15.04.12

Blut im Schuh

Ich bin dann morgens um zehn nach Hause gekommen, habe mir die Zähne geputzt und ins Leere gestarrt, ganz entspannt. 
Sieben Stunden später bin ich derselben Position aufgewacht, aus einem toten Loch, ich hatte nicht einmal gemerkt, das ich in Schlaf gefallen war. 
Zu gelähmt, um mich bewegen zu können, griff ich nach der Fernbedienung, die vor mir auf dem Nierentisch mit dem Sprung in der Glasplatte lag und schaltete ein. Die verschieden Fernsehprogramme strahlten Talkshows oder Dokumentationen über Auswandererfamilien aus- Streit und Unzufriedenheit auf allen Kanälen also. Nur auf Arte lief der Spielfilm ‚The ‚Incredible Mr.Fox‘. Den hatte ich mir bereits Weihnachten angeschaut, als es mir gelungen war, mich dem Familienfest zu verweigern, was allerdings allen meinen Freunden nicht gelungen war. Aus diesem Anlass verbrachte ich zwei seltsame, irgendwie entfremdete Tage mit viel freier Zeit. Ich durchstreifte im Schneeregen die Stadt. Ich betrat schließlich völlig verkühlt ein Kino, versank im mittleren sitz der mittleren Reihe und nippte an einem Glas Brandy, das ich hineingeschmuggelt hatte. Langsam wurde mir wieder warm.
Ich fühlte mich wie eine Hausfrau in den vierziger Jahren, draußen fallen die Bomben, der Mann ist an der Front und das Kind sitzt mit den anderen Kindern im Bunker. Man selbst gibt vor, es vom Einkaufen nicht bis in den Schutzraum geschafft zu haben und schleicht sich freudig verstohlen ins Kino.
Während des Filmes wurde ich ungerichtet sehnsüchtig, ein Gefühl im Bauch; Schmacht nach einer Zigarette, der Wunsch nach Meer und Weite, mehr Alkohol, guten Freunden und fetter Liebe. Der Wunsch, jemanden zu treffen und zusammen durchzubrennen, einfach so. Man sitzt dann zusammen auf einer Südseeinsel in einer Tikibar, die nassen, salzigen Surfbretter liegen vor einem im Sand und zehn Kinder, eigene sowie adoptierte, turnen um einen herum. Und natürlich weiß man, dass das Blödsinn ist.
Am Ende vom Film musste ich jedenfalls weinen. Ich weine häufig ohne Grund, z.b. Sonntag Morgens im Sonnenschein. Marathonläufer ziehen vorbei und Kirchenglocken läuten, das reicht schon. Auch hübsche Jungs bringen mich zum weinen. Und manchmal weine ich auch vor Freude beim Tanzen Nachts im Club. Es gibt ein Technostück, das bringt mich fast um.
Ich sitze also in Gedanken versunken regungslos auf meinem Sofa und starre blind auf den Bildschirm, als mir mit einem mal etwas Lauwarmes auf die Hand tropft. Ich zucke zusammen und hebe erstaunt die Hand vor die Augen. Ich sehe einen dunklen Tropfen auf meinem Handrücken. Ich tippe mit dem Zeigefinger der anderen Hand hinein und lecke vorsichtig daran. Ich erkenne den Geschmack sofort. Es ist der Geschmack meines eigenen Blutes. Ich betrachte meinen Handrücken, meine Finger, meine Pulsadern. Nichts blutet.
Etwas kitzelt meine Oberlippe. Ich fahre mit der Zunge entlang - schon wieder dieser Geschmack: mehr Blut. Es läuft mir direkt in den Mund.
Mit der rechten Hand fasse ich mir ins Gesicht, an die Backe, schaue meine Hand an, sie ist vollkommen blutverschmiert, das Blut trieft richtig an ihr herunter und tropft dann klebrig auf meine Jeans. Ich sehe an mir herunter- die Vorderseite meines T-shirts ist völlig von Blut durchtränkt. Ich fange an zu zittern.
Vielleicht bin ich tot? Ein Opfer der Manson Family. Ein Opfer meiner bösen Nachbarn, meiner schlechten Laune oder der Drogen, die ich niemals konsumiert habe? Unentdeckter Krebs im Endstadium? Offene beine? Kopfmenstruation? Ich stehe langsam auf und gehe auf wackeligen Beinen in Richtung Bad, ich muss mich dabei an der Wand abstützen. Mir ist übel vor Angst und Panik. Was ist bloß los mit mir? Wo kommt das viele Blut her? Ich öffne die Badezimmertür und schaue in den Spiegel. Ich bin mit Blut besudelt. Es läuft vor allem meine linke Gesichtshälfte herunter. Ich halte mein Gesicht näher an den Spiegel, drehe den Kopf. Das Blut läuft in einem dicken Strahl aus meinem linken Ohr. Eine kalte Faust schlägt mir in den Magen. Ich werde sterben, verbluten, verrecken, den Löffel abgeben - völlig grundlos. Ich habe keine schmerzen, mir tut überhaupt nichts weh. Ich pfeife laut durch die Zähne, halte mir erst das rechte Ohr zu, dann das linke, warmes Blut, rinnt durch meine Finger. Ich pfeife ein stück von Louis Armstrong und bete dann laut und wild. Ich höre alles einbandfrei. Ich greife zu einer Rolle Klopapier und stecke mir einen dicken Propfen ins Ohr. Innerhalb von zehn Sekunden hat sich das Papier vollgesogen. Das Blut rinnt weiter aus dem Ohr meine Wange und den Hals herunter, läuft zwischen meinen Brüsten bis auf Bauch und Oberschenkel herunter. Ich kotze ins Waschbecken, spüle mir kurz den Mund und wanke aus dem Bad in den Flur, wo ich mir eine Jacke überstreife. Ich brauche Hilfe. Ich muß ins Krankenhaus.
Ich laufe los, eine rolle Klopapier in der Hand, von der ich ab und zu etwas abwickele, um das alte mit Blut vollgesogene Papier zu ersetzen, das ich gegen mein Ohr presse.
Der Flughafen Tempelhof ist völlig ausgestorben. Ich bin ganz allein da draußen. Ich habe Angst, zu fallen und nicht mehr aufstehen zu können.
Am nächsten Morgen werde ich tot sein.
Ein paar Dandys, die betrunken aus einem illegalen Klub kommen und noch in einer originalen Kneipe belegte Brote essen wollen, werden mich finden. Sie werden mich auf den Kieseln liegen sehen, in meinem eigenen Blut und dann werden sie lachen, weil sie bekifft und hilflos sind. Oder ein Dackel wird kommen, kurz an mir schnuppern mich dann anpinkeln und bellen - sein Herrchen wird angelaufen kommen und mich erstaunt und wütend betrachten. Wegen mir wird er zu spät zur Arbeit kommen. Es wird ein mieser Tag werden. Das Opfer ist schuld. Die Ratten allerdings werden mich schon während der Nacht anknabbern. Oder diese Eichhörnchen, die es hier gibt. Sie turnen auf den Bäumen rum, aber ab und zu kommen sie runter und fressen alles auf. 


http://youtu.be/y-hIplBbiCc


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