Buchhändlerkreisen mitterweile ziemlich renommiert und etabliert. Auch ich wollte ein Buchprojekt verwirklichen und einen Krimi schreiben. Er sollte um die Geschichte der ersten weiblichen Köchin am königlichen englischen Hofe, die übrigens auch einige der wenigen Frauen war, die mit einem Moog-Synthesizer Filmmusik komponiert hat, herum aufgebaut sein. Das fertige Buch mit seinem an ein Kochbuch erinnernden Cover sollte allerdings ein sogenanntes 'Buchsafe' werden - eine Buchattrappe, die innen ausgehöhlt Platz für Wertsachen - Geld, Waffen, Sexspielzeug, Schmuck - bietet. So gibt es z.B. 'Das Kapital' sowie 'Harry Potter' als Buchsafe, Bestseller ist allerdings natürlich nach wie vor 'Die Bibel'. Meine Geschichte sollte also zwar veröffentlicht, durch dieses Verfahren jedoch mehr oder weniger unlesbar bleiben - und somit verdeutlichen, welchen kapitalistisch-patriarchalen Zwängen die feministische Gegenkultur unterliegt. Ich selbst fand meine Idee ziemlich dämlich, wußte aber, daß sie mir das Stipendium einbringen würde.
D: Ah.
I: Naja. Es fing schon komisch an. Im Flugzeug nach San Francisco wurde ein sehr dicker Mann neben mich gesetzt, so daß ich sehr eingeklemmt war, in der Mitte einer Fünferreihe. Ich schlief dennoch ein und als ich aufwachte, war mir sehr heiß. Ich bekam zum ersten Mal in meinem Leben einen Panikanfall. Ich hatte Atemnot und dachte, keine Sekunde länger halte ich es aus, in diesem Flugzeug. Alle schliefen, es war mitten in der Nacht und draußen war Sturm. Ich stand auf, zwang mich an dem dicken Mann vorbei und legte mich in den Gang. Sofort wurde ich ruhiger. Aber gerade als ich mich eingerichtet hatte da auf dem Fußboden, kam eine Stewardess zu mir und bat mich, aufzustehen und meinen Platz wieder einzunehmen. Ich fing an zu weinen, aber ich schrie nicht und setzte mich resigniert wieder. Auf dem Bildschirm über meinem Kopf lief ein Trickfilm, Homer Simpson auf einem Schiff in Seenot, vielleicht war es Titanic. Ich dachte, die wollen mich verarschen, als dann auch noch die Durchsage kam, die Vorhänge zu schließen und nicht mehr hinauszuschauen. So ein Moment, wo man nur denkt, ok, es ist in Ordnung, ich finde mich mit dem Tod ab, was soll's. Man bestellt sich einen Whiskey, packt den Gameboy aus und spielt Tetris. Und dann ist draußen plötzlich heller Sonnenschein. Amerika. Unter dir eine Wüste, Grenze der Zivilisation. Kein Baum, kein Strauch, zehntausend Rinder auf einem Quadratmeter Lehmboden, ein Schlachthof das einzige Gebäude weit und breit. Auf einem LKW der Schriftzug 'Atombusentransporte'. Verwesung stinkt, die Klimaanlage kommt nicht dagegen an. Das Tempeh hinten auf der Ladefläche ist zum Glück schon fermentiert.
D: Tempeh?
I: Sojabohnen mit Pilz, wie bei Blauschimmelkäse, kann man braten, pürieren, geht als Eis, als Brotaufstrich, lässt sich einfrieren, eingraben und auch gegoren verzehren. Eine geniale Idee, traditionell aus Asien, erst in den letzten Jahren in Europa und dem westlichen Amerika dank Interesse an fernöstlicher Kultur zu einem Verkaufsschlager avanciert.
Da fällt mir ein: Montse Bradford, Kochkünstlerin und zum Lehrkörper an diesem Frauenzentrum gehörend, ist der Meinung, daß wir Lebensmittel häufig unseren emotionalen Bedürfnissen entsprechend auswählen. Sie steht da, in einem grüngelben und pinken westafrikanischen Kleid, mit hennaroten Haaren, die falsche Gangster-Goldkette mit Ghettoblaster dran, die sie von einer ihrer Töchter ausgeliehen hat, um den dürren Hals geschlungen und doziert:
'Der 'Künstler-Künstler' ist jemand, der nicht im allgemeinen Fokus, sondern lediglich im Blickfeld anderer KünstlerInnen steht. Zu nennen wäre zunächst der 'Künstler-Künstler' ohne Werk, der durch seine Haltung, seine Lebensform, als Identitätsfigur für andere KünstlerInnen fungiert. Weiter jene Variante des 'Künstler-Künstlers', der zwar eine Produktion hat und für diese von anderen KünstlerInnen geschätzt wird, von Galerien und Institutionen jedoch kaum Anerkennung erfährt, da ihm das Betriebssystem Kunst keine Aufmerksamkeit widmet oder er sich diesem bewußt entzieht.
Wenn der 'Künstler-Künstler' also erst im Zuge der Anerkennung durch KünstlerInnen (wieder) sichtbar wird, lässt sich in der Marginalität ein weiteres Merkmal des 'Künstler-Künstlers' festmachen. Genau diese Marginalität, die Randständigkeit macht den 'Künstler-Künstler' für andere KünstlerInnen und in letzer Zeit für den Kunstmarkt so interessant.'
Montse hat sieben Töchter. Zusammen ergeben sie eine Band. Sie wohnen in einem alten Warehouse, essen zum Frühstück Rührei, was Geborgenheit verspricht und singen abends opiumverlangsamt mehrstimmig atonal. Mutter und Töchter tragen bei Auftritten mehrschichtige schwarze Gewänder, halten Triangeln und rasseln mit Kalebassen. Als Hintergrund projiziert der einzige Sohn schwarzweiße Super8-Filme: Magere Möwen vor rauchenden Fabrikschornsteinen, exotische Blumen vor rissigen Backsteinmauern, seltene, ausgestorbene Musikinstrumente und Bilder vom Präsidentschaftswahlkampf. 'Feed me' und 'Perlentaucherinnen' sind die Hits der Band. Und die sieben Töchter. Rühreier und Schokolade. Blöcke von Herrenkuchen, sperrig, schwer und glasig. Glasiert. Lasiert. Schokoladig. Innen hohl. Alles voll, ein ganzer Gang im Supermarkt. Dazwischen ein paar Riegel aus Carob und Schweizer Schokolade.
D: Itty, bist du hungrig?
I: ...aus den Lautsprechern schallt leise Musik, Sounddesign, das anregend wirken soll.
Und in der Gartenabteilung des Supermarktes ist an einem Miniaturteich mit Springbrunnen eine Bar aufgebaut. Zwei Mädchen mit Turmfrisuren und viel Kajal sitzen auf Barhockern, die mit buntem Bast behangen sind, trinken Gin Tonic und schauen dem hübschen Barmann zu, der eigentlich nur der Praktikant der Gartenbauabteilung ist. 'Weißt du noch, wie das damals war' sagt die eine und saugt an ihrem Cocktail, 'die Leute kamen, weil sie zum Überlaufen voll waren, und sie haben ihre Fülle geteilt', 'und danach', spricht das andere Mädchen weiter, 'waren es die Leeren, die kamen, und sie wollten gefüllt werden.'
D: Itty, trinkst du noch einen Kurzen mit?
I: Ja, super, einen Busengrabscher.
D: Was soll das denn sein?
I: Kennst du nicht? Das ist ein Schnaps, so ähnlich wie Feigling, wurde Anfang der 90er verboten, aber hier gibts den noch. Die haben damals die Restbestände billig aufgekauft und immer noch das ganze Getränkelager damit voll. Wo war ich stehen geblieben? Ach, ja:
Gleich daneben sitzt ein ehemaliger Tanzlehrer für Lindy Hop mit seinem Königspudel auf dem Barhocker zu seiner rechten. Füllt sich und den Hund mit Whiskey ab. 'Ein guter Hund kann schonmal was vertragen.' 'Ein guter Kerl auch.' Der Barkeeper sagt leise, es sei mindestens schon sein dritter Pudel.
D: Was ist überhaupt aus deinem weißen Hund geworden?
I: Der ist tot. Wie der Pudel. Aber was gehen mich die Probleme anderer Leute an. Das ist nicht arrogant, mich drückt mein Schuh halt woanders.
D: Wo denn?
I: Das, was wir machen, ist eine Alternative. Alternative bringt immer weiter, ist also innovativ. Aber eigentlich will man das nicht sein. Denn man will ja den Leuten, die man nicht mag, und zwar aus völlig unpersönlichen Gründen nicht mag, tatsächlich den Hahn zudrehen und ihnen nicht ständig, andauernd, völlig unentgeltlich, noch einen neuen verchromten oder neonfarbenen vorsetzen.
D: Dazu fällt mir was ein. Seit einigen Jahren arbeite ich in der freien Kunst- und Filmszene. Dabei beobachte ich eine schleichend perfide Diskussion über Hartz4-EmpfängerInnen.
Ich organisiere seit nunmehr fünf Jahren das stetig wachsende ‘Festival des gescheiterten Films’.
Ich mußte feststellen, dass unter den Filmemachern/Drehbuchautoren und vor allem Künstlern viele Hartz4-Empfänger ihr Dasein fristen und gleichzeitig, ob ihres geringen Einkommens, gesellschaftlich-kulturelle Arbeit leisten.
Nun kam ich auf die Idee, das einmal profund zu dokumentieren. Ich glaube nämlich, daß unsere Gesellschaft, vielleicht nicht unmittelbar finanziell, so doch über weiter gedachte Wege bis hin zur Hochkultur ihren Mehrwert durch diese ‘Basis-Arbeit’ um ein vielfaches zurückbekommt.
Ja, ich behaupte: Hartz4 ist auch Kulturförderung und Investition, und daß die durch Hartz4 erlangte freigestellte Kreativität eine der Säulen unserer demokratisch gesinnten Kultur ist.
Nun suche ich Hartz4ler, die bei dem Projekt mitmachen und sich und ihre Arbeit präsentieren.
I: Suchst du nun Hartz4ler oder Künstler? Das ist doch nicht dasselbe. Es hat nur was mit Ökonomie zu tun. Geld. Macht. Geld. Essen. Zum Beispiel unser Haus hier: Wohnprojekt für mittellose KünstlerInnen, war mal besetzt, sieht aber besser aus mit KünstlerInnen drin, die müssen aber mittellos, bedürftig heißt das, sein. Das muß man nachweisen, will man hier wohnen. Jetzt droht uns quasi der Rausschmiss, denn dem Stiftungsvorstand, der das Haus verwaltet und der natürlich immer nach der Politik der Stadt schielt, jedenfalls dem Vorstand sind wir nicht produktiv genug, d.h. entweder machen wir nicht genug Kunst, weil alle ihre Kunstzeit verbrauchen, um Lebensgeld zu erarbeiten, oder aber es wohnen nicht genug stadtbekannte KünstlerInnen im Haus. Wären wir aber alle erfolgreich, und ich setze das jetzt mal mit ökonomischem Erfolg gleich, dann dürften wir hier nicht wohnen, denn dann wären wir nicht mittellos. Wir arbeiten also alle aus ziemlich verschiedenen Gründen eifrig an unserem Auszug...
D: Du hast zwar kein Geld, aber Kreativflow.
I: Genau deswegen bin ich ja auch die Alternative und erfinde Neonwasserhähne. Daher ja genau meine Forderung, es gibt keine Alternative! Kein Geld haben aus romantischen Gründen ist nämlich dämlich, erfolgreiche Kunst machen ist meist dämlich, und die Alternative dazu, nämlich gute Kunst zu machen und davon Geld zu haben, ist irgendwie unmöglich, denn die Verhältnisse sind eben nicht so. Prost!
D: Das letzte Mal als ich dich traf, hast du mir eine Spielautomatenweihnachtskugel geschenkt. Dein Weihnachtskugelvogel ist leider zerbrochen. Seitdem habt ihr noch einige Sachen veröffentlicht. Was zum Beispiel?
I: Wir haben alte Aufnahmen der Ostdeutschpunkband 'Schrankaffe' wiederveröffentlicht.
D: Und wo befindet ihr euch gerade? Vielleicht an welchen Orten, Umständen und in eurer Arbeit? Gibt es aktuelle oder zukünftige Projekte?
I: Dieses Paradox, daß es keine Alternative gibt, das kann man ja im Kopf haben, so als vegetarisches Schnitzel. Und daß man sich wohl gleich selbst mit abgeschafft oder überwunden hätte, wenn man es schaffen würde, keine Alternative zu sein - das ist eine andere Frage. Und ob das nur destruktiv sein muß oder ob man dann jetzt wie Montse eher über Zen oder Buddhismus sprechen müßte. Also, man scheitert so oder so und produziert in seinen Bemühungen am laufenden Band Alternativen und Nischen. Die prosperieren irgendwie ärgerlich. Aber ich denke, einfach so aufhören geht auch nicht. Also kampflos aufhören. Ohne weiterzumachen. Das ist vielleicht letztendlich nur sehr persönlich, aber es ist mir wichtig. Unzufrieden, unruhig zu sein, in Schwierigkeiten. Ich male jetzt und Paul ja sowieso. Beide machen wir Kunsthandwerk. Auch in Zukunft. Aber eigentlich arbeiten wir beide daran, wie man freudig in den richtigen Schwierigkeiten sein kann. Mit Freude und Spaß. Man darf doch nicht verbittert werden über diesen Problemen, sondern eher schalkhaft und laut lachen. Den Spaß sich an den Schwierigkeiten erhalten. Entschuldige, was hast du gerade gefragt?
D: Ich habe gesagt, das letzte Wort der Macht lautet, daß der Widerstand primär ist....
I: ...weil er die Alternative ist. Deswegen sind wir ja auch heute hier. Ich dachte, ich muß nochmal wiederkommen und dann schauen, was in der Verschiebung passiert. Wie ein Forscher. Forschen hat ja erstmal was mit Interesse zu tun. Ich versuche Dinge zu entdecken und mich selbst auch. Also was mach ich hier, und was für eine Figur.
D: Ich glaube, ich muss kotzen.
I: Der Manager bleibt in turbulenten Situationen nicht ruhig und gelassen, sondern produziert schon jetzt die Störungen, die für Morgen zu erwarten sind, damit die Organisation rechtzeitig lernt, darauf zu reagieren.
Es brennt und ich bin ungezählte Male in das Gebäude reingegangen. Immer auf die Bühne. Hab auch gar nicht drüber nachgedacht. Macht man halt so. Ich meine, mitmachen. Und dann an Punkten hab ich nicht mitgemacht, weil ich dachte, so, jetzt ist aber mal Schluß. Das Problem ist, das kann man eigentlich nicht machen, solange man keine Macht hat. Also nicht mitmachen, sich verweigern nennt man das glaub ich auch. Weil wenn du keine Macht hast, dann merkt das keine Sau. Machen kann man das natürlich trotzdem, die Frage ist nur, wie effektiv ist das? Dreitausend Leute demonstrieren in Woodstock oder feiern oder lieben, und das ist für’n Arsch, und die Künstler ziehen sich die Narrenkappe auf, wenn sie nicht ganz dumm sind, also smart. Mit Narrenkappe wird man auch eingeladen, in die Zentren der Macht, die heute dezentral sind, und da sprechen. Am Ende klatschen alle und man selbst hatte im besten Fall seinen Spaß, weil man liebt, was man macht, sofern man überhaupt noch lieben kann, was man macht, was man eventuell kann, wenn man den ganzen Restscheiß ausblenden kann. Dann kann man was genießen und arbeitet an seinen Sachen. Ansonsten hat man vielleicht Kohle oder Koks oder Saufen. Ficken geht auch noch. Ich heiße ja nicht von ungefähr Janis.
D: Also wie kann man weitermachen ohne aufzuhören, oder wie kann man aufgeben ohne aufzugeben? Und was sind eure zukünftigen Projekte oder wie siehst du deine Zukunft?
I: Die Ostdeutschpunker waren der Meinung, es gebe ‘Zuviel Zukunft’.
Auch ich verschicke aus Interesse am Jetzt im Jetzt Postkarten aus der Zukunft, vorproduziert für die Zukunft, alle selbst siebgedruckt und handbeschrieben. Damit mache ich dann eine Ausstellung, vielleicht in Hamburg, lieber aber in Port-of-Spain, wo ich bei der Eröffnung Gitarre spiele und Lieder von Bob Dylan singe, was etwas Neues für mich ist.
Wie immer hoffe ich, daß etwas passiert, was ich dann, am besten gleichzeitig, auch wahrnehmen kann - wie Alice, die zwar schläft, immerhin aber dem weißen Kaninchen ins Loch folgen und beim Fallen auch noch die Marmeladegläser zählen kann. Was ja schon ziemlich viel Handeln ist. Daran arbeite ich.
Paul malt weiterhin Portraits von Musikern und Künstlern, die wir schätzen und mögen, die damit ihre Plattencover machen, und wird berühmt, bleibt aber bescheiden.
Und ich hätte in zwanzig, nein lieber in dreissig Jahren gerne eine Turmfrisur, drei Tweedkostüme und einen schwarzweissen Hund, mit dem ich an einem wilden Meer wohne. Ich spiele dann Golf und er zerbeißt die Bälle.
















(„2001“)

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