16.09.12

It is aMAZEd
aka Itty irrt im Kreis umher und wundert sich


In girum imus nocte et consumimur igni 1
ist ein lateinisches Palindrom, dem nachgesagt wird, das Verhalten von Motten zu beschreiben.
Ein Palindrom ist ein Satz oder auch ein Wort, eine Zahl etc. welches vorwärts wie rückwärts gelesen das Gleiche bedeutet. Das längste Deutsche Palindrom ist Reliefpfeiler.
In girum imus nocte et consumimur igni
wird ins ins Englische als ‚We go wandering at night and are consumed by fire‘ übersetzt: die Motten schweifen des Nachts umher, Feuer verzehrt, konsumiert die herumstreifenden Falter. Fertig, aus. Der Tod, das Sterben, wird gelassen hingenommen.
Im Deutschen 'irren' die Tierchen 'des Nachts im Kreis umher und werden vom Feuer verschlungen': schiere Verzweiflung! Kopflos, taumelnd, verwirrt, kreiseln die Motten wie von Sinnen vom Dunkel ins Licht, um dann mit einem Haps hastig vom Feind verschlungen zu werden.
In girum imus nocte et consumimur igni
Es gibt zwei Arten von Labyrinthen:
Unendlich der Garten der Pfade, die sich verzweigen.2
1.: Das Labyrinth im engeren Sinn: Ein verschlungener Weg ohne Verzweigungen, der unter regelmäßigem Richtungswechsel zum Mittelpunkt führt. In einem solchen Labyrinth ist es nicht möglich, sich zu verirren.
2.: Das Labyrinth im weiteren Sinn: Ein System mit Wegverzweigungen, das also auch Sackgassen oder geschlossene Schleifen enthält. Im deutschen Sprachbereich wird eine derartige Struktur auch als Irrgarten bezeichnet. Hier ist ein Verirren möglich und meist Sinn der Anlage.
Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.’
Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um.’
Man geht in das Labyrinth hinein (warum, bleibt zu klären) - der Weg schlängelt sich, windet sich, schlauft. Eine Pendelbewegung, ewig. Taumel, leichter Schwindel, Orientierungsverlust. Immer geht das nun so weiter, stellt man sich vor, man stellt sich drauf ein, schaltet ab, wird bisschen blöd davon schon im Kopf.
Plötzlich, unerwartet,
ist Schluss.
Links, rechts, Schluss mit dem Pendeln, wo ist man jetzt?
Angekommen, offensichtlich. Nicht gradlinig, aber unvermeidlich.
In der Mitte, GrasSarg, NebelLeben, Anna, Otto, RegalLager, Rentner, Reliefpfeiler - verbarrikadiert, geschützt, hockt man dann da. Mumifiziert, O Genie, der Herr ehre Dein Ego! - zurück auf Start.
Man geht in das Labyrinth hinein (warum, bleibt zu klären) - der Weg schlängelt sich, windet sich, schlauft. Eine Pendelbewegung, ewig. Taumel, leichter Schwindel, Orientierungsverlust. Immer geht das nun so weiter, stellt man sich vor, man stellt sich drauf ein, schaltet ab, wird bisschen blöd davon schon im Kopf.
Plötzlich, unerwartet,
ist Schluss.
Links, rechts, Schluss mit dem Pendeln, wo ist man jetzt?
Plötzlich, unerwartet,
eine Kreuzung.
Links, rechts, Schluss mit dem Pendeln, eine Entscheidung muss her.
Weiter geht’s auf der A7, weiter geht’s in Richtung Nord. Plötzlich ist Schluss, eine Sackgasse, links oder rechts, das Kurzzeitgedächtnis ist nicht mehr so gut. Weiter geht’s auf der A7, weiter geht’s in Richtung Nord - oder war's Süd? Wieder zurück, hier war ich doch schon mal, eine Entscheidung, Brunautal, oder war's Allertal, macht jedenfalls was mit mir, schwindelig, schwitzig, panisch irre ich plötzlich kopflos durch den Wald, hier kenn' ich mich nicht aus, bin Stadtkind, alle wollen was von mir - könnt ihr mich nicht einfach an den Mast anbinden? - und wenn ich stolpere!, aber ich muss unbedingt ankommen, der Druck steigt, was wollte ich da, hab ich vergessen, muss weiter. Weiter irre ich kopflos durch die Nacht, habe Durst, es brennt, Mascara rinnt in schmalen Bächen die Wangen herunter, die Socke bildet einen Wulst, nach vorne in den Schuh gerutscht, stolpere ich - liegen bleiben oder wieder zurück kriechen - Schützengraben, Morgendämmerung oder Feuer, kein Horizont, nur Hecken, ein Kabinett aus Spiegeln.
Plötzlich, unerwartet, ist Schluss. Wo ist man jetzt? Angekommen, offensichtlich. Nicht gradlinig, aber unvermeidlich.
In der Mitte, GrasSarg, NebelLeben, Anna, Otto, RegalLager, Rentner, Reliefpfeiler - verbarrikadiert, geschützt, hockt man dann da. Mumifiziert, O Genie, der Herr ehre Dein Ego! - zurück auf Start.
Man geht in das Labyrinth hinein (warum, bleibt zu klären):
die Mutmaßungen über die Funktion von Labyrinthen sind vielfältig. Es lassen sich drei Gruppen von Deutungen voneinander abgrenzen.
Die
1.beinhaltet alle Funktionen in einem architektonischen Sinn, ausgehend von der Idee des Gefängnisses (vgl. Minotaurus-Sage: der Stier wird in der Mitte eingesperrt), woraus sich fortifikatorische Anlagen genauso wie komplexe städtische Strukturen herleiten lassen.
Viele Labyrinthmosaike bilden Stadtmauern und Tore als äußere Umgrenzung ab, auch der Bezug zum Gründungsmythos der Stadt Rom (Romulus und Remus) ist eindeutig (die vier Quartiere der Stadt Rom entsprechen der Kreuzform im Labyrinth des römischen Typs).
Die
2.Gruppe umfasst alle Deutungen, die sich auf Bewegungsabläufe beziehen.
Das Abschreiten einer wie auch immer gearteten labyrinthischen Figur erzeugt eine Bewegungslinie, die als spielerische Figur, als Tanz oder rituelle Handlung verstanden werden kann.
Die
3.Gruppe hat alle magischen Funktionen zum Gegenstand.
Die labyrinthische Figur, meist zu klein zum Abschreiten der Gänge oder als Wandmalerei, dient dem Schutz des Privathauses vor bösen Mächten oder dem Teufel. Der Träger eines Labyrinths erhofft sich dadurch Schutz, ebenso ist das Zeichnen von Labyrinthen im Sand zu verstehen.3
YOU ARE HERE aka THE MAZE vereint alle Labyrinth-Typen oder -Deutungen in einem:
Im Mittelpunkt des Labyrinths, vor der Leinwand, befindet sich schwitzend der Künstler/die Künstlerin, erleichtert (wie ist er hier hingekommen?), vielleicht auch panisch: vor Platzangst, vor Enge, der Raum ist klein, vielleicht auch geil, ist vielleicht auch gar nicht erst angekommen, irgendwo auf dem Weg an Wände geschmiegt verstrickt oder hängen geblieben, hat eine Osmose mit dem Publikum erzeugt, Wände verschoben, Kunstformen erweitert, endlose Loops erzeugt, Musik zur Installation gemacht, Tänzchen zur Installation gemacht, mit dem Stiefel ein Loch reingetreten, ist da durchgeschlüpft, findig, wie er/sie ist, alle hinterher, um festzustellen, dass in der Mitte gar nichts ist, oder jedenfalls nichts Unbekanntes, dass es aber ganz schön ist, dass das Drumherum eben das Drumherum ist und es auch Darum geht.
Vielleicht aber ist in der Mitte auch etwas Unbekanntes, niemals zu erkennen: der Künstler/die Künstlerin unwissend, weil er/sie zu sehr schwitzt, der Schweiß rinnt in salzigen Bächlein in die Augen, brennt das Mascara heraus, verschmiert dunkelgrau im Gesicht, blendet. Geblendet ist nichts wahrnehmbar, ist nichts mit Erkenntnis.
Das Publikum seinerseits bleibt erkenntnislos, weil der Künstler/die Künstlerin beim Taumeln durch die neonroten Gaze-Gänge beschlossen hat, bei Ankunft in der Mitte sofort auf das Publikum zu schiessen: Who wants to die for art?!
Er/sie lässt einfach keinen rein, in den Mittelpunkt, zum Turm, zum Stier, zum Matrosen:
Ich werde keine Zugeständnisse an das Publikum machen.
Also Strom an, Kreislauf schliessen, fluten. Und dann wird gewichst, Drehbühne, umgeben von verschachteltem sandigem Niemandsland, Beton-Mäander, Ruhezone für exotische Vögel und auch Hausratten, welche sich für Erkenntnis nicht interessieren. Ich steh auf Berlin.
Performers will have to negotiate the confines of the maze in order to execute their performance.
Der Künstler wird also zum Faschist, an der Mauer an der Wand (Ich werde keine Zugeständnisse an das Publikum machen. Ich bin dafür bekannt, dass ich niemals Zugeständnisse gemacht habe, weder an die herrschenden Ideen meiner Zeit, noch an eine bestehende Macht. Des weiteren ist, unabhängig von der Epoche, niemals etwas von Bedeutung vermittelt worden, solange man das Publikum schonte. Zudem sehen die Zuschauer gegenwärtig nichts im eisigen Spiegel der Leinwand, was an ehrbare Bürger einer Demokratie erinnert.). Das Publikum flüchtet und denkt dabei:
Geil, hier wird ein Film gedreht!
Das Publikum flüchtet und denkt dabei:
Scheiss Königin, Scheiss Kunst, Schlagt ihr den Kopf ab!
'Die kapitalistische bzw. angeblich antikapitalistische Welt organisiert das Leben spektakulär. Es kommt nicht darauf an, das Spektakel der Verweigerung auszuarbeiten, sondern das Spektakel selbst abzulehnen. Die Elemente der Zerstörung des Spektakels müssen gerade aufhören, Kunstwerke zu sein.`4
Ein schwieriges Unterfangen - Das Publikum flucht und filmt dabei
den Künstler/die Künstlerin, an der Mauer an der Wand, der Leinwand, im Mittelpunkt des Labyrinths, umwoben von roten Fäden, grau im Gesicht, geblendet (wie ist er da hingekommen?).
Blick zurück:
Es waren einmal drei Schwestern, die wohnten auf dem Grunde eines Brunnens...
Wovon lebten sie denn?
Von Sirup.
Das scheint mir aber nicht gut möglich. Dann würden sie ja alle krank.
Das waren sie ja auch, und zwar sehr krank.
Aber warum lebten sie denn auf dem Grunde eines Brunnens?
Es war ein Sirup-Brunnen.
Die drei Schwestern lernten da unten Streiche.
Womit haben sie denn gestrichen?
Sirup.
Was haben sie mit Sirup gestrichen?
Ein Wasser-Brunnen ist mit Wasser gestrichen und ein Sirup-Brunnen ist eben mit Sirup gestrichen.
Aber sie waren doch in dem Brunnen.
Natürlich waren sie da. Mit ihnen war das Kind in den Brunnen gefallen.
Entweder war der Schacht sehr tief, oder sie fiel sehr langsam, denn sie hatte im Fallen genug Zeit, sich umzusehen und sich zu fragen, was wohl als nächstes geschehen würde.5
Nach einer kurzen Fahrtunterbrechung, Rauchpause, setzt sich die Fahrerin hektisch auf ihre Handtasche. Es ertönt ein quietschendes Geräusch. In der Handtasche schlief die Ratte der Fahrerin.
Die Fahrerin bekommt einen Nervenzusammenbruch, die Fahrt wird nicht fortgesetzt, ich stehe auf einer Raststätte herum, neben einem Reliefpfeiler, entgehe einem tödlichen Unfall, lerne die Liebe meines Lebens kennen, besaufe mich, werde beinahe von einem LkW angefahren, rauche Kette, ein Auto hält an, ich steige ein.
Die Autobahn schlängelt sich, windet sich, schlauft. Eine Pendelbewegung, ewig. Taumel, leichter Schwindel, Orientierungsverlust. Das geht jetzt immer so weiter, stelle ich mir vor. Ich bekomme einen Nervenzusammenbruch. Die Fahrt wird nicht fortgesetzt, ich stehe auf einer Raststätte herum, neben einem Reliefpfeiler, im Unwetter, lerne niemanden kennen, besaufe mich, ein Lkw hupt, rauche Kette, ein Auto hält an, ich steige ein.
Die Autobahn schlängelt sich, windet sich, schlauft. Eine Pendelbewegung, ewig. Taumel, leichter Schwindel, Orientierungsverlust, NebelLeben.
Entschuldigung, wo sind wir denn hier? Entschuldigung, was mache ich denn hier? Entschuldigung, wie bin ich denn hier hingekommen? Entschuldigung, ich glaube, hier war ich schonmal. Jetzt bin ich hier.
Hier bin ich.
Ich bin hier.
Du bist hier.
You are here.
In girum imus nocte et consumimur igni




1 Film von Guy Debord. 2 Jorge Louis Borges, Fiktionen. 3 Quelle: wikipedia. 4 Raoul Vaneigem. 5 Lewis Carroll, Alice im Wunderland





Lecture-Performance by
Itty Minchesta
West-Germany
Berlin, 15.09.2012



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