01.10.09

Postcards from the near Future Pt.III aka Vorwerkstift ist neubesetzt (2)

Postcards from the near Future Pt.III aka Vorwerkstift ist neubesetzt

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Manchmal dachte Jack Constant, Mitarbeiter der Informationssammelstelle, dass ihn nur die französischen Zeitungen, die er mit zur Arbeit nahm, vor dem Verücktwerden bewahrten. Dabei hatte Constant geglaubt, die Tiefen der Langeweile und Sinnlosigkeit bereits während seiner einjährigen Dienstzeit als Angestellter der Steuereintreibungsbehörde Ihrer Majestät ergründet zu haben.

Sie hatte das Jahr damit verbracht, Kaffee zu kochen, beim Nichtstun geschäftig zu wirken, sich von den jeweiligen Vorgesetzten entweder mit Vertraulichkeiten oder mit Unnhöflichkeiten belästigen zu lassen und sich darin zu üben, gleichmütig zu erscheinen.
Ihre jetzige Arbeit im Blumenladen übertraf jedoch das zuvor Erlebte bei Weitem.
Von Langeweile keine Spur, dafür zwölf Stunden lang von Allem im Überfluß.
Zuviele Menschen, zuviel Kleingeld, Großgeld , Großkotzigkeit, zuviele Gören, Gerbera, geregelte Arbeitszeiten, gelangweilte Hausfrauen, dumpfe Rentner und zuviele Reiche auf Schnaps, auf Gucci, auf IvesSaintLaurent und FakeChanel, zuviel MakeUp, Blumenduft und Zugluft, zuviele Bushaltestellenwartezeitverkürzer und Zweitelebensphaseendverbrauchgenießer, zuviele Ducker, Kriecher, Beißer, Stengelabkneifer, zuviel Einsamkeit, Unhöflichkeit, Zeitvertreib und Straßenlärm.
Ab und zu wickelte sie ein paar von den Blumen in den Feuilleton-Teil von Le Monde ein, aus reiner Höflichkeit, damit die zarten Blüten der Amaryllis, der Lilien, der roten, neongelben und weißen Rosen, der Chrysantemen und Sonnenblumen nicht unter dem Klima litten. Zum Lesen kam sie sowieso nicht und das Papier ärgerte die Kunden, ohne unverschämt zu wirken.

Mehr als drei Milliarden Euro werden in Deutschland jährlich für Schnittblumen ausgegeben. Damit haben wir den höchsten Schnittblumenverbrauch in Europa. Doch nur zwölf Prozent der hier angebotenen Schnittblumen stammen aus heimischem Anbau. Jede dritte Schnittblume auf dem Weltmarkt wird in Äquatornähe angebaut. Für die in der Blumenproduktion arbeitenden Menschen sind die Produktionsbedingungen oft untragbar, der hohe Einsatz von Pestiziden gefährdet Gesundheit und ökologisches Gleichgewicht, geringe Löhne stellen die Arbeiterinnen vor ein soziales Dilemma.

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