21.02.13

Was würde Beth Ditto sagen?

Eine Briefsammlung von Itty Minchesta

I

Ascona, den 23.03.1914

Lieber Gusto,
es fällt mir nicht leicht, aber ich nehme mir ein Herz und schreibe Ihnen. Ich hoffe, dass dieser Brief, als Flaschenpost vor dem Regen geschützt, Sie erreichen möge - denn leider traf ich Sie in ihrer Hütte nicht an.
Die Milchflasche können Sie ja sicher wiederverwenden.
Was gestern auf unserer Versammlung geschah, tut mir aufrichtig leid. Ich weiß, dass mein Ausbruch, so notwendig und wichtig er für mich war, dennoch nicht die angemessene Form hatte. Entschuldigen Sie vielmals, dass ich mich derartig beleidigend Ihnen gegenüber verhielt!
Herr Jung, der ja noch letzte Woche zu Gast war, hätte zwar sicher nichts gegen den ganzen Vorfall einzuwenden gehabt, da sein oberste Prämisse, wie ich glaube, ihn verstanden zu haben, lautet, den Schmerz herauszulassen, um Heilung zu erzielen – ich stimme ihm zu, bin aber der Meinung, dass die Austreibung des Schmerzes sicher andere, schönere Formen annehmen kann, als sich selber einen Finger in den Hals zu stecken und Anderen, in diesem Fall Ihnen, verehrter Gusto, ein kostbares vegetabiles Essen buchstäblich vor die Füsse zu kotzen .Und Sie dann zu allem Übel auch noch zu zwingen, das Erbrochene aufzuessen, war sicherlich zutiefst falsch.
Wie Sie wissen, bin ich mittlerweile überzeugte Katholikin und würde Sie gerne um Verzeihung bitten, indem ich mich Ihnen, meinem Impuls folgend, wie Maria Magdalena vor die Füsse werfe - als Frau jedoch, die sich ihrer langsam aber stetig bewusster wird, kann ich mich einfach nicht zu diesem Kniefall durchringen. Lassen Sie mich stattdessen diesen schriftlichen versuchen:
Wie vermutlich alle hier Anwesenden, habe auch ich erst auf Umwegen, mit deren langwieriger Beschreibung ich Sie gar nicht erst belästigen möchte, hierhin, zu unserem 'Berg der Wahrheit' gefunden - zu meiner Erklärung muss ich Sie dennoch zumindest ein Wenig über mich wissen lassen - ich werde aber versuchen, mich knapp zu halten.
Mein erster Mann war Atheist, Sozialist und Abstinenzler.
Er vertrat vehement Grundsätze, die auch Sie sicherlich gutheissen - korrigieren Sie mich, falls ich irre.
Ich war zum Zeitpunkt der Heirat gerade sechzehn. Wir kannten uns kaum und die Verbindung war sicherlich aus verschiedenen Gründen von Vorneherein zum Scheitern verurteilt.
Geblieben ist mir aus dieser Ehe ein tiefes Misstrauen Überzeugungen gegenüber, die sich gegen jegliche Form von Frohsinn wenden, gar Lustfeindlichkeit predigen und die allzu leicht in Dogmatismus umschlagen, zum Diktat werden können – kurz gesagt, ich hege seitdem Misstrauen gegen jegliche Ideologien, da diese doch schlussendlich immer den unfreien Willen propagieren.
Ich weiß, dass es für Sie äußerst schmerzlich sein muss, zu sehen, wie Ihre Idee einer reinen, naturverbunden Freistatt zugunsten dieser wirtschaftlich äußerst rentablen Naturheilanstalt korrumpiert wird – korrupt: so muss Ihnen die Bewirtschaftung Ihres, einst gemeinsam mit Ihren besten Freunden (und nun erbitterten Feinden) erstandenen Anwesens, sicher erscheinen.
Ich bin auch ganz Ihrer Meinung, dass viele der Gäste sich zu wenig Mühe geben und die Gemeinschaft vielmehr ausnutzen und schwächen, als zu ihrem Wohl beitragen und sie stärken.
Lieber Gusto, ich finde es ferner tatsächlich wunderbar und auch bewundernswert, dass Sie beispielsweise jahrein-jahraus barfuss laufen und sich nur von pflanzlicher Rohkost ernähren und meine mit Freude zu erkennen, wie nah Sie selbst der Verwirklichung Ihrer Ideale schon gekommen sind.
Aber propagieren Sie nicht auch die Freiheit der Anderen, jene Freiheit, die nur in Gemeinschaft erlangt werden kann?
Nun, wenn Sie dem zustimmen, wie kann es dann sein, dass Sie es sich zur Angewohnheit gemacht haben, sich während des gemeinsamen Mahles mahnend und vorwurfsvoll neben diejenigen zu stellen, die in friedvoller Gemeinschaft ihr Fleisch teilen, um ihnen dann derart intensiv auf die Teller starren, als würden Sie statt Vegetarismus schwarze Magie praktizieren? Für mich ist ihr Verhalten reiner Terror, psychologische Kriegsführung, denn praktisch ist Ihnen ja nichts vorzuwerfen - ausser Tyrannei.
Und ich wehre mich gegen Tyrannei!
Mein Mann brachte es einmal fertig, sieben Flaschen wunderbaren spanischen Rotweines, die mein Bruder, ein Seemann, uns, seiner Familie, trotz widriger Umstände von einer seiner Reisen mit zurück nach Flensburg gebracht hatte - sieben Flaschen, jede einzelne mit liebevollen Gedanken an die ferne Heimat im Seesack geschleppt, gegen Horden voller Saufbrüder aus See verteidigt, vom kargen Lohn abgespart! - und mein Mann brachte es tatsächlich fertig, nachdem ich nachmittags, freudig seinen Feierabend erwartend, die Flaschen um einen wunderschönen Strauss Blumen herum drapiert hatte - mein Mann brachte es also fertig, statt sich an ihrem Anblick zu erfreuen, jede einzelne dieser kostbaren Flaschen vor meinen Augen unter dem Ausruf: ‚Ich bin der Herr in meinem Hause und mein Haus bleibt frei von Alkohol!‘ in den Ausguss zu kippen.
Diese Episode öffnete mir die Augen und bedeutete das Ende unserer Ehe.
Ich wurde Schauspielerin und kam auf Umwegen hierher, um Teil einer Gemeinschaft mündiger und froher Freigeister zu werden. Stattdessen finde ich jedoch eine Gemeinschaft vor, die sich von Innen heraus tyrannisiert, bespitzelt und quält. Beispiele dafür finden sich viele - so hörte ich neulich abends Herrn Cis im Nebenzimmer telegrafieren:
‚Du weißt, was für ein Spinner ich bin, und es ist meine derzeitige Manie, Informationen über die Psychologie der Leute zu sammeln, die versuchen, sich in der Weise spirituell weiterzuentwickeln, über die wir uns letztens unterhielten, als du so charmant in meinem Studio aufgetaucht bist.‘
So sieht also unsere feine Gemeinschaft aus!!
Als Sie nun gestern Abend wieder einmal so neben mir standen, vorwurfsvoll mit Blicken mich anklagend, versagte mir mein Humor – ich hätte Sie ja auch einfach als bei Tisch bettelnden Dackel oder Mops titulieren können, der voll Neid auf einen gefüllten Teller stiert - zumal auf meinem Teller ja noch nicht einmal totes Tier zu finden war - mir jedoch riss einfach die Geduld: Ihr anklagend ausgestreckter Zeigefinger brachte mein Fass zum Überlaufen und ich folgte meinem Impuls, Ihnen selbstverursacht vor die Füsse zu erbrechen.
Heute kommt mir allein das schon Schlimm genug vor, welch Schauspiel allerdings darauf folgte, ist unverzeihlich und beschämt mich zutiefst.
Sie sahen so traurig aus, als Sie auf das kaum verdaute Häufchen Essen vor Ihren Füssen blickten, dass sogleich ein Berg von Reue in mir aufstieg. Ich wollte vor Ihnen hinfallen und Ihnen die nackten, ledrigen Füsse küssen, die Sie tagein, tagaus den Widrigkeiten der Natur aussetzen, nur um keinem anderen Wesen Leid zufügen zu müssen. Darin zumindest vermute ich Ihre Beweggründe für das Barfuss- und Nackt-Gehen. Ich vermute, wohlgemerkt, aber ich weiss nicht, ob dem so ist - verweigern Sie doch seit geraumer Zeit jede Erklärung für Ihr Handeln. Im Allgemeinen wird Ihr Schweigen als Gelübde interpretiert - ich jedoch meine darin vielmehr einen Akt der Verweigerung, des Sich-Entziehens jeglicher Kommunikation zu erkennen.
Sollte dem so sein, könnte ich Sie durchaus verstehen, denn es muss sehr ermüdend für Sie gewesen sein, zehn Jahre lang zu erklären, zu predigen, zu wiederholen, was Sie doch schon längst erklärt hatten: Der Überzeugung zu sein, wahrer Einklang mit der Natur könne nur über völlige Gewaltfreiheit und Verzicht auf jegliche Hilfsmittel der Moderne erreicht werden. Dies solle auf dem 'Berg der Wahrheit' verwirklicht werden.
Ihnen ist sicher bekannt, dass ich nicht Ihrer Meinung bin - habe ich doch lange Zeit in London und Berlin gelebt und das Elend der Arbeiter, die uns modernen, privilegierten Menschen durch Fabrikarbeit das Leben um ein Vielfaches erleichtern, die selbst jedoch in mittelalterlich anmutenden Verhältnissen leben müssen, da ihnen jeglicher Komfort abgesprochen wird, mit eigenen Augen gesehen. Ich bin der Meinung, dass technische Errungenschaften wie Elektrizität, zum Wohl der Allgemeinheit benutzt, Vielen und besonders den Armen das Leben durchaus erleichtern können.
Und so blickte ich bei Tisch in Ihre vorwurfsvollen Augen und sah: oh, welch Selbstgerechtigkeit!!!
Eine Selbstgerechtigkeit, die meint, sich nicht mehr erklären zu müssen, strotzend vor Demut und Güte, aber, ach, doch so falsch!
Sie leben im Wald.
Nun und?
Auch ich war schon einmal im Wald.
Und das Mädchen mit den Streichhölzern war sicher ebenfalls schon einmal im Wald.
Denn, welch muntrer Reigen, monatlich: Im Mondschein tanzen wir Mädchen, die wir uns von den Fesseln der Unterdrückung des weiblichen Körpers zu befreien suchen, in luftigen Gewändern zu den Klängen einer dionysischen Flöte im Kreis und lassen uns vom Feuer verzehren.
Wir wiegen uns im flackernden Licht der Flammen, im Zwielicht des Mondes, trunken vor Freude, unsere Fesseln abzuwerfen, uns zu heilen, zu heilen von schlechter Luft und auch von Männern, die unseren Wein verschwenden - und was machen Sie?
Sie, Sie kriechen Nachts aus Ihrer Hütte, und, einem Soldat im Schützengraben gleich, pirschen Sie sich langsam an unsere Versammlung heran, verfolgen uns, beobachten uns, kauern im Gebüsch, schwer atmend, diabolisch grinsend, mit irrem Blick und Flöte in der Hand!! Oh, Sie machen mir nichts vor, Sie geiler alter Bock! Oh ja, ich bin mir sicher, Sie dort gesehen zu haben, auf unserer Lichtung, die für unser Ritual wie geschaffen war.
Und was ich gestern bei Tisch, in Ihren Augen sah, hinter der vorwurfsvollen, verzichtenden, verstehenden Güte in ihren Augen, die auf die halbverdauten Möhren auf ihren nackten Füssen blickten und dann auf mich, war schiere Gier, war reine Geilheit auf Fleisch, auf weisses, festes Fleisch, auf mein Fleisch, das Sie begehren, das Sie verleugnen und zur Nicht-Existenz verdammen wollen!
Gier auf mein Fleisch und das meiner Schwestern, die wir tanzen, und Gier auf das zarte Fleisch der Knaben, die noch nicht volljährig sind und die Sie vorgeben zu unterrichten, dort in Ihrer Hütte – oh, Ihre Gier und Ihre Verlogenheit machte mich wütend, wahnsinnig wütend!
Und so musste ich Sie einfach an ihrem langen weissen Haupthaar packen, es zu einem Strang drehen, einer Peitsche gleich, und Sie mit dem Gesicht in mein Erbrochenes zwingen, so dass Ihnen nichts, aber auch nichts Anderes übrig blieb, als sich darin zu suhlen. Sich darin zu suhlen, wie Sie sich in der Begierde nach meinem Fleisch suhlen, sich in der Unterdrückung meiner Schwestern suhlen, sich in der Armut der Arbeiter suhlen – so sollten Sie sich mit Kotze besudeln und diese fressen, einer Kuh gleich, die wiederkäut!
Und es machte mir Spass!!! Jawohl, ich gebe zu, es machte mir Spass, grossen Spass, es war in der Tat eine wahre Befreiung, eine Wollust gar, die ich verspürte!!!
Es hätte nicht viel gefehlt und ich wäre der Lehre des Herrn Groß gefolgt, hätte mich entkleidet und mich vor allen Augen selbst befriedigt, solch eine Genugtuung verschaffte mir dieser Moment.
'Tu, was du willst, sei das ganze Gesetz.'
Sie werden mir nun unverzüglich entgegenhalten, lediglich dies täten ja auch Sie – wenn Sie tatsächlich, wie ich behaupte, ein Gaffer seien: gafften und befreiten sich und seien sich selbst das Gesetz, wenn es denn keinen mehr Gott gebe, sondern nur die verschiedensten Lehren exilierter Russen und Russinnen, materialistischer und antimaterialistischer Art.
Seien Sie nun Gaffer oder Heiliger - die Wahrheit ist, dass es keine Wahrheit gibt, nur das Wahre. Und das schlendert ganz offensichtlich in verschiedenen Kostümen durch den Wald, pfeift ein lustiges Liedchen, der Kopf wird ganz leicht, was im Übrigen auf die Luft in diesen Bergen zurückzuführen ist.
Die Luft hier oben ist nämlich dünn, dünn besiedelt wie der Berg auch, so dass man immer nur den gleichen Austausch pflegt, den der Gemeinschaft Gleichgesinnter nämlich. Die Dorfbevölkerung traut sich ja erst gar nicht hierhin.
Die dünne Luft ist auch schon Mancher nicht bekommen, ich denke beispielsweise an die liebe Lotte, die sich völlig aus der Gemeinschaft zurückgezogen hat und in einem ruinenhaften Haus lebt. Auf bloßem Stein schläft. Nur rohe Wurzeln isst. Jede Nacht auf einen Berggipfel klettert. Trockenes Reisig zusammenklaubt, ein großes Feuer legt und die Asche siebt, wobei sie jammervoll schreit: ,Mein Gott, es ist noch nicht fein genug!'
Aber davon soll man eigentlich nicht sprechen. Denn der Wahnsinn ist ja tatsächlich ein alltägliches Vorkommnis. So alltäglich, wie sich Horden von Menschen den Sommer über in den Wald begeben, um Reiser abzubrechen, die sie zusammengebunden dazu benützen, den Kehricht aus ihren eigenen Wohnung zu räumen.
Sie räumen und fegen und feudeln und feudeln und fegen und räumen.
Das hält sie im Innersten zusammen, so wie ich den Verdacht hege, dass auch Sie, mein lieber Gusto, den Zeigefinger nur prophetisch mahnend recken können, solange es auf dem Berg Grillfleisch gibt. Und das wird lange sein, ich habe nämlich beobachtet, dass Herr Bakunin einen florierenden Tauschhandel in einer Höhle eingerichtet hat. Folgen Sie nur den Rauchsignalen.
In diesem Sinne, hochachtungsvoll Ihre Antwort erwartend,

Ihre E. B-H

II


*Zeichen im Wald gefunden und durchgepaust von Pencil Quincy

III

Therapeut: (für meine Notizen: heute ist der 23.03.1997)
Herr A., Frau B., sie beide führen seit acht Jahren eine Beziehung.
Sie, Herr A., sind gelernter KfZ-Mechaniker oder Elektriker, Bauarbeiter, Restaurateur, leben von Hartz IV und sind 'Kleinstunternehmer‘.
Sie, Frau B. sind Tierpflegerin in Halbzeit.
Ihre Beziehungsprobleme haben, ich zitiere Sie, Herr A. ‚sibirische Ausmasse‘ angenommen. Ihre Freundin sprach ihrerseits von ‚einem Gulag‘.
In ihren geographischen Vorlieben scheinen Sie sich zumindest nicht weit voneinander entfernt zu haben. Auch ‚im Bett läuft es noch prima‘ haben Sie beide in unabhängig voneinander erklärt. Dennoch existieren diese Eisberge zwischen Ihnen - beide ziehen Sie eine Trennung in Erwägung.
‚Der Alltag ist das Problem‘ - Herr A.: könnten Sie diese Formulierung bitte näher ausführen?
A.: Naja, wir haben nur ein Zimmer.
B.: Wir haben nur eine Küche.
A.: Wir können einfach nicht zusammen Zuhause sein.
B.: Du fängst Streit an, sobald ich die Augen öffne. Das fängt doch schon beim Frühstück an.
A.: Klar, weil sie dann immer diese Wurst fressen muss.
B.: Und du bist ein prüder, verknöcherter Körnerfresser!
A.: Genau, du zwangsüberfütterte, dumme Pute.
B.: Ich liebe Sauerkraut.
A.: Ich liebe Sauerkraut.
T.: Sie lieben Sauerkraut und haben sich bei der Sauerkrautherstellung in der ehemaligen Gartenstadt ‚Eden‘ bei Berlin, heute ‚Eden Gemeinnützige Obstbau-Siedlung e.G.‘, kennengelernt:
'Die nördlich von Berlin in Oranienburg liegende Siedlung ‚Eden Gemeinnützige Obstbau-Siedlung e.G.‘ wurde am 28. Mai 1893 von 18 Berliner Vegetariern im Westteil der Stadt als erste vegetarische Siedlung in Deutschland noch vor dem ‚Monte Verità‘ unter dem ursprünglichen Namen ‚Vegetarische Obstbau-Kolonie Eden e. G. m. b. H.‘ gegründet.
Das Siedlungsgelände wurde in so genannte Heimstätten aufgeteilt und in Erbpacht zunächst ausschließlich an Vegetarier vergeben. Aus finanziellen Gründen wurden ab 1901 jedoch auch Nicht-Vegetarier aufgenommen und der Name in ‚Gemeinnützige Obstbausiedlung‘ geändert.
Die Tierschlachtung und der Verkauf von Fleisch blieb innerhalb von Eden jedoch verboten.
Jede Heimstätte wirtschaftete für sich, darüber hinaus gab es den genossenschaftlichen Obstbau als Erwerbsquelle.
Ab der Zeit des Ersten Weltkrieges öffnete sich ‚Eden’ völkischen und antisemitischen Tendenzen. So wurde 1916 erklärt, dass zum 'Siedeln' im Sinne der Siedlung eine 'deutsch-völkische Gesinnung' Voraussetzung sei, zu welcher wiederum nur 'deutsches Ariertum' befähige.
A. & B. im Chor:
'1900: Die kleine Siedlung Eden geht mit 15.000 Obstbäumen, 50.000 Beerensträuchern, 3.000 Haselnusssträuchern, 200.000 Erdbeerpflanzen und 20.000 Rhabarberstauden in das 20. Jahrhundert.
1923: Das Erbbaurecht wird eingeführt und Eden wird die Gemeinnützigkeit anerkannt. Mit 450 Mitgliedern erreicht die Genossenschaft einen Höchststand.
1932: Den Höhepunkt der Edener Geschichte bildet der in Eden stattfindende 8. Internationale Vegetarier-Kongress. Er bringt die weltweite Anerkennung der Edener Bestrebungen für ein gesundes und sozial motiviertes Leben in kleiner Gemeinschaft. In diesem Jahr wird das Entbindungsheim Rosel Kohler-Landmann gegründet. Es ist die Geburtsstätte ganzer Generationen von Edenern.
1931: Als neues Produkt wird Sauerkrautsaft und EDEN-Frischkost-Sauerkraut hergestellt und verstärkt den Namen EDEN.
1940: Die Margarineherstellung, wichtigstes Standbein der Genossenschaft, muss eingestellt werden.
1949: Eden wird in das Planwirtschaftssystem der DDR eingebunden und 1972 als ‚volkseigener Betrieb‘ übernommen.
1990: Eden beantragt die Rückgabe des Obstverwertungsbetriebes sowie die der in staatlicher Verwaltung befindlichen Häuser und Grundstücke.
1991: Die Eden-Waren GmbH wird durch Verkauf von der Sandoz AG/Schweiz übernommen. Die Genossenschaft besteht auch heute noch und ist in verschiedenen Geschäftsbereichen aktiv.'
B.: Das mussten wir auswendig lernen und beim Sauerkrautstampfen gemeinsam singen. Alle Stampfer zusammen.
A.: Wir sind dann zusammen abgehauen.
B.: Haben ‚rübergemacht‘, wenn man so will. 92 war das.
A.: Haben uns selbstständig gemacht, mit einer Imbissbude.
B.: Sauerkraut machen konnten wir ja.
A.: Haben nur noch die Würstchen gefehlt.
B.: Das Fleisch.
A.: Hot-Dogs, ich habe mit Hot-Dogs angefangen. Hatte so’nen Bauchladen. Fleischlose Hot-Dogs, versteht sich. Vegane Hot-Dogs.
B.: Lächerlich.
A.: Lief wie geschmiert, Mini-Job, den ganzen Tag unterwegs, von Volksküche zu Volksküche und dann die Festivals im Sommer, von Fusion bis Melt, ich war überall dabei.
B.: Und ich sass in Berlin 'rum. Hab kranke Punker-Hunde gepflegt. Haarausfall hatten die alle von der veganen Ernährung.
A.: So ein Quatsch. Haarausfall hatten die von dem ganzen Dope, das rumlag. Und der ganze Hass aufeinander, 30 Hunde auf 8 Menschen, das muss doch Haarausfall machen!
B.: Na guck’ doch mal in’ Spiegel, bist doch selbst der beste Beweis mit deiner Glatze, das kommt von dem ganzen Soja.
A.: Und was is’ mit deinen Kamelen da im Streichelzoo, die ham’ keine Haarausfall, was? Haste mir doch neulich erst erzählt und gemeint, das kommt daher, dass die so zusammengepfercht sind.
B.: Ich hab gesagt, das kommt daher, dass die den ganzen Tag gestreichelt werden.
A.: Weil ich dir an die Titten gefasst hab.
B.: Ja, beim Essen - Wurst-Titten hast du zu mir gesagt.
A.: Weil du zu mir gesagt hast, mein Pimmel wär’ so klein wie meine Hot-Dogs.
B.: Die sind ja auch klein und satt wird man auch nich’ davon.
A.: Fett wird man auch nicht davon.
B.: Was soll denn das jetzt heissen, ich flip' gleich aus, das muss ich mir nicht von so’nem Sozialfall wie dir sagen lassen!
A.: Nur weil deine Eltern ihrem Pferdemädchen ne Ausbildung bezahlt haben...
B.: Nur weil dein Vater Metzger ist...
T.:
Danke, Herr A. und Frau B., ich bin jetzt einigermassen im Bild, wo der Hase langläuft.

IV

Berlin, 23.03.2012

Liebe Beth,

endlich wird es Frühling! Den ganzen Tag schien heute die Sonne!
Ich mache einen Abendspaziergang durch die Hasenheide zum veganen Sexshop.
Ich kann der amerikanischen Besitzerin eventuell Deutschunterricht erteilen, kein Codewort für eine ausgefallene Sexpraktik, sondern einfach nur Deutschunterricht mit dem Schwerpunkt Vokabular und Grammatik von Verkaufsgesprächen.
Es dämmert schon, die Luft ist noch lau.
Im Zwielicht passiere ich den Streichelzoo mit dem immer schlecht gelaunten Esel und den zwei Kamelen. Diese liegen seltsam auf- oder unter- oder auch umeinander - die prallen Höcker ineinander verschränkt, die langen Beine ineinander verwickelt, träge, die Augen halb geöffnet, kauen sie vor sich hin, eine braune Masse aus Fell.
Ich betrachte sie eine Weile und beschliesse, eben weil die Luft so schön lau ist, einen kleinen Umweg durch das sogenannte ‚Wäldchen‘ - der Weg steigt dort serpentinenartig steil an und ist gesäumt von Nadelbäumen.
In einiger Entfernung leuchtet und schwebt pulsierend ein weisser Fleck auf dem Pfad - neugierig geworden beschleunige ich meine Schritte.
Als ich näher komme, merke ich, dass kein Geist, sondern ein sehr reales und ziemlich fülliges Mädchen in einem weiß-rosa Jogginganzug schwer atmend, die Hände angestrengt zu Fäusten geballt, anscheinend bemüht, möglichst schnell zu gehen, den Weg hochkeucht. Das Mädchen hat schulterlange, fast schwarze, verschwitzt aussehende Haare und ein rosa Stirnband um den Kopf. Links- und rechts von ihrem Oberkörper wie auch links- und recht von ihrem Rückgrat wogen und wippen, gut durch den vom Schweiss transparent gewordenen Jogginganzug hindurch sichtbar, viele kleine pralle Hautröllchen. Ich finde diese Hautröllchen äusserst interessant - um nicht zu sagen furchtbar anziehend. Sie erinnern mich an Kochschinken-Arrangements auf einem silbernen Tablett, eine 50er-Jahre Teeparty. Ich würde sehr gerne einmal in diese Röllchen hineintasten, denke ich und merke in diesem Moment, dass das Mädchen sein Tempo scheinbar enorm beschleunigt hat und sich schnell von mir entfernt. Unwillkürlich beschleunige auch ich. Ich hatte jahrelang einen Hund und habe mir damals angewöhnt, immer ziemlich schnell hinter diesem herzulaufen, sobald man ihn nämlich aus den Augen verlor, verschwand er gern im Unterholz und naschte Junkie-Scheisse, hütete Schafherden, riss Müllsäcke oder Hühner auf Hausbooten, versuchte Ferkel zu erlegen und auch andere Hunde, folgte also zügig seinen fleischlichen Gelüsten. Aus Gewohnheit, quasi instinktiv folge ich nun dem Mädchen.
Mir wird langsam warm, ich komme ins Schwitzen, unten am Rücken.
Das Mädchen ist um eine Kurve gebogen und befindet sich ausserhalb meines Sichtfeldes. Als ich jedoch um die Kurve biege, sehe ich, dass es stehengeblieben ist, sich zu mir umgedreht hat und mich anblickt. Mit blauen Augen. Mich durchfährt es heißkalt, ich fühle mich ertappt und laufe ein wenig langsamer, komme dem Mädchen dennoch immer näher, ebenso angstvoll wie freudig den Moment der Kollision erwartend. Das Mädchen jedoch nimmt plötzlich doppelt so schnell sein Tempo wieder auf und läuft davon, wobei es sich jedoch seltsamerweise zu mir umdreht und mir zuwinkt, als wolle es mich zur Eile antreiben. Ich beschliesse, langsamer zu laufen. Und siehe da, das Mädchen bleibt erneut stehen, es trippelt hin- und her und treibt mich eindeutig zur Eile an, einen ungehaltenen Ausdruck auf dem Gesicht.
Ich sehe, dass es eine regenbogenfarbene Fliege um den Hals trägt, deren dünnes Gummiband ihr tief in die Speckfältchen am Hals einschneidet, was ihr zugegebenermassen sehr gut steht. An ihren weissen Jogginganzug hat sie kurz über ihrer rechten Brust mit einer absurd grossen Sicherheitsnadel eine goldene Kette befestigt, die in der linken Seitentasche des Jogginganzugs verschwindet. Sie zieht nun an dieser goldenen Kette, eine goldene Taschenuhr taucht auf, die sie aufklappt und die Zeit abliest. Daraufhin schaut sie auf, sieht mich furchtbar streng an, klappt die Uhr geräuschvoll wieder zu, macht eine halb lockende, halb drohende Geste mit ihrem rechten Zeigefinger in meine Richtung und rast dann buchstäblich davon, mit wippendem Haar und wippenden Hüften.
Mir bleibt nichts anderes übrig, als hinterherzulaufen.
Ich komme kaum hinterher. Ich bin in letzter Zeit nicht so fit. Ich habe viel geraucht und auch viel getrunken, hauptsächlich Wodka. Ich fühle mich nicht so gut. Ich bemühe mich, meine Interessen zu verfolgen, aber es gelingt mir nicht so richtig. Es kommt alles nicht so gerade heraus, wie es sollte.
Beispielsweise mache ich mich eben nicht auf den Weg zum veganen Sexshop, um ein superheisses Sexspielzeug zu erstehen, ein Sexspielzeug, das ich sogleich ausprobieren werde, vielleicht in einer Umkleidekabine des Kaufhauses Karstadt, das auf halben Weg zwischen Sexshop und meiner Wohnung liegt, vielleicht aber auch Zuhause, wo ein heisser Junge oder auch ein heisses Mädchen in meinem Bett liegt, von mir aus auch ein sowohl-als-auch - sondern ich mache mich auf den Weg zum veganen Sexshop, um gegebenenfalls Deutschunterricht zu erteilen. Das ist vielleicht nicht wirklich unerotisch, aber doch sehr pragmatisch.
Und statt als schwuler Junge Sex im Park zu haben, renne ich einen matschigen Trimm-Dich-Pfad entlang, von einem fülligen Mädchen grundlos derart zur Eile angetrieben, dass ich davon ganz kopflos werde, panisch fast.
Es wird langsam dunkel, ich habe Angst, zu stolpern, zu fallen, mir ein Bein zu brechen, und dann im Wald herumzuliegen: keiner findet mich, in der Dunkelheit, nachts, ausser einem Fuchs vielleicht, die gibt es hier nämlich, Füchse, und wo Füchse sind, sind auch Bären und wenn es keine Bären gibt, dann zumindest Ratten oder Eichhörnchen, die kommen von den Bäumen runter und knabbern alles an, was da so rumliegt, nachts im Park, Pökelfleisch und harte Bahlsenkekse für harte Zeiten - ich höre es in der Ferne grollen und donnern, was nur selten etwas Gutes bedeutet, eine Free-Party oder Gewitter oder einen Tsunami oder auch Flakfeuer, Arbeitsagentur, Gesichtsverlust, reine, pure Angst - wer will mir ans Leder und mich abziehen.
Wir laufen panisch, angstgetrieben - das weisse Mädchen und ich - vielleicht aber hat auch nur das Mädchen Angst, Angst vor Verfolgern im Allgemeinen vielleicht, Angst vor Jägern, Kaninchennatur, immer Haken schlagen und auf der Hut sein, sogar wenn keiner da ist, der einen verzehren will.
Ich denke kurz, vielleicht denkt das Mädchen, ich sei der Feind, habe Kaninchenbraten-Appetit und Schoko-Igel, daher das blödsinnige Gerenne. Ich möchte es gern beruhigen, ihm zurufen: ‚keine Sorge Mädchen, ich esse kein Fleisch, hab keine Angst. Ich bin ganz vegan!‘ Denke dann aber, was, wenn eine Notsituation eintritt, eine Robinson-Situation auf dem Trimm-Dich Pfad, nur Kaninchen und ich, beide sehr hungrig.
Wir fallen uns an. Kaninchen hat Zähne und ich habe Hände. Zähne in Fleisch und Hände in Fleischröllchen schlagen und rollen, kneifen, beißen, keuchen. Allerdings mit bloßen Händen Kaninchen zu erwürgen, meine Fingernägel in ihre Speckfältchen am Hals zu graben oder gar meine Zähne in ihr weisses Fleisch zu schlagen, erscheint mir absurd. Wahrscheinlich schlägt nämlich vielmehr sie ihre Zähne in meinen Hals, beisst mich und lässt mich ausgeblutet zurück - Kaninchen haben nämlich auf jeden Fall die besseren Zähne, kauen den ganzen Tag auf alten Autoreifen herum wie Biber. Oder Marder. All diese Tiere sind mutiert oder degeneriert und machen sich gegenseitig das Leben zur Hölle, den Lebensraum streitig, schlimmer als Werbeagentur-Angestellte. Werbeagentur-Angestellte würden sich ganz anders verhalten.
Vermutlich zielgerichteter. Strategischer. Ich hingegen laufe hier im Wald herum ohne Plan aber mit Begehren, ja schlichtweg mit reiner Gier nach Kaninchenfleisch. Diese Erkenntnis trifft mich wie ein Schlag und ist mir unheimlich, so kenne ich mich nicht: nach 20-jähriger fleischloser Ernährung fühle ich mich infiziert, ein Biobauer, ein McDonalds, ein American Psycho tobt ungebeten entfesselt durch mich durch. Das Wetter ist umgeschlagen.
Plötzlicher Sturm. Schlagartige Dunkelheit. Böiger Wind. Strömender Regen. Winter in Hamburg. Auf dem Weg nach Hause mit dem Fahrrad. Ich halte kurz unter einer S-Bahn Brücke an, wische mir Wasser aus den Augen, schüttele mir Wasser aus den Schuhen und fluche.
‚Kann ich dich ein Stück begleiten?‘
Ich schaue irritiert zu Seite, dort steht plötzlich jemand, ohne Fahrrad, schaut mich an. Der Stimme nach zu urteilen eine junge Frau, erkennen kann ich nichts. Bis auf die Augen ist die Person vermummt, winterlich abgeschottet durch Kleiderschichten unförmig geworden: Mütze, Schal, Kapuze, Regenjacke, Regenhose, Gamaschen - Wettertrutzburg, keine Kontur.
Ohne Nachzudenken, reflexartig und gut erzogen höre ich mich sagen: ‚Äh, ja klar.‘
Ich will keine Begleitung, ich will nicht laufen, ich will nach Hause, es ist kalt, mein Weg noch weit. Ich schaue verstohlen zur Seite. Kenne ich diese Person? Ich kann wirklich kaum etwas erkennen, Wasser brennt in meinen Augen, läuft mir in Bächen das Gesicht herunter. ‚Ok, gehen wir ein Stück.‘
Schweigend laufen wir nebeneinander her, an einer roten Ampel bleiben wir stehen. Ich beschliesse, auf mein Fahrrad zu steigen und wegzufahren.
In dem Moment streckt die Frau die Hand aus, greift mir zwischen die Beine und fährt mir mit der flachen Hand über den Schwanz. Ich weiche zurück, strecke eine Hand aus und will ihr den Schal vom Gesicht ziehen. Sie weicht mir blitzschnell aus. ‚He, was soll der Scheiss!‘ Sie antwortet nicht, versucht statt dessen, mir erneut an den Schwanz zu fassen. Mir fällt nichts anderes ein: ich greife ihr an die Brust. Blitzschnell schlägt sie mir ins Gesicht. ‚Mach das nicht.‘ Ich halte mir die Backe und fluche. Sie lacht. Ein Auto fährt vorbei, Wasser spritzt an mir hoch. Ich fluche, steige auf mein Fahrrad und fahre los.
Ich fahre, so schnell ich kann, unterschätze zwei Kreuzungen weiter die Höhe eines Bordsteines, rutsche mit dem Vorderrad weg und schlittere seitwärts auf die leere Kreuzung. Vor Verzweiflung fange ich an zu weinen. Das Vorderrad hat eine Acht und meine Hose ein Loch am Knie. Wenn jetzt ein Auto kommt, bin ich tot.
Die Nacht scheint kein Ende zu nehmen, ein Alptraum reiht sich an den nächsten, Würmer kriechen aus meinem Hosenbein, eine Katze sitzt davor, zum Sprung bereit, lauernd, auf Beute wartend, ich versuche mich nicht zu bewegen, eine Mücke sticht mir in den Hals beim Schlagzeugspielen, ich kann mich nicht wehren, weil ich unbedingt den Beat halten will. Vielleicht ist es da manchmal besser, locker zu bleiben und zu verkacken.
In diesem Sinne, liebe B., geniesse den Frühling, sei fest umarmt und grüsse doch bitte Georges ganz herzlich von mir!
Deine I.


Auftragsarbeit zur aktuellen testcard#22 'fleisch', unveröffentlicht.

1 Kommentar:

  1. Moien,
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