11.03.07

Can zombies die

IT WAS HERE PT.I
ich werfe mich seit drei tagen nachts im bett herum und schwitze.
es gibt ziemliche viele gruende, nachts nicht zu schlafen.
ein schaufenster, dass man schon die letzten drei tage von der strassenbahn aus hat leuchten sehen und begierig betrachtet hat. ein schaufenster voll farbenfroher toertchen in gruen, rosa und gelb, voll feister schokoladiger pralinen und riesengrosser, hoher, wahnsinnig bunter und reichverzierter torten.


das wasser laeuft im mund zusammen.
sie sagt: man muss doch eigentlich immer mit dem schlimmsten rechnen, also ich bin da sehr misstrauisch.
sie sagt: ich trainiere jetzt diese rollen. neulich ist mir das gut gelungen, beim radio. ich war ganz professionell eine kuenstlerin.
sie sagt: warum korrigierst du immer mein deutsch. es ist doch klar, dass wir uns falsch verstehen.
sie sagt: das sind die wichtigsten situationen im leben, daß man kommt dabei geradeheraus.
um 2.30 morgens erreichte der notruf minchesta. sie wurde dadurch keineswegs, wie man vermuten koennte, aus tiefstem schlaf gerissen, dennoch nahm sie erst nach dem 7. klingeln fluchend den hoerer ab. 'piss off, motherfucker.' minchesta war keine dame, wuerde es nie werden und dies war auch der grund fuer ihr naechtliches wachsein. 'why the fuck we act like that!'
es gibt ziemliche viele gruende, nachts nicht zu schlafen.
man hat besseres zu tun.
(go for a walk with someone
go out somewhere with someone
talk to someone
walk to
go on the computer
play playstation 2
go to the cemetary and talk to someone
listen to music
go in my room)
musik machen, dicke baesse und fiese hoehen, aufgehackte, atomverseuchte zitatwaelder an autobahnen, auf denen limousinen von popstars, ameisen, hellblaue fords und italienische panzer aus dem ersten weltkrieg cruisen- armeen voller maedchen mit dicken brillen, hochtoupierten haaren, viel kajal und rock im blut, damit auch klar ist, who killed bambi- mit 180 bpm ziemlich straight unterwegs ins queere, schwule und happy hardcore canada. romantisch wird es erst in alaska, bunker mit holzverkleidung unter schnee, fabriketagengroße keller voll tomatensuppen in dosen, haltbar bis 1980, falsche kaminfeuer und katzen mit diamanthalsbaendern, jack russell terrier und zwergkrokodile. im bunker: homerecording kills recordcompanies. recordcompanies kill people- they don't need guns to do it, rappers do. basically that's why we love rap. 5,5 milliarden idioten auf der welt. deutsch nicht gut zum rappen aber zum schlafen, zum schreiben von worten.
5,5 milliarden idioten auf der welt, in alaska nur 600.000, ich weiß nicht, wieviele in finnland.
was ich weiß: dem streit aus dem wege gehn heißt riitely vaeistaeessaeaen, nein, ist vermutlich falsch, ein fehler, nein, ungenauigkeit, heißt doch eher: streitend beim sich aus dem wege gehen- was aufgrund der gleichzeitigkeit der handlungen eine unmoeglichkeit darstellt.
(jahrelang vergnuegte ich mich waehrend der seltenen besuche bei einer großtante, die in hamburg in einem roten klinkerbau in der wandsbeker chaussee lebte, mit dem versuch, ein paar hunde zum kuessen zu bringen. es handelte sich um terrier, einer schwarz, einer weiß, beide 3 cm hoch und aus plastik, die auf einer kackbraunen kommode zwischen kleineren und groesseren tieren aus geschliffenem kristall, jeweils mit filz unterlegt, lebten. das kuessen misslang immer: sie stiessen einander ab, kreiselten umeinander herum und rochen statt dessen an ihren hinterteilen. eingebaute magnete waren dafuer verantwortlich.)
riitely vaeistaeessaeaen: versuch der vermeidung von schwierigkeiten. ein versuch auszuweichen.
das ausweichen ist unmoeglich.
vermeidung von schwierigkeiten ist unmoeglich.
dass man den versuch doch unternimmt, ist weniger widerstand als notwendigkeit. notwendigkeit nicht im sinn von genauigkeit, sondern von unvermeidlichkeit und zwang. man wird zur risikoverminderung durch unterlassung gezwungen.
immer soll man in andere schwierigkeiten geraten, als die, mit denen man sich eigentlich gern beschaeftigen wuerde. man hat eine notwendigkeit. man moechte ja nicht unterlassen, man moechte handeln. jedoch kann man nicht handeln, man kann dauernd immer nur noch sachen unterlassen. (schließlich war ich boese und begann grobheiten zu sagen. das begann damit, daß ich mich ploetzlich, ohne jede veranlassung, ohne dass man mich gefragt hatte, und mit lauter stimme in die unterhaltung anderer einmischte. 'wenn man sich selbst achtet, faengt man unbedingt streit an, und dann muss man sich manche kopfnuss gefallen lassen.')
solche schwierigkeiten kann man sich ueberhaupt schon kaum noch vorstellen- und doch ist man dauernd in schwierigkeiten.
(12.00 baustellen werden dieses jahr wiens strassen zieren, wobei auf barrierefreie zugaenge, vermeidung von 'angst-raeumen' und neue radwege wert gelegt wird. wegen des geringeren verkehrs ist die hauptsaison der sperren und umleitungen der sommer.
ferner heißt der hundehaufen hundstruemmerl. das einrichten von 100 hundezonen und das aufstellen von 315 sackerlstaender sowie schwerpunktaktionen, die mit der polizei durchgefuehrt werden, sollen die hundehalter zu mehr eigenverantwortung anhalten.)
man tritt dauernd in scheisse.
aehnlich ist es mit dem verzehr von torten. immer will man die torten kaufen, weil sie so gut aussehen in den schaufenstern, beim essen dann aber ist man dann immer enttaeuscht. auch das wusste man schon vorher.
ich taufe die toertchen aus schokolade hundstruemmerl obwohl sie rehruecken heissen.
('ach, habe ich dennn probleme?' 'ich sitze ja hier, um das zu erfahren', sagte sie. 'also ich denke mir', fuhr sie fort, 'ein junger mann, der merkt, daß es ihm gut gefaellt, sich maedchenkleider anzuziehen, nimmt das nicht so einfach hin wie einen pickel auf der stirn, der kriegt damit seine probleme. wir leben schliesslich nicht in einer welt, wo das als so ueblich und normal wie ein pickel gilt. und meiner lebenserfahrung nach faellt es keinem menschen leicht, sich zu dem zaehlen zu muessen, was man eine minderheit nennt.')
riitely vaeistaeessaeaen: einen schlenker machen beim ueberholen, um zu ueberleben, dabei schon ueber das wissen verfuegen, dass man stirbt. (das weiss man aus der lebenserfahrung heraus)
freiwillig wird man zum halbtoten.
tausche schwierigkeiten gegen schwierigkeiten.
nicht einmal das geht- ich wuerde behaupten, dass man die wirklichen schwierigkeiten, naemlich die interessanten, meist einfach nicht mehr wahrnehmen kann.
und ueberhaupt, von welcher seite aus schaut man denn? wer entscheidet das wann und warum? man selbst doch seltensten fall.
sie sagt: das sind doch die wichtigsten situationen im leben, dass man kommt dabei geradeheraus.
um wuerde ging es da. was voraus ging, war aber kein freiwilliger kampf, kein freiwilliges sein von in schwierigkeiten.
in gefahr und groesster not birgt der mittelweg den tod.
also:
(ihr kaffeetrinkenden, tratschenden, abwartenden angestellten der oeffentlichen rundfunkanstalt mit euren haesslichen klamotten, von jetzt an brauche ich mich nie wieder zu quaelen. ich muss eure langweiligkeit nicht laenger ertragen und grau im gesicht werden dabei, muss nicht mehr meine lebensgeister raustroepfeln lassen, stundenlang, beim sitzen auf einem ergonomnischen buerostuhl, der mir rueckenschmerzen bereitet und mitternachtsblau ist. muss nicht mehr euren sauren atem riechen und eurer suesses schweres parfum, eure abgesichertheit und eure hofflungslosigkeit. muss mir nicht mehr preiskuerbisse anschauen und aale, aufgeschlitzt. muss nicht zum zehnten mal hoeren, wie ich am besten mein testament aufsetzen, daß ich keine lebensversicherung abschliessen, sondern in einem sicheren aktienfond anlegen soll. werde nicht mehr wissen, wie ich marmlade koche, welche waschmaschine ich kaufe, welches auto ich fahre, welches haustier ich halte, welche blume ich zuechte und wohin ich reisen soll im schoenen norddeutschland. werde nichts mehr zur konversation hinzufuegen koennen, abends in der kneipe, werde keine rechtstipps mehr geben koennen und keine anekdoten mehr erzaehlen von stinktierhaltern, kaffekannennensammlern, nostalgischen polizisten, greisen djs, aufopfernden ehrenamtlichen und alten schlagerstars.)
es gibt ziemliche viele gruende, nachts nicht zu schlafen.

10.02.07

In a puddle of mud

Aufgeführt im Golden Pudel Klub, Hamburg am 07.02.2007

In a puddle of mud


kratzen. den ganzen tag. kratzen. kratzen. das muss alles weg. sauber sein. glänzend. restauration für eine glänzende zukunft. damit ist hier alles voll. den ganzen tag laufen die hier rum. und ich- ich kratze kratze. der ganze fliegenschiss muss weg. weg weg weg. kratzen. nichtmal mit kreide auf 'ner tafel. das würde wenigstens schmerzen. ein widerliches geräusch machen. stören. ich kratze. mit skalpell. maniküre bei einem monster, zahnbehandlung bei einem giganten. bin ein kolibri im stinkendem hals von einem krokodil in dessen magen ein lateinschüler verwest. hat ihm auch nicht geschmeckt. aber alle löffeln brav die suppe. selbst eingebrockt. sämige stückchen, klebt weit hintem im hals, selten erstickt wer daran. im totenschein steht dann was anderes. hat erst zuviel stunk gemacht, dann zuviel gesoffen. herzinfarkt beim squashspielen, beim kochen, beim kriechen, während die angehörigen schliefen, beim einreiben mit honig und teer, beim einreihen und beischlaf, beim stehen im stau. komplettstillstand. geht schnell. merkt man kaum. tut kurz vorher einmal noch saumäßig weh. rüttelt einen auf. so! huhuhu! unheimlich, was. geht schnell wie.
(eine meiner ersten erinnerungen ist, wie ich einen kondor überrasche, der sich über eine tote kuh hermacht. ich sah zu, versteinert vor schrecken. der kondor ist riesenhaft, seine schwingen haben mehr als zwei meter spannweite. sein kopf ist nackt, zwei weiße kugeln treten in seinem nacken hervor. er neigt den kopf schnell, oft, so als wollte er grüßen, sich verbeugen, plaudern. dann schlug er seine gewaltigen krallen in den aufgeschwollenen leib des tieres. ich erfuhr, wie sie zusammenarbeiten. wenn ein tier oder ein mensch stirbt, können sie dies offenbar allen kondoren in der nachbarschaft telegrafisch mitteilen und ein treffen vereinbaren. sie erscheinen in gruppen und sitzen rund um den kadaver im kreis, nicken mit den köpfen, rühren ihn aber nicht an, bis der könig ankommt, der größte von allen. er macht lärm wie ein flugzeug).
jetzt muss ich hier aber weitermachen mit dem kratzen. komme sonst in verzug.
nicht schnell genug. aber ach was! ist mir egal. ich trödle hier rum. singe ein liedchen. warum auch nicht. ist eh laut hier. alle schön am saufen. das muß man, ist ja nicht zum aushalten sonst. die arschbacken zusammengekniffen. ein arschkrampf. ein krasser kampf, daß muss mal raus, wodka rein und klassenlose gesellschaft. immer rein damit. wie die würstchen bei dem mccarthy. immer nachstopfen bis man kotzt. der mc carthy ist ein performer. p-e-r-f-o-r-m-e-r. ha, ha. kotzperformer. kotzt kunst. macht keine miesen, macht kohle. macht man so, immer locker raus mit der wurst. genial ist das. immer produzieren NICHT VERKRAMPFEN!!! aber die kotze braucht kein mensch. kommt nur hinz und kunst bei raus. guckt euch mal um, ihr geilen kunststuten. weiß auch nicht, wo immer diese ganze kunstkacke herkommt. total vollgestopft stopfgansmäßig ist mein hirn damit, soll ich euch mal sagen wer die top ten künstler sind, ja? 1.Richter, 2.Nauman, 3.Polke, 4.Trockel, 5.Bourgeois,6. Baselitz, 7.Sherman, 8.Kentridge, 9.Eliasson, 10.Kelley- kotzt mit mccarthy, meese malt nur noch, geniale 40.000 bilder im jahr. ich kann an nichts anderes mehr denken außer an kotzen, äh, ficken, ihr macht mich so geil, ah ah ah! ja, ihr könnt lutschen!!! man muß gut lutschen können! ja ja jaaaa!! du geiler pudel! seid mal lauter! braucht mir nicht zuhören ihr wichser. amüsiert euch nur gut bei der geilen schau. lauter! lauter! lauter! mehr! mehr! mehr! das ist dann wenn alle in die hände klatschen. open air konzert. bochum oder mannheim. ich klatsche frösche an die wand. aus dem todesgeschrei mach ich musik von der alle kotzen, äh, ficken müssen. panik bricht aus. das ist aus einem film. daher kennt man das. sonst eher nicht. das klatschen schon. im takt. zwei, drei. eins, zwei, drei. klatschen geht immer. wenn Sie jetzt klatschen, dann ist alles klar. dann haben Sie gewonnen. ist egal, sie wissen nicht warum. das spielt aber auch gar keine rolle. darum geht es eben gar nicht. hauptsache sie klatschen. das mag ja sein. brutal. ja, ist doch was. brutal. immerhin was. immer schön abklatschen. abspritzen. wie der pollock. in meinem viertel, wo ich die straßen wirklich gut kenne, ist alles vollgespritzt von ihm. eine ekstase. geradezu. von dem pollock. es gibt da viele läufige hündinnen und er hat ordentlich zu tun. kommt gar nicht hinterher. kann sich nicht retten vor aufträgen.
ja ja ich hör jetzt auch auf damit obwohl mir scheißegal ist ob es euch gefällt. das soll ja nicht gefallen. gefallen ist doch langweilig. man könnte ja mal was interessant finden, oder ist das schon zu gefährlich, kommt man dann schon nicht mehr klar. je mehr man säuft desto besser kommt man klar. wenn ich mehr saufe muss ich nicht mehr oder muss es heißen MEHR von kunstkacke sprechen, wollte ich ja eigentlich auch gar nicht wollte von dem sprechen was ich lieber mag. also dieser anfang von einer spur. ich weiß nicht mehr, warum ich da draußen war, autobahnkreuz, irgendwo in mitteldeutschland. oder war da ein deich? wär dann nicht mitteldeutschland aber eigentlich hübscher. ja, deich ist gut. blick vom deich auf zwei atomkraftwerke, gleich zwei!!! brunsbüttel und wie heißt das andere, jedenfalls ein schöneres bild als ein autobahnkreuz. obwohl man da was erleben kann. auf der autobahn...einer bricht sich bei einem unfall, rausgeschleudert in die böschung an einer autobahn, die ziemlich tief runter geht, so fünf, sechs meter runter, ein bein. kommt daher den abhang nicht mehr hoch, kann nicht mehr kriechen, hoch zum standstreifen der autobahn. bleibt dann da wohnen, im grünen, mitten im autobahnkreuz. ekelhaft dekadent ist das!!! der meint, er könne sich einfach rausziehen, verdrücken auf seine insel aus beton. seine nische aus asphalt und teer und leeren coladosen und vollgeschissenen, vollgewichsten tempotaschentüchern. kann sich jeden tag einen der dort ausgesetzen pitbullwelpen fangen, ihm den hals umdrehen und grillen. beim essen der symphonie der 12-tonner lauschen. später am abend die nietenhalsbänder der hunde, auf denen wotan, yucatan oder 2pac steht auf den männertoiletten der raststätten verkaufen- ein gutes leben. während der rest der menschheit weiterhin im stau steht oder sich totfahren muss. trotz airbag und neuem golf- und doch eben erst mit der ganzen familie dessen geburt aus glas und stahl und apricotfarbenem lack in der völkischsten der deutschen städte, der autostadt, beigewohnt hat. aber DER kann gut leben auf seiner insel, seiner alternative. na klar. und was ist mit der verantwortung für die welt, politik, kinderpornografie und der großen flut. wenn ich das schon höre, alternative. auf der betoninsel wohnen und mitglied bei greenpeace sein, solarangetriebenen rollstuhl fahren, cruisen, wie die junkies im schanzenviertel mit den maden in den beinen. auch eine alternative heilmethode, der hiphop. in frankfurt da wohnen gleich zwei solcher drückeberger auf einer verkehrsinsel, hassen sich wie die pest. der eine ist ein messie und der andere mega der kontrollfreak- führt da jedes jahr ein theaterstück auf, mit zahmen amseln, krähen und kaninchen von der verkehrsinsel. für kein bild ist er sich zu schade: er steht, in weißes laken gehüllt auf einer feuertonne, auf seinen ausgestreckten armen hocken die viecher. die kulissen sind aus angeschwemmten müll gebaut und aus zeug, daß er dem messie geklaut hat. das ganze ist von der kulturbehörde gefördert. hochglanzplakate, fressbuden auf der verkehrsinsel und hippe bands. jedes jahr ein riesenspektakel. schreibt grad an einem roman, ganz unten soll er heißen, die filmrechte hat er schon verkauft. an den ami, der diese serie mit obdachlosen gemacht hat, die sich für kohle gegenseitig die fresse polieren- daher kam auch der kontakt.
jedes jahr versucht der messie den anderen auf diebstahl zu verklagen, geht dann aber selbst für die zeit in den knast. da dreht er fast durch. da is ja nicht viel mit messie sein, im knast. nicht mal ruhig ist es da. IMMER NUR SCHREIEN KANN MAN DA. kommt raus und ist voll druff auf lithium und benzedrin und pansch. hat immer nur stress der arme. dabei will er doch nur in frieden auf seiner verkehrsinsel sitzen im smog und hunde verzehren. ES IST SO UNGERECHT! ich könnte. scheiße!!!!!! scheiße!!!!!!! die weiße rüschensocke ist über die ferse nach vorne in den schuh gerutscht. unter dem fußballen bildet sie einen schmerzhaften wulst aus feuchtem stoff. ich kann die socke nicht hochziehen, ich müsste den schuh ausziehen, alles liegt sowieso nur an diesen blöden schuhen. wie konnte ich bloß auf die idee kommen, sie ausgerechnet heute anzuziehen. verdammt spitze schwarze stiefeletten mit pfennigabsatz. im winter bei regen.
später im club rinnt der kajal in schwarzen bächen meine wangen herunter und das eiswasser in blutigen bächen aus den stiefelchen- die socken ruiniert wie unterhosen vom menstruieren. jede verdammte nacht. jeanie, oh, jeanie, life is not what it seams. ich hock auf der abgewetzten treppe vor einem bescheuerten club.
nicht stoned genug. mikrofon in der tasche. lippenstift und schlüssel. wohne immer noch bei den hippies. suche eine möglichkeit da rauszukommen. nicht die leiseste ahnung, wie. ein taxi fährt mit abgeblendeten scheinwerfern vor.
taxifahren kann ich mir nicht leisten. der kapitalismus ist eine realität. aber es fragt sich doch, wie man mit der realität umgeht. ob man sie lauthals affirmiert oder ob man mit ihr schwierigkeiten hat und aus diesem zwiespalt heraus trotzdem etwas macht. ich zahle mir seit jahren kein gehalt, um die katze am leben zu erhalten...aber davon allein kann man sich in gottes namen noch keine margarine aufs toastbrot streichen, und für die katze fällt dabei auch nichts ab; und bald kommt es soweit, daß man den toaster verschrotten kann und die katze in die pfanne hauen muß.
das taxi ruckelt über den bordstein und hält einen halben meter vor meinen knien. der fahrer streckt den kopf raus: steig ein. ich sage ihm, daß ich pleite bin. er meint, er sei nicht auf geld aus. ich klettere auf den vordersitz und ziehe mit ziemlicher mühe die blutigen schühchen aus. er fragt, ob ich zum hafen möchte. ich zucke die schultern. schon wieder die gesellschaft eines komischen arschlochs. das hier hat eine schwäche für kunstattentäter. soll ich dir mal sagen wer die zehn bekanntesten kunstattentäter sind: 1.bohlmann, 2.pinoncelli, 3.solanas, 4.chapman, 5.richardson, 6.unknown h., 7.van Bladeren, 8. brener, 9.kelleher, 10.cai und xiianjun. rembrandt, rubens, malewitsch, duchamp, duffy, dürer, picasso, newman, hirst, emin, offili, ono, serrano. ich sage. quatsch nich. mehl, farbe, messer, hammer, tinte, säure, axt, pisse, scheiße, kotze. wir kreuzen die amüsiermeile. dannach sind die lichter überall schon aus, mit ausnahme einer schmuddeligen altmännerkneipe. ein einsames winziges haus, eher eine baracke. eingeklemmt zwischen einem fischrestaurant und einer fußgängerbrücke über der zweispurigen straße. der blick auf den hafen. mir wird klar, daß das unser ziel ist. der taxifahrer sagt, ich soll drinnen warten, er leistet mir gleich gesellschaft. ich sage arschloch, kann drauf verzichten und betrete die bar. der laden stinkt nach abgestandenem bier, pisse, kotze und moder und ist nicht heller und breiter als ein u-bahn-schacht. ein punk rock archiv. ein zahnloser opa kommt angeschlichen, torkelnd, erinnert mich an b., fragt mich höflich, schüchtern, kläglich, ob ich tanzen möchte. DANCE! DANCE! DANCE! ich sage, nein, ich muss hier gleich auftreten. man soll dahin gehen wo es weh tut. ich stelle mich mit dem mikro in der hand direkt neben das dj pult. vor mir tanzt eine blondine in knallengen perlenbestickten hosen. man sieht ihren slip auf dem hintern. mit zwei fingern hält sie auf kopfhöhe einen ausgestopften mops von sich weg. dann macht sie einen kußmund zum mops hin und stopft ihn sich in den ausschnitt. igitt. das angegilbte, verwahrloste, abgestandene ist heute sehr teuer. ich setze meine sonnenbrille auf, sehe aber leider dennoch den bukowski-opa auf mich zuschwanken. DANCE DANCE DANCE! verdammt. immer geht das so. so: ich gehe eine straße lang. die scheißfüße tun weh. kann nicht rumhocken, vor dem fernseher, mit dem hund, dem mitbewohner, der pizza, dem computer, der antifaltencreme, den neuen nike air und langsam verwesen. gehe raus. die straße lang. immer geradeaus. die wand des klubgebäudes, der straße zugewandt, ist weiß und kahl, ohne eine eingangstür, ohne fenster im erdgeschoß. nur eine nummer leuchtet in violettem neonlicht. nichts sonst. ich gehe also um die ecke. eine veranda aus beton, glas und chrom. ich öffne die tür. ich brauche einen drink, einen lieblingsdrink und später dann einen jungen zum ficken, vielleicht. ich trete ein. ein empfangsraum wie ein sehr teures musical. viel licht und glimmer, viel bühnenbild, viele kostüme, viel lärm, eine spitzenbesetzung, und eine handlung mit der originalität und dem drive eines gespaltenen fingernagels. im schönen, weichem, indirektem licht scheinen die wände unendlich hoch nach oben zu steigen und sich zwischen weichen, lüsternen sternen, die tatsächlich blinken, zu verlieren. ich denke: wird hier ein film gedreht? denn da liegt ein toter und hat einen gitarrenständer in den rücken gebohrt. das gesicht kann ich nicht erkennen. ich gehe langsam durch den raum, an die bar, nehme ein glas aus dem regal und mixe mir meinen lieblingsdrink: vier teile gin, ein teil lime juice, eis, zitrone, mit apfelsaft aufgefüllt und schaue mich um. hier wird kein film gedreht! alle tot! rocker, touristen, bullen, alle tot! da ist nur ein papagei in einem käfig überm tresen und krächzt leise, ich verstehe erst beim zweiten mal: paxi und fixi! paxi und fixi!
ich höre ich ein leises schnarrendes geräusch. wie eine modelleisenbahn oder ein käfer, der auf dem rücken liegt oder wie eine fliege, die am fliegenfänger verreckt, stundenlang geht das manchmal. es summt und schnarrt. ich gehe näher zum tresen hin, quer durch die bar, folge dem geräusch am tresen vorbei zum dj pult. das geräusch wird lauter. und da seh ich sie. eine puppe liegt komisch verdreht auf der seite. knallenge perlenbestickte jeans und weiter ausschnitt, darin ein mops. ich gehe noch näher ran, knie mich hin, brauche nur noch die hand ausstrecken, um sie zu berühren. sehe: die puppe ist eine verdammt tote puppe und ich meine nicht diese sekretärinnen, die sich in der mittagspause ihren fettarmen joghurt bei budni kaufen und am feierabend schon wieder auf dem fließband stehen und joggen-nein diese puppe ist wirklich eine puppe. ich bücke mich. da zuckt sie kurz mit dem arsch. ich nehme einen schluck aus meinem glas. stehe dabei auf. trete leicht gegen den oberschenkel der puppe, die dreht sich wie von selbst auf den rücken. ich sehe ein namenschild neben ihren titten, neben dem mops. 'cindy`steht drauf. na wunderbar. ich nehme mein glas und werfe es gegen die wand. doch ein scheiß filmset. AAHHHHHHHHHH! ICH KANN ES NICHT MEHR SEHEN! die verfickten filmwichser sind überall. gehst du morgens aus deiner haustür raus, karren sie dir erstmal nen sack müll vor die füße und haben zehn von den viertelboys engagiert, die dich anspucken, damit's dann später auch ordentlich nach bronx aussieht. dein auto ist abgeschleppt und durch ein braunes, vor nässe tropfendes kunstledersofa ersetzt worden. aus der wohnung über dir dröhnt salsa oder heavy metal. anscheinend haben sie den nachbarn mit seiner kack karaoke maschine engagiert. für den livesound. bei jedem filmdreh kassiert der vermieter ein vermögen, lässt aber jedes jahr nur den ersten meter des flurs weißeln, denn nur soweit kann man bei offener haustür reinschauen. ich kannte mal einen regisseur, der war wie alle regisseure. er hatte keine ideen. er wollte einfach nur mall seine kamera irgendwo draufhalten. ich spreche einen fluch: filmwichser: von 200 wird nur einer erfolgreich.
spucke trifft mich ins auge und als ich wieder klar sehen kann, hänge ich am arm von einem vollgekoksten partyfreak. er hebt mich hoch, ich schreie FUCK OFF FUCK OFF LET ME GO FUCKING ASSHOLE i dont want your party i am not your friend i HATE you i want you dead dead scene! aber drogen verleihen kräfte. er schleudert mich in die luft und dreht sich mit mir im kreis. mir wird schlecht doch ich kotze nicht. zu professionell. ich schaue nach unten. meinem partner und co-wurst wurden die kamera und das mikro geklaut und er hüpft hilflos an einem zwei-meter boy in müllmanjacke hoch. der hält die kamera in der hand. ein milchbubi mit selbstgestrickter mütze in den farben gelb grün rot, die wie ein geschwür auf seinem kopf sitzt, so daß ich darunter widerlich dicke dreadlocks vermute, stammelt jah irie pii ins mikrofon. ich beginne also mit meinem mikrofon, daß ich wie durch ein wunder immer noch in der hand halte, auf den kopf meines angreifers- denn das BIST DU DU BIST DER FEIND- einzudreschen. ich schreie so laut ich kann und da kommt plötzlich bewegung in die masse, die um die tanzfläche herumsteht, wo sich diese szene abspielt. die ganzen idioten fangen an zu jubeln. sie klatschen ungestüm. sie klatschen eins zwei drei und rufen zugabe! zugabe! mehr mehr. aha. ich strecke beide arme zur seite aus und singe yeah yeah yeah. wie ein bluesgottesdienst in den 70er jahren. mein träger, denn das ist er ja wohl, strauchelt und fällt dabei gegen einen japaner. WIR fallen. ich bleibe am boden liegen und robbe auf meinen partner zu. wir flüchten hinter das dj pult. ich beobachte, wie sich der japaner aufrappelt und wie neben seiner nikon, die ihm natürlich um den hals baumelt, ein runder glitzernder gegenstand erscheint. es ist wie weihnachten. es ist eine handgranate mit gezahnter oberfläche und ohne stiel. der japaner drückt den boden der handgranate mit beiden händen an den mund, als wolle er ihn küssen, und erst, als er ihn vom gesicht wegreißt, begreife ich, daß er mit den zähnen den zünder herausgerissen hat. der steckt zwischen seinen lippen.
von hinter dem dj pult ein guter blick auf das geschehen.
die frage nach dem erfolg darf es bei diesem projekt von vorneherein nicht geben, auch nicht, wieviel die presse darüber schreiben wird. es geht darum, mit einer spiegeltechnik zu arbeiten, in deren zentrum widerstand und glaubwürdigkeit stehen. ab wann glaube ich, daß es sich um theater handelt? kann ich der oberfläche trauen?
es war es wichtig, den container am hafen aufzubauen.
die richtige atmosphere. wenn man ein kind mit einem mikrophon ins gefängnis steckt und sich dann nach seinem befinden erkundigt, so ergibt das body count: FUCK.
der eingang zur bar links. sie ist schummrig und ruhig, ein barkeeper bewegt sich wie eine motte vor dem schwachen glanz der flaschen und gläser.
auf dem runden hohen holztisch, immer dämlich im weg, stehen neunzehn leere bierflaschen. ludwig und lydia tanzen, vom rum voll, von neunzehn flaschen holsten voll, tanzen detroit mit zuckenden backen, daß ihnen der dergl steht, daß ihnen der oymel bald abfällt.
ludwig massiert lydia seinen arsch.
freitag nacht um zwölf haben alle deutschen männer ihre schwule minute.
in dem durchgang zum tanzkabuff lehnt ein kurzer mann, einen fischgrätgemusterten mantel über seinem großen buckel.
lydia reißt sich sein hemd runter, zieht es in die länge, nudelt es um die neunzehn flaschen, zerrt sie klirrend zusammen, sie quietschen vor enge, knotet die arme des rundherumgenudelten, gezwirbelten hemds, stellt das flaschenrad aufrecht, daß es daraus zu lecken anfängt, hebt die neunzehn flaschen hoch, hält sie sich an das unterhemd, brusthöhe, es tropft darauf aus neunzehn flaschen.
lydia geht wieder in den detroitraum, dreht dort eine tropfende runde, denkt, 'wenn das licht besser wär, könnte man glatt nen regenbogen machen', durchquert den schleusenflur, wo die sich auf den barhockern rumdrehen, kurz das trinken unterbrechen, sie anglotzen, eine klasse soloshow, schwabbert weiter in das separée, lässt sich dort einem auf den schoß fallen, der grinst debil und unsicher. er fragt: na, puppe, willste nen drink? sie nickt mit dem kopf.
ich gewöhnte mir an, brutal mit dem kopf zu wackeln, von dem gefühl angestachelt, welches mein hirn hervorrief, wenn es gegen den einengenden schädel schwappte. es fühlte sich so gut an und nahm so wenig zeit in anspruch: nur einmal schnell geruckelt und ich war bis zu fünfundvierzig sekunden lang befriedigt. im wesentlichen ist wackeln waagrechtes tanzen, und es erlaubte mir, privat etwas zu treiben, was ich in der öffentlichkeit verabscheute.
wackeln, wackeln, den ganzen tag, immer wackeln. wackeln, nachts. wackeln. das mach ich jetzt. tut keinem weh. sieht scheiße aus.
zwanzig jahre dran gearbeitet. leib und leben dran gesetzt. das räderwerk. sprache. gang. mein. die augen. verdammter. verfluchter.
einfache lieder aber in einem bestimmtem rhythmus. immer auf die maschine abgestimmt. die wird immer in diesem ganz bestimmten rhythmus bedient. für jedes gerät einen song. der text hat nichts mit den maschinen, den geräten zu tun. der text ist dann eher so motivationsmäßiges zeug, so schöne mädchen, die heimat, auch viel über gott.
hey baby, i'm a star
you see me here but I'm gone off far
hey baby, sorry can't hear you
music's too loud
I can't be near you
von kopf bis fuß in palästinensertücher eingewickelt und tanzt du völlig allein, völlig unbeirrt, unantastbar mitten auf der tanzfläche. ich wette, damit machst du dir gerade einige feinde. holzpüppchen hui schön holzpüppchen dreh dich. eine crustband beginnt zu spielen. du rufst, daß gleich der teufel singt. niemand sagt etwas, alle schauen unbeteiligt an die decke. nein, das tun sie nicht, das ist nicht nötig. du bist einfach luft oder nicht sichtbar. du rufst lauter: satan! werbefotzen! seepferd! columbine! konkubine! hofnarr! eiffe! wir lieben john lennon! grunge! apfel! erdnuß! pfeifen!
während der ganzen zeit gesang, lautes sprechen, unbändiges gelächter und gelegentliches korkenknallen.
ich wackel weiter. what the fuck.














25.05.06

It was here Pt.II (yer bones)

IT WAS HERE PT.II

Yer hips are attachted to yer bones an' yer bones are attachted to yer hips

Herr Wagner!
Frau Hain ihr Kater ist gestorben. Und sie hat noch etliches Futter oben. Und einen Kratzbaum.
Ich geben Ihnen die Telefonnummer mit 43...von Frau Hain. Im 4.Stock.
Gr. Fr. Fricke.
Entschuldigen Sie wegen der Schrift. Aber die vielen Tabletten morgens. Mir zittert der ganze Körper.



auch ich machte eine reise.

einen tag vor der abfahrt versuchen, dem hund noch mal was gutes zu tun- einen langen spaziergang. am frühen abend auf einer bank im schanzenpark sitzen.
grölende stimmen nähern sich.
dicht nebeneinander ziehen zwei sehr junge punkerinnen an unserer parkbank vorbei. dicht laufen sie nebeneinander, fast untergehakt. lallen laut einander an. beide halten bierflaschen. beide lässt babyspeck pummelig wirken. eine humpelt, schleift einen fuss mit großem springerstiefel hinterher. zielstrebig rumpeln sie richtung minimal, für mehr bier. zehn minuten später kommmen sie zurück, jetzt einander stützend. beide jetzt humpelnd. halten an der nächsten bank. das mädchen mit den vormals gesunden füssen stützt schwer sich ab an der freundin, zieht schwankend einen stiefel aus, muss dabei auf einem bein hin-und her hüpfen, lautes fluchen schallt herüber- es ist schwer, die pippi-langstrumpf ringelstrümpfe auszuziehen. schluck bier wird genommen, strümpfe werden wieder angezogen, dabei sich schwerfällig hüpfend an der bank festgehalten. noch mehr bier, stiefel auch wieder angezogen, dabei schwanken, alles daürt sehr lange. dann haken die beiden dicklichen mädchen sich unter, humpeln wackelig langsam und laut davon.
wir bleiben auf der bank sitzen, noch eine weile. ich denke an mögliche filme und an harmony korine.

im flugzeug fange ich an zu lesen, 'malone stirbt' von samuel beckett.
(ich weiss, in welchem Jahr ich geboren wurde, ich habe es nicht vergessen, ich weiss aber nicht, bei welchem jahr ich jetzt angelangt bin. aber ich glaube, dass ich seit geraumer zeit hier bin. denn ich weiß wohl, was die verschiedenen jahreszeiten mir im schutz dieser wände antun können. so was lernt man nicht in ein oder zwei jahren.)
nach etwa zehn seiten muss ich aufhören damit, es ist unglaublich deprimierend. gerade am anfang der eigentlichen geschichte höre ich auf zu lesen, aber im moment und meiner jetzigen geistigen verfassung kann ich einfach nicht mehr davon ertragen.
bei der ankunft in dublin scheint die sonne, aber wir müssen hinein, pässe zeigen und kilometerweit stickige gänge entlanglaufen, um unser gepäck wiederzubekommen.
in der gangway alle zwei meter plakate mit samuel becketts porträt drauf oder mit ankündigungen für theaterstücke, musicals und was noch möglich ist mit beckett.
es ist beckett jahr.
tage voll von würziger luft, weite, regen und nassen füßen, die müdigkeit hervorruft und appetit macht auf kekse und gekochtes essen am abend. vor dem schlafengehen sind nur wenige seiten dostojewski möglich und doch ist "der spieler" zu schnell ausgelesen.
die bàbuschka brachte mich dazu, laut herauszulachen: "schlafmützen seid ihr alle, ohne ausnahme!"; oh, ein schönes buch!
das meer so dicht an den bergen bei strahlendem, plötzlichem sonnenschein lässt mich hüpfen am strand- am einzigen tag, an dem wir nicht in den regen kommen-sonst steht abends jeden tag erneut das wasser in kleinen pfützen vorne in den schuhen, mal mehr wasser, mal weniger.
ich denke an die aussicht von meinem schreibtisch aus auf das altersheim der freimaurer und das dieser aussicht zugehörige gefühl lässt mich schon im voraus verzweifeln.
hungrig nach luft, nach weite und farbe und dem gefühl, daß der druck um meine augen herum sich verringere- ein gefühl, das ich sonst mühsam und teür durch das trinken von sechs flaschen evian am tag erreichen kann- schmieren wir tagtäglich pausenbrote und wickeln keksportionen in frischhaltefolie. ganz oben auf dem berg wollen wir essen. im radio wird über die glaubwürdigkeit des kinofilms "da vinci code" im bezug auf die katholische kirche diskutiert und eine anhängerin der dogmatischen opus dei organsiation berichtet über die praxis der selbstzüchtigung, eine schöne überleitung zum nächsten diskussionsrunde in deren mittelpunkt die frage, ob geschlechtskrankheiten bei teenagern eher durch das benutzen von kondomen oder durch den grundsätzlichen verzicht auf geschlechtsverkehr vor der ehe einzudämmen seien, steht.

drüben auf dem hügel möcht ich sein, im letzten abendsonnenschein.

"ich nahm das geld und das papier, auf das mit bleistift die abrechnung geschreiben war, machte eine kurze höflichkeitsverbeugung gegen den general und sagte sehr ernst:
"damit ist die sache natürlich nicht abgetan, general. es tut mir sehr leid, daß sie sich unannehmlichkeiten ausgesetzt haben, doch -verzeihen sie- die schuld daran müssen sie nur sich selbst zuschreiben. wie kamen sie dazu, dem baron gegenüber die verantwortung für mich zu übernehmen? was bedeutet der ausdruck, daß ich 'zu ihrem hause gehöre'? ich bin oder war nur lehrer in ihrem hause und nichts weiter. ich bin weder ihr sohn noch ihr mündel, weshalb niemand sie für meine vergehen verantwortlich machen kann. ich bin eine juridisch unabhänige person, bin fünfundzwanzig jahre alt, kandidat der philosophie, bin edelmann und ihnen ein vollkommen fremder. nur meine unendliche achtung für ihre verdienste hält mich davon ab, sie um rechenschaft zu bitten und ohne weiteres genugtuung dafür zu verlangen, daß sie sich anmaßen, für mich die verantwortung übernehmen zu wollen."
rekapitulation am verkaterten tag nach der hochzeitsfeier der ehemaligen freundin und nachbarstochter, die, nicht viel älter als ich, mir mit und beim monopoly, das wir tagelang in ihrer küche spielten, während genauso ununterbrochen auch der fernseher lief, englisch beibrachte, mit mir pennysweets kaufen ging- wir liefen oder trampten dafür gemeinsam täglich etwa sechs kilometer weit- mich zigaretten von meinen eltern klaün ließ, mich dann das rauchen lehrte und zum erstenmal mit in die disco nahm, die wiederum ich sonntags vor der kirche berge besteigen ließ und in leerstehende häuser mitschleppte und auch ans meer, die, krankenschwester geworden, aus liverpool zurückkehren musste, um als jüngste und ledige von vier kindern erst mutter und dann vater zu pflegen, die immer noch sehr laut lacht, jetzt aber blond und frisch verheiratet ist.
dieser freundin zuliebe esse ich also die suppe mit schinkencroutons- zum erstenmal seit vierzehn jahren verzehre ich bewußt etwas mit fleisch. bei 250 geladen gästen im landmark hotel, brandnew im chic des vorletzten turn-of-the-century, fällt das kaum auf. ich antworte auf fragen jedesmal mit `yes, i'm enjoying myself, very fine, it is a great day' und die katholische kommunionsoblate in der früh schmeckte nach nichts. ich spüle aber auch mit etlichen pints und etwas whiskey. im laufe des abends zu späterer stunde fängt dennoch jener beobachtungsposten, den ich vermeine innezuhalten, an, sich aufzulösen. ich grinse dämlich weiter, auch bei den fragen nach unserer baldigen hochzeit, was sich schon zu diesem relativ frühen zeitpunkt unhöflich mir selbst gegenüber anfühlt. schließlich dann läßt mein begehren und hoffen auf wahre freude beim tanz mich einbrechen. versuche ich anfangs noch mitzumachen, tritt etwas später ein gefühl starker entfremdung ein. die musik, in die ich so freudige erwartung gesetzt habe, tut mir plötzlich umso weher und ich kann mich beim hilflosen versuch, ebenfalls bierselig untergehakt die beinchen zu schwingen, zu präzise beobachten. plötzlich ist alles widerlich. ich habe die kraft von fußballchören unterschätzt.
meine begleitung hat das schon früher erkannt und sitzt etwas unglücklich in der lobby. schnell verlassen wir das fest.
am nächsten tag ein bitterer geschmack im mund.
'herrgott, was gehen mich aber die gesetze der natur und der arithmetik an, wenn mir aus irgendeinem grunde diese gesetze und das zweimal-zwei-ist-vier nicht gefallen? versteht sich, ich werde solch eine maür nicht mit dem kopf einrennen, wenn ich tatsächlich nicht die kraft dazu habe, aber ich werde mich mit ihr doch nicht aussöhnen, bloß weil es eine maür ist und meine kraft nicht ausreicht.'
...sich mit keiner dieser unmöglichkeiten und maürn aussöhnen, wenn es einem vor dem aussöhnen ekelt; auf dem wege der unumgänglichsten logischen kombination zu den allerwiderlichsten schlüssen kommen- über das ewige thema, daß man sogar an der steinmaür irgendwie selbst schuld ist, obgleich es wiederum bis zur durchsichtigkeit augenscheinlich bleibt, daß man durchaus nicht schuld ist- und infolgedessen schweigend und machtlos zähneknirschend, wollüstig in der trägheit ersterben.'
zwei tage vor der abfahrt denke ich abends im sessel mit wärmflasche sitzend an heute links und rechts aus dem auto gesehenes: braun-blaü berge mit heidekraut und moos und nasses neongrün leuchtendes gras, sonnenstrahlen auch auf den tropfen auf der windschutzscheibe, country im radio und fange an zu weinen.
in hamburg setzt sofort das gefühl ein, nun wieder aushalten zu müssen. gedanken an arbeit, nur, um die zukünftige flucht zu ermöglichen, bilden darin rettungsanker.
im park sitze ich nun auf einer bank mit r., davor der hund. eine ältere dame und ein herr passieren, sie redet monoton zu ihm hin, dreht, als sie den hund sieht den kopf und fragt mich mit im selben tonfall und mit dem selben atem, ob der hund eine prothese bekommen könnte. r. setzt ein mit der antwort 'ja, das geht". ich falle ins wort und sage laut: 'hören sie mal, ich will überhaupt gar nicht mit ihnen reden gerade!" die frau sagt:"ich will aber mit ihrem freund reden". "mit dem rede ich nun gerade, es ist wirklich eine unverschämtheit, was fällt ihnen ein, das kann ja wohl nicht sein!". die frau stülpt ihre augen aus und sagt vorwurfsvoll mit geneigtem kopf zum hund hin: "ich habe ja nur mitgefühl". ich erwidere sehr laut: "ja eben mehr mit hunden, als mit menschen, es ist wirklich eine unverschämtheit!"
gegen das gefühl der aggression und des gelähmtseins hilft auch joggen nicht.
ich vermisse die unaufdringliche gesellschaft der daürnden begleitung und zwinge mich in einsamkeit hinein, als könnte ich dadurch noch unabhängigkeit beweisen. alleine zu hause schreibe ich gegen den kloß im hals.

24.03.06

It was here Pt.I (Hundstrümmerl)

It was here Pt.I (vienna)



ich werfe mich seit drei tagen nachts im bett herum und schwitze.
es gibt ziemliche viele gründe, nachts nicht zu schlafen.
ein schaufenster, dass man schon die letzten drei tage von der strassenbahn aus hat leuchten sehen und begierig betrachtet hat. ein schaufenster voll farbenfroher törtchen in grün, rosa und gelb, voll feister schokoladiger pralinen und riesengrosser, hoher, wahnsinnig bunter und reichverzierter torten.



das wasser läuft im mund zusammen.
sie sagt: man muss doch eigentlich immer mit dem schlimmsten rechnen, also ich bin da sehr misstrauisch.
sie sagt: ich trainiere jetzt diese rollen. neulich ist mir das gut gelungen, beim radio. ich war ganz professionell eine künstlerin.
sie sagt: warum korrigierst du immer mein deutsch. es ist doch klar, dass wir uns falsch verstehen.
sie sagt: das sind die wichtigsten situationen im leben, daß man kommt dabei geradeheraus.
um 2.30 morgens erreichte der notruf minchesta. sie wurde dadurch keineswegs, wie man vermuten könnte, aus tiefstem schlaf gerissen, dennoch nahm sie erst nach dem 7.klingeln fluchend den hörer ab. 'piss off, motherfucker.' minchesta war keine dame, würde es nie werden und dies war auch der grund für ihr nächtliches wachsein. 'why the fuck we act like that!'
es gibt ziemliche viele gründe, nachts nicht zu schlafen.
man hat besseres zu tun.
(go for a walk with someone
go out somewhere with someone
talk to someone
walk to
go on the computer
play playstation 2
go to the cemetary and talk to someone
listen to music
go in my room)
musik machen, dicke bässe und fiese höhen, aufgehackte, atomverseuchte zitatwälder an autobahnen, auf denen limousinen von popstars, ameisen, hellblaü fords und italienische panzer aus dem ersten weltkrieg cruisen- armeen voller mädchen mit dicken brillen, hochtoupierten haaren, viel kajal und rock im blut, damit auch klar ist, who killed bambi- mit 180 bpm ziemlich straight unterwegs ins qüere, schwule und happy hardcore canada. romantisch wird es erst in alaska, bunker mit holzverkleidung unter schnee, fabriketagengroße keller voll tomatensuppen in dosen, haltbar bis 1980, falsche kaminfeür und katzen mit diamanthalsbändern, jack russell terrier und zwergkrokodile. im bunker: homerecording kills recordcompanies. recordcompanies kill people- they don't need guns to do it, rappers do. basically that's why we love rap. 5,5 milliarden idioten auf der welt. deutsch nicht gut zum rappen aber zum schlafen, zum schreiben von worten.
5,5 milliarden idioten auf der welt, in alaska nur 600.000, ich weiß nicht, wieviele in finnland.
was ich weiß: dem streit aus dem wege gehn heißt riitely väistäessään, nein, ist vermutlich falsch, ein fehler, nein, ungenauigkeit, heißt doch eher: streitend beim sich aus dem wege gehen- was aufgrund der gleichzeitigkeit der handlungen eine unmöglichkeit darstellt.
(jahrelang vergnügte ich mich während der seltenen besuche bei einer großtante, die in hamburg in einem roten klinkerbau in der wandsbeker chaussee lebte, mit dem versuch, ein paar hunde zum küssen zu bringen. es handelte sich um terrier, einer schwarz, einer weiß, beide 3 cm hoch und aus plastik, die auf einer kackbraunen kommode zwischen kleineren und grösseren tieren aus geschliffenem kristall, jeweils mit filz unterlegt, lebten. das küssen misslang immer: sie stiessen einander ab, kreiselten umeinander herum und rochen statt dessen an ihren hinterteilen. eingebaute magnete waren dafür verantwortlich.)
riitely väistäessään: versuch der vermeidung von schwierigkeiten. ein versuch auszuweichen.
das ausweichen ist unmöglich.
vermeidung von schwierigkeiten ist unmöglich.
dass man den versuch doch unternimmt, ist weniger widerstand als notwendigkeit. notwendigkeit nicht im sinn von genauigkeit, sondern von unvermeidlichkeit und zwang. man wird zur risikoverminderung durch unterlassung gezwungen.
immer soll man in andere schwierigkeiten geraten, als die, mit denen man sich eigentlich gern beschäftigen würde. man hat eine notwendigkeit. man möchte ja nicht unterlassen, man möchte handeln. jedoch kann man nicht handeln, man kann daürnd immer nur noch sachen unterlassen. (schließlich war ich böse und begann grobheiten zu sagen. das begann damit, daß ich mich plötzlich, ohne jede veranlassung, ohne dass man mich gefragt hatte, und mit lauter stimme in die unterhaltung anderer einmischte. 'wenn man sich selbst achtet, fängt man unbedingt streit an, und dann muss man sich manche kopfnuss gefallen lassen.')
solche schwierigkeiten kann man sich überhaupt schon kaum noch vorstellen- und doch ist man daürnd in schwierigkeiten.
(12.00 baustellen werden dieses jahr wiens strassen zieren, wobei auf barrierefreie zugänge, vermeidung von 'angst-räumen' und neü radwege wert gelegt wird. wegen des geringeren verkehrs ist die hauptsaison der sperren und umleitungen der sommer.
ferner heißt der hundehaufen hundstrümmerl. das einrichten von 100 hundezonen und das aufstellen von 315 sackerlständer sowie schwerpunktaktionen, die mit der polizei durchgeführt werden, sollen die hundehalter zu mehr eigenverantwortung anhalten.)
man tritt daürnd in scheisse.
ähnlich ist es mit dem verzehr von torten. immer will man die torten kaufen, weil sie so gut aussehen in den schaufenstern, beim essen dann aber ist man dann immer enttäuscht. auch das wusste man schon vorher.
ich taufe die törtchen aus schokolade hundstrümmerl obwohl sie rehrücken heissen.
('ach, habe ich dennn probleme?' 'ich sitze ja hier, um das zu erfahren', sagte sie. 'also ich denke mir', fuhr sie fort, 'ein junger mann, der merkt, daß es ihm gut gefällt, sich mädchenkleider anzuziehen, nimmt das nicht so einfach hin wie einen pickel auf der stirn, der kriegt damit seine probleme. wir leben schliesslich nicht in einer welt, wo das als so üblich und normal wie ein pickel gilt. und meiner lebenserfahrung nach fällt es keinem menschen leicht, sich zu dem zählen zu müssen, was man eine minderheit nennt.')
riitely väistäessään: einen schlenker machen beim überholen, um zu überleben, dabei schon über das wissen verfügen, dass man stirbt. (das weiss man aus der lebenserfahrung heraus)
freiwillig wird man zum halbtoten.

tausche schwierigkeiten gegen schwierigkeiten.
nicht einmal das geht- ich würde behaupten, dass man die wirklichen schwierigkeiten, nämlich die interessanten, meist einfach nicht mehr wahrnehmen kann.
und überhaupt, von welcher seite aus schaut man denn? wer entscheidet das wann und warum? man selbst doch seltensten fall.
sie sagt: das sind doch die wichtigsten situationen im leben, dass man kommt dabei geradeheraus.
um würde ging es da. was voraus ging, war aber kein freiwilliger kampf, kein freiwilliges sein von in schwierigkeiten.
in gefahr und grösster not birgt der mittelweg den tod.
also:
(ihr kaffeetrinkenden, tratschenden, abwartenden angestellten der öffentlichen rundfunkanstalt mit euren hässlichen klamotten, von jetzt an brauche ich mich nie wieder zu quälen. ich muss eure langweiligkeit nicht länger ertragen und grau im gesicht werden dabei, muss nicht mehr meine lebensgeister rauströpfeln lassen, stundenlang, beim sitzen auf einem ergonomnischen bürostuhl, der mir rückenschmerzen bereitet und mitternachtsblau ist. muss nicht mehr euren sauren atem riechen und eurer süsses schweres parfum, eure abgesichertheit und eure hofflungslosigkeit. muss mir nicht mehr preiskürbisse anschaün und aale, aufgeschlitzt. muss nicht zum zehnten mal hören, wie ich am besten mein testament aufsetzen, daß ich keine lebensversicherung abschliessen, sondern in einem sicheren aktienfond anlegen soll. werde nicht mehr wissen, wie ich marmlade koche, welche waschmaschine ich kaufe, welches auto ich fahre, welches haustier ich halte, welche blume ich züchte und wohin ich reisen soll im schönen norddeutschland. werde nichts mehr zur konversation hinzufügen können, abends in der kneipe, werde keine rechtstipps mehr geben können und keine anekdoten mehr erzählen von stinktierhaltern, kaffekannennensammlern, nostalgischen polizisten, greisen djs, aufopfernden ehrenamtlichen und alten schlagerstars.)
es gibt ziemliche viele gründe, nachts nicht zu schlafen.

31.05.05

I need your head

31/05/05 23.30p.m.


Hamburg, im Mai 2005


Ich habe dir schon lange nicht mehr geschrieben. doch in den letzten sechs monaten ist meine sehnsucht, dir schreiben zu können, immer präsent gewesen irgendwo ganz hinten in meinem kopf- wie oft war ich unzufrieden und unruhig, wie oft habe ich eine leere seite in meinem computerprogramm geöffnet und dann stundenklang daraufgestarrt, wie oft wachte ich morgens auf, lag noch eine weile im bett und stand dann auf- voll vorfreude, mit dem gedanken, der überzeugung, daß heute der tag sei, endlich zu schreiben- nur um dann eins um andere mal schon im laufe des vormittags mich wieder ablenken zu lassen. mich ablenken, irritieren, frustrieren zu lassen von den kleinen anstrengungen des alltags: das mit-dem hund-gehen, der alkohol vom abend vorher, das geldverdienen, das fernsehen, der sex, das einkaufen und duschen. ich war verunsichert, irritiert, ich dachte, ich muß schweigen.
Wie du vielleicht heraus hörst, war ich sehr resigniert, eine art von lähmung hatte mich ergriffen. auch zum jetzigen zeitpunkt kann ich keinesfalls behaupten, ich wäre auf der höhe, aber ich nehme an, ich muß akzeptieren, daß ich nicht immer völlig geflasht sein kann, immer auf 150% sein kann, immer totalen einsatz zeigen kann- was ich vermisse, denn die letzten jahre hatte ich meistens einen ziemlichen antrieb und auch output. ich meine, ich war oft schlecht drauf und sogar verzweifelt, aber generell war ich doch auch ziemlich aggressiv- und vor allem war ich sehr überzeugt von dem, was ich tat. überzeugt nicht, weil ich dachte, meine meinung sei richtig oder auch nur wichtig, aber ich war daran interessiert, bestimmte methoden auszuprobieren, bestimmte dinge zu tun und dann einmal zu schauen, was passierte.
1999 DIE! DIE! DIE! ICH ZÜND MICH AN
Für dich selbst ist eine bestimmte handlung völlig neu, aufregend, eine herausforderung. ziemlich schnell merkst du, das andere ähnliches schon vor dir getan haben und dein handeln sofort in einen bestimmten kontext eingeordnet wird. ist es nicht doch jedesmal etwas anderes?
wo verändert sich etwas durch die wiederholung?
wo verändert sich etwas durch die wiederholung?
die frage der authentizität. ändert sich etwas durch den persönlichen erfahrungswert, sehe ich den produkten die geschichte, das erleben, das wiederholen der macher an?
ich hatte das bedürfnis, zu wissen, worüber ich rede, will erlebt haben. ausprobieren. ein permanenter versuch. ununterprochene performance.
Im übrigen ging es mir lange zeit ganz anders, ja völlig anders: ich unternahm erst gar nicht die anstrengung, zu versuchen, eine handlung auszuführen, die für mich neu, aufregend, eine herausforderung, eventuell sogar gefahr bedeutete. ich war eingerichtet.
ich hatte diese zwei jobs, den einen "beim fernsehen"- immer noch habe ich es total verinnerlicht, dieses "beim fernsehen"- das sich richtig gut anhört, nach "richtigem job", ja nach mit-beiden-beinen-auf-der-erde -stehen, nach erwachsensein; und dann noch "beim fernsehen"! - nicht etwa verkäufer im supermarkt oder ähnlich banales wie jurist...."beim fernsehen" wirkte besonders gegenüber verwandten als geheimwaffe: möglichkeit, mein desinteresse gegenüber allen "richtigen und normalen" jobs der welt zu verbergen, mein desinteresse, meine abneigung und meine angst, fünf tage die woche ein zombiehaftes leben zu führen- die zeit auf immer unterteilt in freizeit und arbeit- oder- mittlerweile weiterverbreitet: die arbeit als leben zu sehen, voll darin aufzugehen, zu denken, man hätte einen tollen job, einen, in dem man sich selbstverwirklichen kann, einen, der spaß bringt- 24 seven.
nein, ich war einfach jemand, der durchs leben schlenderte, aber soviel wußte ich- arbeiten wollte ich nicht, ich mußte. eine ganze weile habe ich das auch immer allen gegenüber vertreten, die mich fragten, "was ich denn werden wolle", denn es ist ein gutes gefühl, genau das zu sagen, was niemand hören will, nämlich zum beispiel keinen festen job zu wollen oder keine kinder; die leute betteln ja geradezu darum, daß du sie anlügst, den schein wahrst, die fragen auch nie weiter, was man denn da eigentlich macht, "beim fernsehn".
ich hatte auch noch nie das bedürfnis, nach einer instanz, die meine zeit für mich organisiert, die langeweile totschlägt und mir verantwortung abnimmt. langeweilig wird mir eh sehr selten, ich empfinde sogar stundenlanges gegen-die-wand-starren nicht als langweilig.
Man muß halt sehen, wo man die prioritäten setzt. entweder man sagt sich, ich will so leben, wie ich will, und dann muß man einiges in kauf nehmen, oder man sagt sich, also gut, ich schwimme in dem strom mit. dann wirst du halt genauso wie die leute, die ihren job haben, ihr geld haben, ihr auto, ihr häuschen, ihre große wohnung, ihre regelmäßigen urlaube. man verlernt das denken dann irgendwann, das geht ganz schnell! es fragt sich bloß, wie lange man das aushält und ob man nicht irgendwann einen riesengroßen fehler macht und, wie soll ich es sagen, total versackt oder überhaupt keinen sinn mehr sieht. man muß da halt irgendwo einen mittelweg finden. und das ist so meine schwierigkeit, diesen mittelweg zu finden. einmal ist es bei mir so, daß ich mich anpasse, und dann kommt der große knall, da geht dann überhaupt nichts mehr.
Naja und mein anderer job war, street-art zu faken. ich laufe rum und sprühe mit schablonen werbung auf gehsteige und wände. der witz daran ist, daß es nach richtigem graffiti aussieht. ich kann selber manchmal die werbung, die andere sprühen, nicht von graffiti unterscheiden. vielleicht gibt es auch einfach keinen unterschied...ich muß verschiedene zonen im stadtgebiet abdecken und komme ganz schön rum. mein boß teilt uns "sprayern" die stadtteile nach traditionellem “werber-ethos” zu, d.h., er geht davon aus, daß werbung möglichst großflächig verteilt sein soll. es gibt jetzt also überall in der stadt, auch in den vororten, graffiti. graffiti auch in stadtteilen, wo es vorher keines, bzw. nicht so viel, gab. vor allem in der innenstadt, die vorher fast grafitti-frei war, finde ich das ganz witzig- erstens ist es dort wohl zu stressig für "richtige" sprüher, wegen der ganzen kameras, aber auch nicht so interessant, weil sich da keiner aufhalten will von den jugendlichen, nur die shoppinggeilen, aber die finden grafitti auch eher uninteressant bzw. dreckig. zusätzlich werden da dauernd anti-graffiti-teams durchgeschickt, die alles saubermachen.
natürlich gibt es auch auf dem land und in vororten tags und graffiti, das meiste ist aber irgendwie ein bißchen daneben, weil die leute keinen kontakt zur szene haben. die machen die sachen nach ihrer fantasievorstellung von graffiti und street-art in den großstädten und imitieren das irgendwie.
in den großstädten ist auffällig, daß es richtige ballungszonen gibt, als wäre es für sprüher wichtig, nur da aufzutauchen, wo eh schon was abgeht. eben da, wo auch ihre kollegen sprühen und alle gleich sehen können, wenn z.b. stylemäßig was neues passiert. manche versuchen natürlich auch, möglichst das ganze stadtgebiet vollzumalen, ihr tag noch im letzten gottverdamten winkel- die meisten wollen jedoch einfach gesehen, wahrgenommen werden.
vielleicht werden tatsächlich manche stadtteile erst durch das sprühen hip und firmen wie meine tragen ihren teil dazu bei. jedenfalls läßt sich diese werbung, die ich mache, im endeffekt tatsächlich erst als werbung erkennen, weil sie an orten auftaucht, die ungewöhnlich sind für gesprühtes- hat sogar vorreiterfunktion, weil leute eventuell erst darüber mit graffiti in berührung kommen, das geil finden und selbst anfangen, street-art zu machen.
zusätzlich klebe ich noch aufkleber. das ist aber eher was für clubs und kneipen und so. toilletten, billardtische, tresen. meistens ist das für retorten hiphop-acts und soll wirken, als wären die voll in einer szene verankert, hätten eine riesen-crew, die alles für sie vollklebt. was sie natürlich nicht haben.
Wo war ich stehen geblieben? ach ja, ich hatte diese zwei jobs, die mir aber nichts bedeuteten und darüber hinaus bedeutete mir auch nichts anderes viel. das war keineswegs eine radikale haltung, ich dachte einfach nicht viel. ich ging arbeiten, traf bekannte- kurz, lebte so vor mich hin.
(was steht in der ecke und klappert? pinoccio beim wichsen.
was steht in der ecke und klappert? ein junkie auf entzug.
ich sehe eine punkband spielen auf einer bühne im regen. die bühne ist überdacht. überall sind viele leute, nur vor der bühne nicht. weil es regnet. die fans können nicht vor der bühne stehen im regen, weil dann ihre sorgfältig hergestellten, mit kernseife hochgestellten 20cm hohen spikes und irokesen im regen verlaufen. die frisuren fallen zusammen und sie kriegen seife in die augen. ich sitze unter einem bierzelttisch. ich habe keine frisur zum kaputtmachen aber angst vor einer erkältung. später küsse ich dann mit jemanden, den ich nicht kenne und gehe alleine nach hause.)
mein leben war also durchschnittlich- bis ich von den kopfhörern geschlagen wurde.
ich fand eines tages einen von ihnen auf der straße, er fiel mir aus irgendeinem grund auf. ich weiß nicht einmal mehr, ob ich ihn überhaupt aufhob oder mitnahm. er war mir einfach aufgefallen. ein paar tage später sah ich wieder einen kopfhörer herumliegen, irgendwie vergessen auf einer parkbank oder in der
u-bahn und bald darauf fand ich wieder einen, kurz, mein interesse war geweckt.
8.7. 2002
Ich habe jetzt schon eine richtige kleine sammlung. zehn stück. ich konnte sie einfach nicht draußen liegenlassen. am anfang habe ich sie nur aufgesetzt. überlegt, wo sie wohl herkommen. probiert, ob sie noch funktionieren. sie sind alle unterschiedlich. aber irgendetwas müssen sie doch gemeinsam haben? ich reihe sie vor mir auf dem fußboden auf. nehme einen zettel. überlege, wo und wann ich jeden einzelnen gefunden habe.
nr.1:
briefkasten
nr.2:
einkaufswagen von wal-mart
nr.3
hafentreppe
nr.4
fahrstuhl der öffentlichen bücherhalle
nr. 5
toilette vom club
nr.6
bank im park
nr.7
straße
nr.8
oben auf zigarettenautomat
nr.9
straße
nr.10
straße
ich möchte wirklich gerne wissen, was mit diesen kopfhörern ist. ich schreibe:
1.)reiner zufall, d.h. sie werden verloren etc., ich finde sie, kein system
das ist wahrscheinlich
2.)sie werden ausgelegt, damit sie z.b. gefunden werden.
das wäre merkwürdig. dann stellen sich alle möglichen fragen, z.b.:
werden sie ausgelegt?
wer legt sie aus?
ist es wichtig:
wo sie gefunden werden?
wer sie findet?Heute gibt es keine fragen mehr, es gibt nur noch antworten.Ich begann, menschen, die kopfhörer trugen, zu verfolgen, ich hatte vermutungen, verdachtsmomente, ich glaubte nicht an den zufall und versuchte den zufall als methode. ich fing an, mich mit ton zu beschäftigen, wollte unsichtbare tonwellen in den gefundenen kopfhörern sichtbar machen und ähnliches- kurz ich wurde sehr aufmerksam. aufmerksam, angeregt, aufgeregt- zum ersten mal in meinem leben begeisterte ich mich für etwas. ich forschte.
dr. elasto erklärte es mir im nachhinein folgendermaßen: ich war den wünschen der apparate gefolgt. im meinem fall also denen der kopfhörer. der walkman wurde 1979 als freizeitartikel auf den markt gebracht. wie vielleicht jeder andere apparat erzeugt er begehren und unterdrückt es gleichzeitig, er läßt mich mundgerecht begehren, maßvoll. baby, ich weiß, das ist ein bißchen theoretisch, aber vielleicht erklärt es dieses bild ganz gut:
da ist ein mädchen auf dem weg zur schule. sie hasst die schule, sie hasst eigentlich ihr ganzes leben, sie sieht nicht in die zukunft. alles was sie tut ist: laufen. ein fuß vor dem anderen, trott, trott. sie läuft- schwerfällig, zäh, langsam. sie läuft und hört musik.
Der erste Zahn
der zweite Zahn
der dritte Zahn
der Mund ist voll
Schule drauf - Lehre dran
sogar studiert - es altert schon
eingekreist
abgefangen
unbemerkt
so geht es dann
unbemerkt vergessen und das rennt ihm hinterher
er wei´nicht wie ers machen soll
ihm fallen nicht gute Dinge ein
wie Subkulturen oder Phantasie
ein Winterschlaf oder nen selbstbemaltes Hemd
Ich weiß ihr seid zuviel ihr vermehrt euch ohnehin
und wahrscheinlich schon während diesem
super warmen schönen guten Stück
Ohne Sinn vermehrt ihr euch
und Gott sei Dank zerstört ihr euch
ihr 5,4 Millarden Idioten auf der Welt
Urplötzlich, unvermittelt, die zeit war wie im flug vergangen befindet sie sich am schuleingang. was hätte sie bloß ohne den walkman gemacht? unerträglich wär der schwere schulweg gewesen, nicht auszuhalten, kaum vorzustellen.
Da ich ja nun schon etwas älter war als dieses mädchen, erwischten mich die wünsche der apparate anders: ich fing mir einen virus aus den 80ern ein.
In den frühen morgenstunden eines tages im frühjar 2002 brachte ich besoffen auf dem parkplatz von wal-mart meine forschungen zu einem entscheidenden zwischenergebnis:
mir war es tatsächlich gelungen, die tonwellen sichtbar zu machen und sichtbar machen, hieß natürlich auch hörbar machen.
"ich setze die kopfhörer auf, nehme einen schluck aus der kleinen flasche schnaps, die ich an der tanke gekauft habe und drücke die playtaste meines walkman.
warte. nichts. ich höre nichts.
ich spule zurück, starte erneut, kontrolliere die lautstärke, ja, voll aufgedreht: nichts.
ich warte eine ganze weile und plötzlich empfinde ich die lähmende sekunde des schocks, in der die lichter tanzen und die sichtbare welt mir entgleitet, obwohl sie immer noch da ist. der grelle strahl wird greller. da ist nichts weiter als hartes, schmerzendes, weißes licht. dann kommt dunkelheit, durch die sich etwas pinkes schlängelt, gleich einer mikrobe unterm mikroskop. dann ist auch nichts mehr hell oder pink, nur noch dunkelheit und leere und... "
„Ab diesem punkt geriet mein ganzes leben aus den fugen. urplötzlich und wellenartig war ich stimmungsschwankungen ausgesetzt; phasen der völligen euphorie, in denen ich nicht schlafen konnte, wechselten sich mit völlig apathischen ab- und ich sage hier bewußt wellenartig, denn in gewisser weise verwandelte sich tatsächlich mein ganzes leben in eine riesige (flut)welle, die mich zu überrollen drohte. mir blieb nichts anderes übrig, als um diese stimmungen herum mein ganzes leben zu organisieren, was auch schon sehr unschön gewesen wäre- viel härter traf mich jedoch , daß ich nun nicht mehr allein war:
ein ton hatte sich in mir eingenistet, ein tiefer und permanenter ton, der mich beherrschte. um es zu verkürzen- nachzulesen in der kopfhörer-sekte:
meine "aktiven" phasen, die manchmal etwa zwei wochen anhielten, verbrachte ich fast gänzlich draußen beim wellensprühen- oder malen, d.h. ich war tag-und nacht unterwegs. wie sich sich vorstellen können, brachte mich dies schon rein körperlich an den rand des zusammenbruchs.
ich hörte ständig walkman, denn ich hatte herausgefunden, daß nur musik oder andere laute geräusche den brummton bezwingen konnten. meinen job beim fernsehen mußte ich deswegen aufgeben. auch der street-art job fiel mir immer schwerer, es war für mich nämlich fast unmöglich, etwas anderes zu kleben und zu sprühen als meine welle. ich fing z.b. an, das nike-logo zu einer welle umzuformen, etwas, was meinem boß natürlich gar nicht paßte. dazu kamen noch meine apathischen phasen, in denen ich nicht arbeiten konnte.
setzte ich die kopfhörer ab, stellten sich nach kurzer zeit absente zustände ein, die mit einem gefühl der euphorie einhergingen, ich verlor mein zeit- und raumgefühl, ein zustand, der nur durch das aufsetzen der kopfhörer unterbrochen werden konnte. ich begann sogar damit zu spielen, ließ meine zeit schneller und langsamer laufen, indem ich die kopfhörer auf- und absetzte. ich konnte das noch intensivieren, indem ich das ticken meines weckers aufnahm und über die kopfhörer anhörte. dadurch begannen tatsächlich meine apathischen phasen kürzer zu werden. ich fühlte wieder so etwas wie kontrolle über mein leben.
ich merkte natürlich, daß ich anderen menschen immer seltsamer vorkam. wenn ich diese tricks machte, fühlte ich mich unbeirrbar, es machte mir nichts mehr aus, wenn andere mich als "tor" bezeichneten. ich konnte mich nur dann völlig frei in der stadt bewegen, es war so, als würde mich niemand sehen.
Meine beiden zustände näherten sich immer mehr aneinander an, so daß ich fast normal schlafen konnte und auch das gefühl der traurigkeit nahm ab. ich folgte meinen bedürfnissen, d.h. malte und schuf mir die zeit selbst, das tat mit sehr gut.
ich fing an, zu reisen, zuerst nur in andere deutsche städte. ich verbreitete dort meine welle. ich vernetzte mich in einem graffiti-netzwerk und konnte andere leute gewinnen, die ebenfalls das motiv weiterverbreiteten und ich fing an, selbst musik für meinen walkman zu machen, musik, die entweder den ton in meinen ohren derart einbaute, daß er zum teil meiner musik wurde oder indem ich akkorde verwendete, die diesen perfekt aufhoben.
dann, als ich nach hamburg zurückkehrte, mitten im nebel des beginnenden winters, fuhr mir ein windstoß, viel süßer und duftender als jede rote rose, mit dem geruch von scheiße und dahintreibendem dünger wie eine zunge in die nase. ich hatte eine vorahnung.
eines nachts als ich gerade beim sprühen war, tippte mir jemand von hinten auf den rücken. es war ein bulle. zwei meter entfernt stand ein weiterer, eine frau. sie baten mich, in ihr auto einzusteigen. auf der polizeiwache wurde ich in ein verhörzimmer gebracht.
mir wurde sachbeschädigung in höhe von einigen 10.000 euro vorgeworfen. sie legten mir fotografien von meinen wellen vor und auch einige bilder, die mich "auf frischer tat" zeigten, wie sie es formulierten. zusätzlich warfen sie mir auch noch meinen street-art job vor, da inzwischen tatsächlich immer mehr beschwerdebriefe des "anti graffiti network" bei ihnen eintrafen. sie waren durch einen ehemaligen kunsstudenten auf mich aufmerksam geworden, der wohl als spitzel u.a. in der street-art szene für sie arbeitete.
ich bekam außerdem eine zwangseinweisung in die psychatrie, nachdem sie mir einige fragen gestellt hatten. das ging sehr schnell, ich muß also irgendwie die falschen antworten gegeben haben, obwohl ich mich tatsächlich bemühte, ehrlich zu sein. dort wurden mir meine kopfhörer weggenommen und ich bekam medikamente. die stellten tatsächlich den ton in meinen ohren ab, dafür wurde ich aber wieder unruhig oder apathisch, wogegen ich noch mehr medikamente bekam.
mit der auflage, immer schön meine medikamente zu nehmen, wurde ich entlassen. sobald ich zuhause war, nahm ich diese natürlich nicht mehr ein, denn ich wußte ja sehr gut, wie ich mich zu dem ton verhalten konnte- es ging mir vor meiner einweisung auch tatsächlich sehr gut.
so begann ab dieser ersten verhaftung ein teufelskreis: ich wurde immer wieder erwischt- ich malte ja auch viel- verhaftet und in ein krankenhaus gesteckt. dieser zustand machte mich fertig.
da las ich eines tages diesen aushang:
DECODING LEICHT GEMACHT
sind auch sie opfer von tonvirenbefall geworden?
WIR KÖNNEN HELFEN!
dann noch eine telefonnummer. ich war mir nicht sicher, ob ich tatsächlich opfer von tonvirenbefall geworden war, ich beschloß dennoch, dort anzurufen. ich wählte die mobilfunknummer.
Ich lernte die ATC kennen.
nach über sechs stunden autofahrt haben wir den auftrittsort erreicht. nürnberg, da waren wir schon einmal, das ist vier jahre her. ich lief durch die stadt und suchte naziarchitektur- ich erinnere einen steinbogen aus backstein, monumental. wir aßen brötchen mit sauerkraut und süßem senf. oder war das in freiburg? nein, ich bin ziemlich sicher, das war nürnberg, auch einen plattenladen erinnere ich. was man so macht, auf tour. das konzert damals: nett. gut besucht, keine ablehnung von BRUSTKREBS, leichte euphorie bei XBXRX, im aufenthaltsraum schokoriegel und 10 jahre alte ausgaben des magazins SPEX, damals noch musikmagazin. gunner, unser begleiter, tanzte auf der box. ich fühlte mich ziemlich wohl.
ich habe beschönigt.
ich versuche mich zu erinnern. 85. geburtstag meiner großtante: die rede des pfarrers: man erinnert sich ja zum glück immer nur and die guten dinge im leben. die großnichte will schreien: NEIN DAS STIMMT NICHT NEIN DAS IST FALSCH ICH ERINNERE IMMER NUR DAS SCHLECHTE! das feine, gute, angenehme: verschwommen, nicht richtig erlebt, wo war ich denn da? das war doch ein toller auftritt- ach geht so.
Eminem steht in der mitte der bühne. er hält beide arme hoch. die menge tobt. auf der bühne befindet sich auch ein flügel. dahinter erhebt sich jetzt ein älterer, dicklicher mann in einem rosa anzug mit großen gelben punkten, topffrisur und riesiger sonnenbrille. der anzug ist wirklich psychedelisch. eminem und elton john bewegen sich aufeinander zu, sie umarmen sich innig, dann recken sie beide die ineinander verschlungenen hände in die höhe. die menge tobt.
Der pfarrer hat also recht- auch ich erinnere die guten sachen.
ich werfe ein gutes licht auf uns
Flash light (ohh, I will never dance!) Flash light
Ha da da dee da hada hada da da
Now, I lay me down to sleep
Ooh, I just can't find a beat
Oh, it's no use!
Flash light
Red light
Neon light
Ooh, stop light
I'm looking for her in the daytime with a flashlight
In der ü30 disco in eppendorf da muß man sich die leute schon schöntrinken. schönreden, relativieren: doch gar nicht so zickig, so anti, so depressiv wie gedacht haben wir uns verhalten, haben wir erlebt.
auch: früher war alles besser. mit hamburger schule gesagt:
früher stand der weihnachtsbaum noch in der mitte.
befrieden.
Doch hier, baby, habe ich vorweggegriffen; ich will dich nicht langweilen, deshalb will ich mich kurz fassen.
Doch hier, baby, habe ich vorweggegriffen; vielleicht langweile ich dich, aber ich weigere mich, kompliziertes zu verkürzen.
Ich lernte also die ATC kennen. wichtigstes mitglied dieser vereinigung war ein dr. namens elasto. ich führte lange gespräche mit ihm, in denen ich versuchte, ihm mein bisheriges leben zu schildern und vor allem meine gegenwart- daß es mir doch dank dem wellenvirus eigentlich sehr gut ginge, ich dabei sei, mir etwas zu schaffen, ich wichtige entdeckungen gemacht habe. ich wisse, daß ich auf die welle reagiere, sie jedoch nun als teil von mir ansehe, sie mich ja geradezu beflügle. ich mich fast berufen fühle. ich jedoch auch die gefahr sähe, für immer in einer geschlossenen psychiatrischen anstalt zu verschwinden.
"Zur zeit stürze ich mich mit feuereifer in alle möglichen ausschweifungen. Warum? ich will poet werden, und ich arbeite daran, mich sehend zu machen: es geht darum, daß unbekannte zu erreichen durch die entregelung aller sinne. die leiden sind ungeheuerlich, aber man muß stark sein, wenn man als poet geboren ist- und ich habe mich als poet erkannt. das ist durchaus nicht mein fehler. es ist falsch zu sagen, ich denke: man müßte sagen: es denkt mich. verzeihen sie das wortspiel. ich ist ein anderer."
Dr. elasto antworterte folgendes:
"für ein bißchen einsatz können sie ihr leben weiterleben wie bisher, nur unter anderen vorzeichen. heute sind sie ein wahnsinniges kid, das wände vollschmiert. in kürze können sie der angesagteste heiße scheiß von hamburg bis bombay sein. heute komponieren sie arhythmische musik, um den ton in ihren ohren zu übertönen, morgen können sie dasselbe in hippen clubs machen und der beste, innovativste komponist seit stockhausen werden. verstehen sie, wir können den virus nicht entfernen, aber wir können ihn nutzbar machen und das tut ihnen nicht weh und sonst auch niemandem. im grunde machen sie doch schon alles richtig, sie benutzen nur aus irgendwelchen gründen die falschen geräte.
wir jedoch haben DAS FÜR SIE RICHTIGE GERÄT ENTWICKELT. ES HEISST RADAT:"
nein, er sagte:
"wir aber machen einen star aus dir.
man muß die regeln kennen, um sie brechen zu können.
sie wollen doch sichtbarkeit, denn unsichtbarkeit bedeutet den tod.
es kommt immer auf den rahmen an, in dem etwas stattfindet: das richtige muß im passenden rahmen ausgeführt werden.
nur auf die haltung kommt es an."
Demnächst ist im kunstverein in hamburg eine ausstellung von louise lawler- da geht es dann nur um kunstrahmen.
Mein großes problem war, daß ich zwar kunst studiert habe, was ich auch belegen kann, aber mit der kunstszene hatte ich nicht viel kontakt. ich kannte schon so ein, zwei leute, aber ich hatte keinen überblick, was gerade so los war, welche galerien wichtig waren, wer mit wem und so weiter. wissen sie, es gibt so viele leute, die kunst studieren und ihre eigene sache machen, ohne daß sie sich um den kontext kümmern und da dann eben auch nicht auftauchen und ihn nicht kennen.
1960 gab es keine beschriebenen wände.
das ist ein satz, den muß man erstmal setzen lassen.
der mensch, der in deutschland zum ersten mal öffentlich wände beschrieb, müßte heute in der grafitti-szene eine legende sein. statt dessen starb er allein im moor, nachdem er zuvor 20 jahre in einer geschlossenen psychiatrischen anstalt verbracht hatte.
flashlight
eiffe president alle ampeln auf gelb
ein satz, den muß man erstmal setzen lassen.
"sowas kann die gesellschaft nicht hinnehmen."
nein mein lieber, das ist quatsch, jede kunst, die eine radikale unzufriedenheit ausdrückt und bestrebt ist, annehmlichkeiten des empfindens zunichte zu machen, läuft gefahr, entwaffnet, neutralisiert zu werden, ihre macht zu stören einzubüßen- indem sie bewundert, oder (zumindest scheinbar) zu gut verstanden wird, indem sie bedeutend wird.
"dann war eiffe eben kein künstler"
Und deine band die wills jetzt wissen.
"tja und 1999 dann gab es einige testläufe und 2000 wurde ich
als itty minchesta, teil der "synth-art-rock group BROOST-KREW", auf den bühnen der welt eingeführt."
die figur der itty michesta ist ein gealterter pop-superstar, dessen stern im sinken begriffen ist. selbst die harte fangemeinede droht sich von ihr abzuwenden
(dez.2004, onkel otto, hafenstr. hamburg.
Musik ist für mich das ganze Leben
Sie ist mein Ersatz für Unerfülltes
Das lass ich mir von keinem nehmen
In ihr find ich mich selber wieder
Exploited
Discharge
Reject
Oi Oi Oi
Musik muß schnell und agressiv sein
Sonst spricht sie mich gar nicht an
Dann knall ich sie mir in die Rübe rein
Die Musik zieht mich in ihren Bann
Oi Oi Oi
Am liebsten geh ich auf Konzerte
Da lass ich so richtig die Sau raus
Diese Erlebnisse sind für mich das Wahre
Ich werde kein einziges vergessen
Oi Oi Oi
Die Musik macht mich reicher als andere
Sie ist der Inhalt meines Lebens
Für mich ist sie das Optimale
Ich werde immer Punkrock hören
Exploited
Discharge
Reject
Oi Oi Oi
In der nacht im otto besinnungslos bier. richtig dachte, dass ich nicht aufhöre zu trinken bevor es anfängt zu ekeln. der dj wechselt von deutschpunk zu 'bad' von michael jackson.
"ej , mach sofort die kinderfickerscheiße aus, der scheiß kinderficker."
"ej was willst du denn."
ein schlag mit der bierflasche mitten ins gesicht.
es bricht eine saalschlägerei aus.)
Ittys besonderes popstarmerkmal: keine titten.
ittys besonderes popstarversagen: keine streetcredibility.
lösung: itty bekommt tiefe und credibility durch lebensbedrohende operation, die live und vor publikum ausgeführt übertragen wird. es wird ihr ein poptumor eingepflanzt, der dafür sorgen soll, daß ihr eine einzige wahre, echte und richtige brust wächst. danach wird auch die völlig, saubere, leere, unbeschriebene itty m. eine individuelle geschichte, eine identität bekommen haben. ihr schicksal wird die fans rühren und sie werden ittys platten kaufen in massen. itty wird von itty minchesta zu itty superchest.
die operation scheitert, itty wächst keine brust und ihre karriere ist damit beendet.
(1955 wurde marion michael unter 12.000 jungen bewerberinnen ausgewählt, um im film "liane, das mädchen aus dem dschungel" die barbusige urwald-lolita zu spielen. ihre darauffolgenden filme floppen. kurz vor einer internationalen produktion hat sie einen autounfall, schnitte im gesicht lassen keine großaufnahme mehr zu, die produktion wird eingestellt. sie nimmt schauspielunterricht, will ernsthafte
schauspielerin werden und bricht dann bei dreharbeiten für eine kindersendung vor laufender kamera zusammen. von einem desertierten vietnamkrieger bekommt sie in ihrer berliner kommunezeit ein kind. sie unternimmt einen selbstmordversuch, schneidet sich statt der pulsadern die sehnen durch, wird gerettet, die hand bleibt für immer verkrüppelt. 1979 geht sie in die DDR, versucht, als künstlerin fuß zu fassen, es gelingt nicht. sie wird in eine psychiatrische klinik eingeliefert. heute lebt sie in berlin. "denkt sie an ein comback?" sie verneint lachend. "es gibt soviel zu tun. im haus und im garten.")
Itty bekommt 2003 als "fallen star" noch eine letzte chance bei 2wett- dem unterhaltsamen sozial-projekt der ATC.
"sehr geehrte damen und herren, mein name ist itty minchesta. ich begrüße sie sehr herzlich und freue mich, daß sie so zahlreich erschienen sind und freue mich sehr, heute abend hier vor ihnen im elbe-einkaufszentrum auftreten zu dürfen. denn lassen sie mich eins kurz klarstellen: dies ist durchaus keine selbstverständlichkeit für mich. nur durch die hilfe der ATC und 2wett bin ich in der lage dies zu tun.
lassen sie mich offen sprechen: i am a survivor.
viele von ihnen kannten mich, kannten mich als itty superchest, itty der star. bewunderten mich. beneideteten mich.
doch noch viel mehr kannten mich als itty rockbottom, end-of-the-line-itty, itty die versagerin. lachten über mich. bemitleideten mich. verspotteten mich.
sie hatten beide recht.
ich war völlig am ende. selbstmordgefährdet, drogenabhänig und selbstzerstörerisch. ich BIN auch talentiert und inspiriert.
doch ich scheiterte, mein talent positiv einzusetzen. ich war eine versagerin. ich konnte weder ihre noch die erwartungen der ATC erfüllen.
zum glück hatte ich jedoch am anfang meiner karriere einen vertrag mit der ATC unterschrieben. im fall meines versagens als popstar sollte ich als und bei 2wett weiterarbeiten. durch diese wohlfahrts-abteilung der ATC bekam ich eine zweite chance. 2wett zeigt mir einen sicheren weg, mein kreatives potential einzusetzen. 2wett respektiert mich. durch die soziale und wohltätige arbeit bei 2wett bin ich ein mitwirkendes mitglied der gesellschaft geworden und bezahle heutzutage sogar steuern.
ich habe meine würde wiedererlangt.
Und jetzt: swing time is better time.
Cut. 2004. einer sternschnuppe gleich fiel also ich-itty mitten in die disco.
das projekt 2wett schien tatsächlich zu funktionieren: die leute nahmen es als witzige, leicht freakige unterhaltung an, es schien tatsächlich einen popfaktor zu haben. shopping malls und jugendzentren, hier und da auch mal ein hipper elektroclub waren jetzt die bretter, die die welt bedeuten.
doch irgendwann hatte ich-itty die schnauze voll davon, sich jeden abend vom publikum durchficken zu lassen. sie hatte begriffen, daß 2wett nicht nur der sichere weg war, sondern vor allem langweiligste und unbezahlte arbeit. ihr gehirn wurde ihr buchstäblich in den arsch gesteckt.
Ich war wirklich nicht dafür geeignet, ein professioneller rock'n roll musiker zu sein. ich glaubte eigentlich, ein rockstar zu sein, hahaha. ich glaubte, ich wäre mein ganzes leben lang ein rockstar gewesen, hahahah.
ganz am anfang hat mir das einen unheimlichen kick gegeben. ich hatte genau das, was ich wollte. manchmal stand ich morgens auf und fühlte mich wie der könig der welt. ich hatte mich in mein leben hineingedacht.
aber das nutzte sich ziemlich schnell ab. was ich in der musik und so anstrebte, war ziemlich unkonventionell und machte mich somit hart. auch gehe ich nicht gerne auf tournee. und ich verstehe nicht, was zwischen einem, der auf der bühne steht, und dem publikum vor sich geht, speziell, wenn ich es bin, der auf der bühne steht.
konzerte habe ich nie gerne besucht. ich verstehe nicht, warum das publikum konzerte besucht. das verstehe ich wirklich nicht. ich stehe nicht so auf dieses gemeinschaftsding, von dem die leute so schwärmen. das habe ich mal bei einem fußballspiel gespürt, da habe ich den ganzen jubel und die aufregung während des letzten viertels sehr genossen, aber bei rock'n roll gigs spüre ich das nicht. ich mochte es einfach nicht, eins zu sein mit den ganzen leuten, wenn mich auf der bühne alle anschauten- da war ich sehr misstrauisch. diesen ganzen apparat habe ich eigentlich nur verachtet, weil es so eindeutig klar war, wie hohl die ganze scheiße war.
Sie beschloß abzuhauen. sie beschloß, ein bruch müsse sein. abstand von der ATC vielleicht, abstand von ihrem langjährigen mitarbeiter dr.legelasto.
"Wenn ihr diesen brief findet, befinde ich mich schon weit weg. ich werde meinen rücktritt erklärt haben und nicht mehr die präsidentin dieses unternehmens sein. ich weiß nicht, ob ich mich besser fühlen werde, aber wer kann schon sagen, was in der zukunft liegt?
ich weiß nur, daß ich meinen jetzigen zustand nicht länger ertragen kann und will. ich sehe Sie vor mir, wie Sie in diesem augenblick den kopf schütteln - verständnislos, und auch missbilligend. "die hat doch alles erreicht, alles gehabt, was man sich nur wünschen kann: geld, erfolg, ruhm, ja sogar gesundheit, jedenfalls soweit wir wissen" Sie wissen gar nichts! oder Sie wissen zu gut.
Mal richtig ehrlich sein, mal richtig jammern, bauch, auskotzen, anekdoten. ich lüge in einem fort.
i finally made it I'M A FAKE BITCH I DO WALK PROUDLY RESIGNATE LAUGH OUT LOUDLY CALIFORNIA HERE WE ARE
In meinem kopf der loop: es gibt nichts anekdotisches. ich weiß die quelle nicht mehr.
immer wenn ich von meiner reise, meinem nicht-in-hamburg-sein, berichte, sage ich zuerst meistens, ach es war eigentlich cool und dann, daß ich eine art zusammenbruch erlitt. daß ich nun zweifle, verzweifelt bin, depressiv bin. unlustig. müde. nicht interessiert. resigniert. sinnlos. kann nicht weitermachen. ein sehr starker widerwille. will nicht weitermachen, nicht musik machen , will nicht weitermachen, auftreten vor publikum, habe nichts zu erzählen, nichts zu sagen, will schweigen. begehre anderes, voll mit widerwillen, unmut. UNMUT. nicht mutig, minus mut.
dann sind alle nett. nett und verständnisvoll, bedauernd, betroffen, das tut ihnen leid. sie versuchen mich zu ermutigen, klopfen auf die schulter, das leben ist schon hart genug, man muß doch weitermachen, irgendwie. ja, nicht einfach, ja, alles verknüpft mit geld, in strukturen, stimmt ja, ist ja auch so frustrierend alles. aber du schaffst schon was, das ist doch wichtig.
ich wünsche mir, daß sie sagen, ja, du hast recht, du, man muß aufhören. man muß unbedingt aufhören. das ist sehr wichtig. du hast recht, da gibt es keinen mittelweg und schon gar keine alternative, es gibt nichts gutes im schlechten.
doch sie reden mir gut zu, sie beruhigen mich, sie beruhigen sich, die angst steht mir ins gesicht geschrieben, sie wollen nicht die angst nicht die panik.
ich habe sehr wohl sehnsucht nach dem zustand des arbeitens, dem flash, konzentration, begeisterung, überzeugt in dem moment. der zustand des arbeitens ist aber etwas anderes, als arbeit, die etwas erschafft, zielgerichtet ist auf ein produkt, etwas erschaffen will. wie kann ich den diesen zwischenzustand halten oder ersteinmal erreichen, ich kann das produkt ja nicht vom akt des schaffens trennen, ich kann das wort nicht von seiner bedeutung trennen. kann das bewußtsein nicht denken. "In gefahr und größter not, bringt der mittelweg den tod"
"mach mehr fehler und schneller" wird in den 90ern den managern propagiert: immer den abgrund vor augen haben. das worst case scenario. dann kannst du schneller reagieren, die firma retten, die krise bewältigen, dich angemessen verhalten. fehler machen, lernen, korrigieren= lebensfähig. risikobereitschaft. risiko geht einher mit innovation. auch kunst geht einher mit innovation.
richtige fehler im richtigen moment.
Wir haben das bedürfnis, nach liebe, nach anerkennung, das bedürfnis, kommunizieren zu können. also befriede ich- um weitermachen zu können?
ja, du hast recht, aufgeben wäre banal.
wie kann ich also weitermachen ohne aufzuhören?
im kopf geht das manchmal, auf dem papier, mein begehren, mein sehnen; die vorstellung vom zukünftigen projekt: kompromißlos, nicht mehr zu kommunizieren, verweigert sich, erkennt die rahmen nicht an, ist kompliziert- (und das soll interessant sein? und dafür wollt ihr dann auch noch geld haben? interessant, erinnert mich an so sachen von david lynch. auch du wirst irgendwann nicht mehr in die tunnel kriechen, da bin ich mir sicher.)- na gut, gerade stehe ich hier und versuche fehlverhalten und alles was mir anscheinend übrigbleibt ist “richtiges fehlverhalten” zu lernen; z.b. : stellvertreterpolitik.
D.I.Y.: 3 akkorde und alle können das. bin ich musikerin: nein. seht her, ich kann nicht spielen.
“aber du spielst doch!” “also kann ich das auch”- ja, von mir aus, aber das habe ich nicht gemeint damit. bin ich schriftstellerin: nein. aber seht her, ich lese! -das war kokett,weil ich auf der bühne sitze.
damit nehme ich euch was ab.
I AM SO FAKE I AM THE UNFAKE. ich sitze also auf der bühne, damit sind auch alle zufrieden, denn es gibt bühnen, leute oben auf der bühne, welche dahinter und welche davor. und wenn alle rausgehen hat man einen idiotischen, lahmen fehler gemacht: man hat sich inkompetent gezeigt-einen unpassenden rahmen gewählt- die kompetenz darf man nicht abgeben. das geht auch nicht, denn entweder hat man sie oder aber nicht. und wenn mich eigentlich nur dieser sekundenlange zustand von unsicherheit um die frage kompetenz oder nicht-kompetenz interessiert? oder wie lerne ich, den moment wahrzunehmen, indem ich die kompetenz verliere?
wenn mich überhaupt nur diese begehrte kurzfristige unsicherheit motiviert und die frage was ich damit tun könnte?
ja, was könnte ich alles tun damit! who wants to die for art?! yes, me.
klappe zu.
Ich habe tage, da bin ich voll euphorie, da fühle ich mich stark, voller energie, renne nach hause, gierig, ein stück musik zu machen, gierig, filtzelchen aus platten zusammenzusuchen, gierig, zu puzzeln. der kick kommt.
Möchte nur singen und trinken und rauchen und treffen menschen und hören musik.
Heute lebt itty in einem betreuten wohnprojekt. jeden morgen blickt sie aus ihrem fenster auf das altersheim der freimaurer.
sie sitzt im park. der park gleicht einer bewaffneten festung, polizisten drehen ihre runden. es ist der erste warme sommertag. sie liest ein buch und denkt an die zwei softporno artzromane, die sie noch pünktlich zur deadline abliefern muß. ("die 22jährige bianca ist frühreif und daher schon ärztin an einem mädcheninternat. natürlich bekommt sie schnell alle hände voll zu tun und auch ihr flinkes mundwerk kommt ihr zugute- die mädchen haben nämlich allesamt schwerwiegende probleme und krankheiten, die es zu betreuen und zu heilen gilt. die bandbreite reicht von zu großen busen bis hin zu orgasmusschwierigkeiten, ein thema, zu dem bianca ihre doktorarbeit schrieb, was nicht bedeutete, daß es ihr an praxisnähe fehlte. mit einfühlvermögen steht sie den mädchen zur seite, legt auch einmal selbst hand mit an und legt besonders viel wert auf gruppenarbeit.")
es kreist ein polizeihubschrauber über dem park. ein junge mit einem ball kommt auf ihre bank zu, er sieht angestrengt nach oben. der mund steht offen. die brille wie glasbausteine. der dünne speichelfaden im mundwinkel fehlt noch. der junge steht jetzt direkt vor ihrer bank, etwa fünf meter weit weg. gelangweilt schlägt er mit der hand auf den ball, so daß dieser hochspringt. klatsch klatsch klatsch. dabei bewegt er sich stetig nach hinten. er ist jetzt einen meter von ittys bank entfernt. der junge starrt weiter angestrengt in die luft. klatsch klatsch klatsch. er bewegt sich, itty zieht schon die füße ein, rechnet mit zusammenstoß. er trippelt an ihr vorbei. klatsch klatsch klatsch. sie hofft daß er verschwindet. er kommt zurück. klatsch klatsch klatsch. debiler blick hinter dem hubschrauber her. hans guck in die luft. klatsch klatsch klatsch. 20 cm vor ihren füßen. itty kommt wütende magensäure hoch. sie realisiert, daß der junge sie gar nicht sieht. er ignoriert sie nicht- er sieht sie ganz einfach nicht. sie scheint unsichtbar geworden zu sein. sie will schreien doch kein ton kommt raus. alles hat sie getan, alles, damit das nicht passierte. nicht die unsichtbarkeit. sie will schreien, doch kein ton kommt raus. schrei doch! schrei doch! schrei!
jemand tippt ihr auf die schulter: eine junge, alternativ gekleidete frau mit grünen haaren steht vor ihr. "entschuldigen sie, aber ich habe gesehen, daß ihr hund da vorne auf die wiese gekackt hat."
itty hat kopfschmerzen. was war das, ein anfall? die frau streckt ihr den arm entgegen am ende eine hand. in der hand. "hier, die schenke ich ihnen, das sind hundekotbeutel. da können sie die scheiße mit einsammeln. ich meine, wir hundebesitzer dürfen uns auch nicht beschweren, wenn demnächst der leinenzwang für alle hunde eingeführt wird. hier nehmen sie doch!"
schrei doch schrei doch.
Heute kann ich alles machen, ich kann alles machen, ich kann alles machen.
Glücklich! nichts auf dem leib als die badehose
barfuß! singen
spucken, laufen und springen!
so muß man leben!
so muß man leben!
wir hatten zuhause einen punkt erreicht, wo unsere aktivitäten, unsere verpflichtungen, unsere belanglosen verbindlichkeiten einen punkt, einen endlosen kreis gebildet hatten, der jeden tag immer enger wurde, bis wir uns erstickt fühlten und unendlich müde in körper und geist. kleinlichkeiten,inkonsequenzen, ausbrüche von leidenschaft, anfälle von depressionen, perioden übertriebenenr aktivität- wir konnten uns nur durch einen absoluten ausbruch befreien
wir haben nichts auf dem leib als die badehose, sind barfuß, die haare wild durcheinander
und in der feurig roten dunkelheit trinken wir abends einige schlucke wein
Glücklich! nichts auf dem leib als die badehose
barfuß! singen
spucken, laufen und springen!
so muß man leben!
so muß man leben!
dann beschließen, in einem künftigen augenblick,an einem bestimmten tag, zu einer bestimmten stunde, zu einer bestimmten minute ein readymade zu wählen. worauf es ankommt, ist der offene augenblick...so etwas wie ein stelldichein
wir sind ziellos einer straße gefolgt und haben einen punkt erreicht ,wo wir einen blick über das dorf haben, und hier sitzen wir im schatten eines busches, schweigend und sinnen und träumen
wir haben nichts auf dem leib als die badehose, sind barfuß,
die haare wild durcheinander
und in der feurig roten dunkelheit trinken wir abends einige schlucke wein
Glücklich! nichts auf dem leib als die badehose
barfuß! singen
spucken, laufen und springen!
so muß man leben!
so muß man leben!