30.09.09

Postcards from the near Future Pt.III aka Vorwerkstift ist neubesetzt (1)

Postcards from the near Future Pt.III aka Vorwerkstift ist neubesetzt

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Liebes Haus,
von 18 Leuten schweigen 15. Auf meine Frage, wie man hier so wohnen könne, so schweigend, ohne Äußerung, meinte Y., der eben zur Tür hinaus ist, um seinen Koffer zu packen für New York, das komme vielleicht daher, daß für diese Mehrheit die Vorgänge im Haus nichts mit ihrem Leben zu tun haben.
Bestandsaufnahme Schreibtisch-Oberfläche:
Darauf befinden sich im Moment folgende Dinge:
-mein Laptop: weiß, Apple MacBook ohne Aufkleber,
-meine Hände, meine Arme,
-ein Bescheid vom Finanzamt, Zuteilung meiner Steuernummer,
-Mahnung vom Finanzamt, Steuererkärung bis zum 10.10. zu verfassen,
-eine Mini-Dvd vom letzten ATC-Auftritt in der Gartenkunst, unbesehen
(Donnerstag Abend hat die Kommission für Bodenordnung beschlossen, die nach dem Willen der Finanzbehörde zu veräußernden Flurstücke in der Eifflerstraße der STEG gegen Entgelt anhand zu geben, sprich zu verkaufen. Diese „soll“ (laut STEG) „unbedingt“ (laut GAL) das Gartenkunstnetz am Ort erhalten. Laut GAL ist dieses „unbedingt“ bindend für Finanzbehörde und STEG. Wenn das so stimmt, haben wir den Kampf gewonnen. Allerdings mit dem Wermuthstropfen (?), daß trotzdem verkauft wird und daß wir den Platz umbauen müssen und daß trotzdem der Rest Richtung Schulterblatt 4-stöckig bebaut wird. Aber die Pappeln scheinen wohl gerettet und so alles Weitere glatt ausgeht, kann das Gartenkunstnetz in der Eifflerstraße bleiben.)
-dickes Buch, MÄRZ Mammut, (‚was den MÄRZ Verlag im Gegensatz zu anderen, jüngeren, z.T. sogenannten ‚linken‘ Verlagen ausgezeichnet hat, war die Originalität, der künstlerische Instinkt und ganz und gar undogmatische Geist. Der März verlag ist der kulturrevolutionäre Verlag gewesen, weswegen ihn gewisse orthodoxe und bornierte Leute, deren Wahrnehmungsvermögen wie das von Blockwarten oder Stromablesern funktioniert, auch nie mochten.(…) Es ist deprimierend, daß ein Unternehmen wie dieses so früh an seinem Ende ist, während uns andere mit ihren seriösen oder nur noch trivialen Belanglosigkeiten noch weitere Jahrzehnte elenden werden.‘ Auszug aus dem Vorwort des im März 1984 herausgebrachten MÄRZ Mammut- einen Nachruf von K-H Bohrer in einer FAZ von 1972 zitierend, der sich auf den damals angenommen, tatsächlich später aber nicht stattgefunden habenden baldigen Konkurs des März Verlags bezieht.) Gestern auf dem Flohmarkt in Eimsbüttel von Michael ‚Geisterfahrer‘ Ruff, Inhaber des Plattenladens Ruff Trade im Karoviertel, gekauft, der mich leider nicht einstellen kann, da sein Laden kaum genug Geld für die Miete abwirft. In Eimsbüttel wählten 36% Grün aufgrund eines Skandals innerhalb der SPD. Ich war nicht wählen und ärgere mich heute. Ich war zu müde und wollte etwas Schönes machen.
-die Broschüre A DECADE OF CALIFORNIA COLOR PACE NEW YORK, die ich lesen und auf Verständlichkeit prüfen kann, wenn ich mag, fragen A und Z an. Der eine ein ehemaliger Mitbewohner, herausgeklagt von Stiftung Freiraum, der andere ein gewünschter Mitbewohner, der aufgrund der Differenzen mit Freiraum beschloss, nicht einzuziehen und schon gar nicht in die Wohnung von Z, aus der dieser unmittelbar vorher ausziehen musste.
-ein orangefarbener Schnellhefter, zerbeult, gehörte A., die vor kurzen aus dem Haus auszog nach Berlin mit Mann und Kind. Ich habe den Ordner mit DAF beschriftet, Abkürzung für Deutsch als Fremdsprache. Ich habe mich zum Fernstudium angemeldet. Der Ordner enthält nur den Willkommensbrief mit der Bankverbindung der Universität Kassel.
-mein Handy
-ein länglicher weißer Briefumschlag, beschriftet mit Edding ‚Vorwerk Stift‘, enthielt 75 Euro, von denen ich 40 bereits wieder entnommen habe, um meine ausgelegten Unkosten zu begleichen. Den Umschlag habe ich Donnerstag abend im Pudelklub bekommen, weil ich Marcelle, eine befreundete DJane aus Amsterdam in der geräumten Ex-wohnung von T., der ebenfalls aus dem Haus herausgeklagt wurde, für zwei Nächte untergebracht habe. Das Hotel, in dem der Pudelklub sonst seine Gäste einmietet, war aufgrund einer Großveranstaltung ausgebucht. Ein Booker vom Pudel beschloss, daß der Vorwerkstift das Geld auch gut gebrauchen könne.
Die Tür der leergeklagten Wohnung wurde von der Hausgemeinschaft, den temporären Elfen, entfernt, eben um Gästen die Übernachtung zu ermöglichen, da das Haus trotz seiner Größe kein reguläres Gästezimmer für kurzfristige Gäste besitzt. Die Tür wurde heute von O, dem Hausmeister und Mitglied der Stiftung Freiraum, wieder eingesetzt und das Schloss ausgetauscht.
-ein falsches, silbernes Gebiss in einer durchsichtige Plastikkugel aus dem Kaugummiautomaten, das mir Digger Barnes geschenkt hat und für das ich mich noch nicht bedankt habe.
All diese Vorgänge haben etwas mit meinem Leben zu tun und ich habe nur das eine. Eine Verknüpfung von Kontexten, Handlungen und Erleben, alles in Gleichzeitigkeiten

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